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Londons Flugretter im Portrait: 25 Jahre "Flying For Lives"

London - eine Stadt der Superlative. Luftfahrtenthusiasten denken dabei sofort an den Flughafen Heathrow - Europas Nummer-1-Airport und unverzichtbares Drehkreuz. Doch auch inmitten der Stadt gibt es in puncto Luftfahrt Interessantes zu entdecken: Die Londoner Flugretter leisten in vielerlei Hinsicht Pionierarbeit, und das bereits seit einem Vierteljahrhundert.

Austrian Wings hat Londons Flugretter anlässlich ihres 25-Jahre-Jubiläums besucht.
Video: V-I-P.tv

Wenn ein roter Hubschrauber vom Typ MD 902 Explorer über die britische Metropole jagt, geht es zumeist um Minuten - und Menschenleben. London's Air Ambulance (LAA), so der Name der als Wohltätigkeitsorganisation betriebenen Flugrettung, hat sich auf Einsätze spezialisiert, bei denen Patienten schwerste Verletzungen erlitten haben und der Behandlung durch ein hochqualifiziertes Trauma-Team bedürfen.

Heuer, 2014, feiert die Organisation ihr 25jähriges Bestehen. Vieles ist zur täglichen Routine geworden - etwa, dass die Maschine jeden Morgen vom Royal Air Force Stützpunkt Northolt auf das Dach des Royal London Hospital geflogen wird, wo sie tagsüber bereit steht, um zu kritischen Einsätzen gerufen zu werden. Abends, vor Einbruch der Dunkelheit, geht es dann wieder zurück zur Luftwaffenbasis. "Doch wenn wir nicht fliegen, ist das medizinische Team trotzdem rund um die Uhr im Einsatz", erklärt Flugrettungspilot David Rolfe im Gespräch mit Austrian Wings. "Sie benützen dann unsere Notarzt-Einsatzfahrzeuge." Denn nachts sind Landungen im Londoner Stadtgebiet einfach zu gefährlich. "Wegen der Leitungen, Kabel und weil man einfach nicht sieht, wo man landet", ergänzt Notarzt Dr. Gareth Grier, medizinischer Leiter von London's Air Ambulance.

Die Londoner Rettungsflieger sind 24 Stunden täglich im Einsatz - wenn der Helikopter nicht fliegen kann, per Pkw.
Die Londoner Rettungsflieger sind 24 Stunden täglich im Einsatz - wenn der Helikopter nicht fliegen kann, per Pkw.
Bei Dunkelheit oder extremem Schlechtwetter stehen Notarzt-Einsatzfahrzeuge als "Hubschrauber-Ersatz" bereit.
Bei Dunkelheit oder extremem Schlechtwetter stehen Notarzt-Einsatzfahrzeuge als "Hubschrauber-Ersatz" bereit.

Der Einsatzradius der Londoner Luftretter erstreckt sich typischerweise auf das Gebiet innerhalb der Autobahn M25, die den Großraum London umgibt. "Unsere Durchschnitts-Flugzeit beträgt sieben Minuten, und in in etwa 11 Minuten erreichen wir tendenziell jeden Punkt in unserem Einsatzgebiet", so Cpt. Rolfe.

Ein Zeitvorteil, der besonders bei schwer verletzten Patienten wesentlich zu deren Prognose beiträgt. Denn die LAA-Teams verstehen sich als Spezialisten für lebensbedrohliche Traumata. Innerhalb der 25 Jahre ihres Bestehens haben sie Maßnahmen entwickelt, die in den meisten anderen Rettungssystemen weltweit nicht angeboten werden. Als Standardverfahren bei Schwerstverletzten, die penetrierende Wunden aufweisen - etwa Stich- oder Schussverletzungen - wird unmittelbar an der Einsatzstelle die Brusthöhle des Patienten operativ eröffnet, um dem Arzt die Möglichkeit direkter Intervention zu geben. Studien haben gezeigt, dass solcherart verletzte Patienten, die im Regelfall keine Überlebenschance hätten, nach Anwendung der Notoperation direkt am Unfallort eine Langzeit-Überlebensprognose von 17,8 % aufweisen. Auch Unfallopfer, bei denen infolge ihrer schweren Verletzungen ein Herzstillstand eingetreten ist, haben nach Behandlung durch die LAA-Experten eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 7,5 % - der internationale Wert bei dieser Patientengruppe liegt bei 0 bis 3 %.

Pionierarbeit: Ein LAA-Flugrettugsteam zeigt in dieser Trainingssimulation, wie im Bedarfsfall bereits am Einsatzort am offenen Brustkorb operiert wird.
Pionierarbeit: Ein LAA-Flugrettungsteam zeigt in dieser Trainingssimulation, wie im Bedarfsfall bereits am Einsatzort am offenen Brustkorb operiert wird.

