Punktlandung

Ist ein Arzt an Bord?

Notfallausrüstung inkl. Defibrillator an Bord einer Linienmaschine - Foto: Austrian Wings Media Crew
Vorbildliche Notfallausrüstung inklusive Defibrillator an Bord einer Linienmaschine - Foto: Austrian Wings Media Crew

Fliegen ist alltäglich geworden. Mehr Menschen als je zuvor nutzen das Flugzeug als Transportmittel. Und bedenken dabei nicht, dass in der Druckkabine dieses Verkehrsmittels Bedingungen herrschen, die denen in rund 3.000 Metern Höhe entsprechen. Immer wieder kommt es deshalb - besonders bei Personen mit angeschlagenem Herz-Kreislaufsystem - zu medizinischen Notfällen in der Luft, weitab jedes Krankenhauses. Dann kommt es nicht nur darauf an, dass medizinisches Personal unter den Fluggästen ist, sondern dieses benötigt auch die entsprechende Ausrüstung und kompetent helfen zu können. Austrian Wings Autor Stefan Schneider hat einen Vorfall der jüngsten Vergangenheit zum Anlass für diese „Punktlandung“ genommen.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. - Damit hat Reinhard Mey vermutlich Recht. Deutlich begrenzt sind allerdings die Möglichkeiten, im Falle eines Notfalls medizinisch zu intervenieren. In der Regel verfügen die Kabinenbesatzungen über keine erweiterte notfallmedizinische Qualifikation – sie können grundsätzliche Erste Hilfe Maßnahmen ergreifen, doch bis zur Möglichkeit des Eingreifens professioneller medizinischer Hilfe kann das unter Umständen zu wenig sein.

Ein Arzt ist auf rund 70 % aller Flüge an Bord

Rein statistisch gesehen befinden sich auf etwa 70 Prozent der Flüge ein Arzt, manchmal sogar mehrere medizinisch qualifizierte Personen (beispielsweise Krankenpflegepersonal) an Bord. Die meisten von ihnen sind in der Lage und auch bereit, ihr Wissen im Notfall einzusetzen – doch bloß zwei gesunde Hände reichen dazu meist nicht aus. Aus diesem Grund halten renommierte Fluglinien gut ausgestattete „Emergency Kits“ vor. Diese Notfalltaschen verfügen über ähnlich umfangreiche Ausrüstung wie man sie aus Notarztfahrzeugen kennt. Im Regelfall sind lebensrettende Medikamente, Utensilien zur Sicherung der Atemwege, Überwachungsgeräte und Defibrillatoren zur Behandlung bedrohlicher Herzrhythmusstörungen mit dabei.

Lebensrettende Arzneimittel für die Behandlung akut erkrankter Fluggäste - Foto: Schneider

Die Anschaffung und Wartung solcher „Emergency Kits“ ist im Vergleich zu den laufenden Flugbetriebskosten einer Passagiermaschine marginal. Bedenkt man, dass bei einem medizinischen Notfall nicht einfach binnen weniger Minuten ein Notarztteam des Rettungsdienstes an Ort und Stelle erscheinen kann, wird klar, welcher Stellenwert einer basismedizinischen Behandlung an Bord eines Verkehrsflugzeuges zukommt.

Sparen manche Fluglinien bei medizinischer Notfallausrüstung?

Auch an Bord einer englischen Billig-Airline kam es vor Kurzem zu einem Zwischenfall. Wenige Minuten nach ihrem Start aus dem schweizerischen Basel klagte ein Passagier über schwere Kreislaufprobleme. Ein diplomierter Schweizer Rettungssanitäter bot seine Hilfe an – doch an Bord der Maschine stand außer einem kleinen Verbandkasten keinerlei medizinisches Material zur Verfügung. Weder konnte der Sanitäter somit eine grundlegende Diagnostik noch zielgerichtete Therapie einleiten.

Art und Umfang des vorgehaltenen Notfallmaterials in Flugzeugen variieren von Gesellschaft zu Gesellschaft. Im Ernstfall kann jedoch genau diese Ausrüstung unter Umständen über Leben oder Tod eines erkrankten Fluggastes entscheiden. Immerhin finden sich mittlerweile in zahlreichen öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen oder Bürogebäuden Defibrillatoren zum Kampf gegen den plötzlichen Herztod. „Es ist tragisch, wenn ein kritisch kranker Passagier von anwesenden professionellen Helfern nur deshalb nicht adäquat versorgt werden kann, weil die Airline am falschen Ende spart“, so ein erfahrener Flugrettungssanitäter, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Vorbildliche Ausrüstung: Material für Infusionen und rasche Erstbehandlung - Foto: Schneider

Wer an der Sicherheit für seine Passagiere spart, tut dies am falschen Fleck!

Mehrere Redaktionsmitglieder von Austrian Wings hatten gemeinsam mit Rettungsdienstmitarbeitern vor einigen Monaten die Gelegenheit, bei einer renommierten großen Fluglinie eine exklusive Demonstration des an Bord aller Flugzeuge der Airline vorrätigen medizinischen Materials zu erhalten. „Dort ist, wie bei zahlreichen anderen großen Luftverkehrsgesellschaften üblich, umfangreiche Ausrüstung vorhanden, die Leben retten kann“, zeigten sich die Teilnehmer des Workshops erfreut, und sind sich einig: „Jeder, der sich bei einer Billig-Airline ein Ticket kauft, sollte bedenken, dass diese Ersparnis unter Umständen Auswirkungen auf die medizinische Ausstattung an Bord haben könnte.“ Und das könnte so mancher Fluggast im Ernstfall vermutlich teuer bezahlen – schlimmstenfalls mit dem eigenen Leben.

Text: S. Schneider

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.