Punktlandung

Wenn alle Katzen grau sind: Nachteinsatz per Hubschrauber

Christophorus 2 testet per Anfang 2017 erstmals einen rund-um-die-Uhr-Einsatzbetrieb. Warum der flächendeckende Nachteinsatz von Notarzthelikoptern auch in Österreich eine deutliche Verbesserung der präklinischen Notfallmedizin darstellen könnte, aber weshalb man ein solches Vorhaben nicht von heute auf morgen in die Tat umsetzt, beleuchtet diese Punktlandung.

Schauplatz: eine kleine Katastralgemeinde im niederösterreichischen Weinviertel. Eine jener Ortschaften, die man als "verschlafenes Nest" bezeichnen könnte. Gut 400 Einwohner, wenig Infrastruktur. Es ist eine jener Gegenden, wo sich nicht nur sprichwörtlich Fuchs und Hase, sondern eben auch Sonnenuntergang und Notarzthubschrauber Gute Nacht sagen.

An eben diesem Schauplatz bricht ein Mann auf seinem Grundstück leblos zusammen. Herzinfarkt, Kreislaufstillstand. Hilfe kommt zunächst per Notarztwagen aus der gut zwölf Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt. Der Notarzt kann den Einsatzort bodengebunden binnen 15 Minuten erreichen. Nach aufwändiger medizinischer Stabilisierung vor Ort ist der erfolgreich wiederbelebte Patient soweit transportfähig, dass er ins Krankenhaus gebracht werden kann.

Einsatz bei einbrechender Dunkelheit: ein Christophorus-Hubschrauber übernimmt ein kritisch krankes Kleinkind vom bodengebundenen Notarzt für einen raschen Transport in eine Spezialklinik.
Einsatz bei einbrechender Dunkelheit: ein Christophorus-Hubschrauber übernimmt ein kritisch krankes Kleinkind vom bodengebundenen Notarzt für einen raschen Transport in eine Spezialklinik.

Bloß: im nächstgelegenen Schwerpunktkrankenhaus, das in einer Viertelstunde erreicht werden kann, ist das so dringend benötigte Herzkathetherlabor nicht aufnahmebereit. Auch die interne Intensivstation hat keine freien Kapazitäten mehr. Der kritisch kranke Patient muss also in Windeseile in eine andere geeignete Versorgungseinrichtung.

Im geschilderten Fall war dies ein Job für den parallel alarmierten Notarzthubschrauber Christophorus 2 aus Gneixendorf bei Krems. Er ist knapp 70 Kilometer Luftlinie entfernt stationiert und das schnellsteintreffende Flugrettungsmittel, nachdem der Wiener Hubschrauber Christophorus 9 bereits bei einem anderen Einsatz gebunden war. Die Flugretter unterstützten das Notarztwagenteam bei der Reanimation, Stabilisierung und übernahmen anschließend den Transport. Auf dem Luftweg war der Patient anschließend in einer Viertelstunde im geeigneten Spital, dem Universitätsklinikum Sankt Pölten.

"Mit dem Notarztwagen hätte der Transport mindestens eine Stunde gedauert. Es sind über hundert Kilometer Fahrtstrecke zwischen Notfallort und Klinik", erklärt ein Sanitäter, und fügt hinzu: "Das ist nicht nur kritisch für den Patienten, sondern bedeutet auch, dass es im eigentlichen Einsatzgebiet für lange Zeit keinen kurzfristig verfügbaren Notarzt für weitere Notfälle gibt, wenn der Notarztwagen so lange weg ist." (Übrigens ereilte den betreffenden Notarztwagen passenderweise nur wenige Augenblicke nach dem Abflug von "C2" tatsächlich ein Folgeeinsatz!)

Glück im Unglück für den Patienten, dass er sich für seinen Herzinfarkt die Nachmittagsstunden ausgesucht hatte. So lief seine Rettungskette reibungslos.

Notfälle richten sich nicht nach Bürozeiten

"Allerdings kommen derartige Fälle natürlich auch nachts regelmäßig vor. Notfälle richten sich nicht nach der Dienstzeit von Hubschraubern", so der langjährig erfahrene Notarztwagen-Sanitäter. Da könne es schon vorkommen, dass man mit einem Patienten eben weit über hundert Kilometer in die nächsterreichbare geeignete Klinik fahren müsse, wenn das regional zuständige Krankenhaus die nötigen Versorgungskapazitäten nicht bietet. "Die 'Goldene Stunde' ist dann längst vorbei", sagt der Rettungsprofi.

Zügiger Kliniktransport auch bei Dunkelheit: für viel Patienten könnte dies bedeutende Vorteile bringen.
Zügiger Kliniktransport auch bei Dunkelheit: für viel Patienten könnte dies bedeutende Vorteile bringen.

Die "Goldene Stunde" bezeichnet in der Notfallmedizin jenes Zeitintervall, in dem akut erkrankte Patienten - etwa nach schweren Unfällen, einem Schlaganfall oder eben auch Herzinfarkt - spätestens im geeigneten Krankenhaus eingetroffen sein sollten. Danach sinken ihre Chancen auf Überleben oder zumindest einen guten Genesungsverlauf rapide. Der Notarzthubschrauber spielt also gerade in ländlichen Regionen seine unbestreitbaren Zeitvorteile aus, wenn es um das schnelle Zubringen der Notfallspezialisten und einen anschließend zügigen Transport in ein geeignetes Krankenhaus geht. Denn nicht immer ist das bodengebunden nächsterreichbare Spital auch ein für das Notfallbild des Patienten geeignetes.