Die umfassenden lebensrettenden Maßnahmen, welche die Londoner Flugretter zum Einsatz bringen, erfordern regelmäßiges Training. Und das steht täglich auf dem Programm: "Unsere Crews nützen die Zeit zwischen den Einsätzen, um zu üben und Unfallszenarien nachzustellen", betont Pressesprecherin Eva Petrova gegenüber Austrian Wings. Hierfür verwandelt sich die Dachplattform des Stützpunktkrankenhauses in ein "Medical Mock-Up"-Zentrum: verschiedenste Simulatoren, Übungspuppen und Trainingsmaterial stehen dort bereit, um alle nur erdenklichen Einsatz-Szenarien nachstellen und beüben zu können.

In den Anfängen der LAA-Luftrettung waren die seit jeher in Leuchtorange gekleideten Flugretter noch mit einem Helikopter der Type SA 365N Dauphin mit der Kennung G-HEMS unterwegs. Schon bei diesem Modell hat sich der ummantelte Fenestron-Heckrotor bewährt - er verschafft ein deutliches Sicherheitsplus bei Landungen im dicht verbauten Stadtgebiet. Auch der nachfolgende Hubschrauber, der MD 902 Explorer, kommt dank "NOTAR"-System ohne Heckrotor aus. Dieses Fluggerät steht seit 14 Jahren in Großbritanniens Haupstadt im Einsatz und trägt die Registrierung G-EHMS.

Der MD 902 Explorer hat sich für die Aufgaben von London's Air Ambulance als optimal erwiesen.
Der MD 902 Explorer hat sich für die Aufgaben von London's Air Ambulance als optimal erwiesen.

Nicht geändert hat sich auch die Tatsache, dass an Bord der Maschine stets zwei Piloten zu finden sind. "Das liegt an der komplexen Luftraumsituation, in der wir hier in London arbeiten", erläutert Pilot Rolfe. "Der zweite Pilot bringt sozusagen ein zweites Paar an 'fliegerischen Augen und Ohren' in die Kabine." Hinter Pilot und Co-Pilot finden Arzt und Sanitäter Platz, zusätzlich befindet sich oft auch ein Auszubildender mit an Bord.

LAA-Pilot Cpt. David Rolfe im Gespräch mit Austrian Wings, hoch über den Dächern der Stadt...
LAA-Pilot Cpt. David Rolfe im Gespräch mit Austrian Wings, hoch über den Dächern der Stadt.

Obwohl der Hubschrauber natürlich darauf ausgelegt ist, Patienten in ein Krankenhaus zu fliegen, werden 6 von 10 behandelten Verletzten - nach ihrer Erstversorgung am Unfallort - bodengebundenen zur klinischen Behandlung transportiert. Die medizinische Crew des Hubschraubers steigt dann kurzerhand in den Rettungswagen zu. Wird ein Patient per Helikopter geflogen, geht es zumeist ins Stützpunktkrankenhaus. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Hubschrauberlandeplätze an Londoner Kliniken die Ausnahme darstellen - neben dem Royal London Hospital gibt es mit dem St. George's Hospital nur ein einziges weiteres Spital, das seit kurzem über ein Helipad verfügt; kommendes Jahr soll auch das King's College Hospital einen Landeplatz erhalten. Generell, so bestätigt Cpt. Rolfe, sei es - abhängig vom Notfallort - in vielen Fällen genau so schnell, den Patienten im Rettungswagen zum nächsten Trauma-Schwerpunktkrankenhaus zu bringen, als per Hubschrauber. Hauptaufgabe von LAA bleibt vorrangig der rasche Antransport eines spezialisierten medizinischen Teams an die Einsatzstelle, um eine zielgerichtete Behandlung so früh als möglich einleiten zu können.

Londons Notarzthubschrauber soll schon bald Unterstützung durch eine zweite Maschine desselben Typs erhalten.
Londons Notarzthubschrauber soll schon bald Unterstützung durch eine zweite Maschine desselben Typs erhalten.

Für die Zukunft haben die Londoner Flugretter viel vor - unter anderem steht die Beschaffung einer zweiten Maschine, ebenfalls vom Typ MD 902 Explorer, auf der Agenda. Sie soll so bald als möglich in den Dienst gestellt werden. Doch wie viele europäische Luftrettungsbetreiber ist auch London's Air Ambulance als Wohltätigkeitsorganisation (Charity), die nur zum Teil von staatlicher Seite unterstützt wird, auf Unterstützer und Spenden angewiesen. "Andererseits gibt uns die Unabhängigkeit als Charity auch jene Freiheit, die wir brauchen, um unsere Aufgaben mit größtmöglicher eigener Entscheidungsfreiheit wahrnehmen zu können", betont Sprecherin Petrova - während die rote Einsatzmaschine schon wieder vom Dach des Krankenhauses zum nächsten Notfall abhebt.

(red Aig / Fotos: MA, LAA, V-I-P.tv, Austrian Wings Media Crew; Titelbild: Matthew Bell)