Aktuell ist jedoch spätestens zu Sonnenuntergang Schluss mit der Einsatzbereitschaft heimischer Notarzthubschrauber. Dann besteht das Netz der präklinischen Notfallmedizin nur noch aus bodengebundenen Einsatzmitteln: Rettungswagen, Notarztwagen oder Notarzteinsatzfahrzeug. Diese sind zwar zumeist durchaus schnell am Einsatzort, aber eben nicht immer die erste Wahl für einen späteren Kliniktransport.

Höchste Zeit also, auch in der Dunkelheit die Helikopter in die Luft zu bekommen, meinen Experten.

"Keine Zeitersparnis?"

Allerdings scheinen selbst langgediente Rettungsdienst-Funktionäre die Vorteile des Hubschraubers nicht immer zu erkennen. "In der Nacht fliegen, nun ja - es gibt doch bodengebundene Einsatzmittel! Für Primärereignisse keine Zeitersparnis!", schreibt ein über viele Jahre hinweg als Leiter einer burgenländischen Rotkreuz-Bezirksstelle tätiger Sanitäter auf der Facebook-Seite der ÖAMTC-Flugrettung. Die Notwendigkeit, einen erfolgreich erstversorgten Patienten unter Umständen in eine weiter entfernte Klinik befördern zu müssen, scheint der ehrenamtliche Helfer dabei zu übersehen.

Ein Nachtsichtgerät allein macht noch keinen sicheren Rettungsflug bei Dunkelheit. Hierzu bedarf es intensiver Ausbildung des gesamten Teams und einer ausgeklügelten Einsatzlogistik.
Ein Nachtsichtgerät allein macht noch keinen sicheren Rettungsflug bei Dunkelheit. Hierzu bedarf es intensiver Ausbildung des gesamten Teams und einer ausgeklügelten Einsatzlogistik.

Doch die Hubschrauber-Crews einfach mit Nachtsichtgeräten auszustatten, um anschließend einen 24-Stunden-Betrieb zu initiieren, ist selbstverständlich zu wenig. Denn das Fliegen in der Dunkelheit ist um ein Vielfaches anspruchsvoller als untertags. Kabel, Seile, Hochspannungsleitungen - es gibt zahlreiche Hindernisse, die einem landenden oder startenden Hubschrauber zur kritischen Falle werden können.

Speziell in den Vereinigten Staaten sind die meisten Rettungshelikopter rund um die Uhr einsatzbereit. Und gerade in Übersee ereignen sich immer wieder dramatische Abstürze, die nicht etwa auf technisches Versagen, sondern Kollisionen in schlechten Sichtverhältnissen zurückzuführen waren. Sind Außenlandungen am Notfallort oft tagsüber schon ein herausforderndes Unterfangen, können sie sich nachts als höchst kritisch herausstellen.

Sportplätze könnten vielerorts geeignete Nachtlandezonen für Notarzthubschrauber darstellen. - Foto: ZVG
Sportplätze könnten vielerorts geeignete Nachtlandezonen für Notarzthubschrauber darstellen. - Foto: ZVG

Eine Möglichkeit zur Optimierung könnte sein, regional definierte "Nachtlandeflächen" auszuwählen. Selbst die meisten kleinen Gemeinden verfügen typischerweise über einen Sportplatz, oft sogar mit einer Flutlichtanlage ausgestattet. Lokale Freiwillige Feuerwehren hätten die Möglichkeit, zu derartigen geeigneten Landezonen im Bedarfsfall für Zugang zu sorgen und sogar Ausleuchtung sicherzustellen. Ein Patient könnte somit per Rettungs- oder Notarztwagen zum nächstgelegenen geeigenten Nachtlandeplatz transportiert und von dort aus per Hubschrauber in die passende Zielklinik geflogen werden. Auch wenn sich daraus ein gewisser zeitlicher Nachteil gegenüber einer unmittelbaren Landung am Notfallort ergibt, so würde es in den meisten Fällen doch eine enorme Zeitersparnis bedeuten, mit der ein Patient ein weit entferntes, aufnahmebereites Krankenhaus erreichen kann.

Die zunehmende Spezialisierung von Krankenhäusern trägt mit Sicherheit zum Wohl der Patienten teil - aber nur, wenn diese eine solche Klinik auch zeitnah erreichen können. Was die Flugrettung tagsüber bereits hervorragend bewerkstelligt, könnte zukünftig auch nachts ein unschätzbarer Gewinn für akut erkrankte oder schwer verletzte Patienten werden. Es bleibt also zu hoffen, dass sich das 2017 startende Pilotprojekt eines 24-Stunden-Einsatzbetriebs von Christophorus 2 nicht nur sichtbar bewährt, sondern anschließend auch rasch auf ein möglichst flächendeckendes Modell ausgedehnt wird.

Text: AG
Fotos: Austrian Wings Media Crew

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.