Punktlandung

Fürchtet euch, die (Flug-) Rettung ist nah...? - Kostenwucher bei US-Anbietern

Bell 206 Long Ronger der Air Evac Luftrettung, USA (Symbolbild), CC0 1.0

Wer in Österreich auf die Hilfe eines Rettungshubschraubers angewiesen ist, erhält für dessen Einsatz - mit Ausnahme nach Freizeit-Alpinunfällen - keine Rechnung. Anders sieht die Situation etwa in den Vereinigten Staaten aus. Nach einer lebensbedrohlichen Situation inklusive Hubschrauber-Einsatz können die Nachwirkungen für den Patienten oder seine Familie durchaus existenzbedrohend ausfallen.

Colton Lightfoot (17) aus Texas war im Mai 2016 in einen schweren Motorradunfall verwickelt. Nach einem Sturz wurde er von nachkommenden Bikern überrollt. Erinnern kann er sich an den Unfall selbst nicht mehr, doch sein Vater war Augenzeuge. "Rettungskräfte legten meinen Sohn auf ein Rückenbrett und brachten ihn ins Krankenhaus", erzählt er. Im Spital von Sulphur Springs stellte sich nach der CT-Diagnostik eine Fraktur der Wirbelsäule heraus; die Ärzte entschieden, den schwer verletzten Teeanager per Rettungshubschrauber in ein Schwerpunktkrankenhaus nach Dallas zu verlegen.

Zwei Wochen später flatterte den Lightfoots eine Rechnung des Hubschrauberbetreibers ins Haus. Die stattliche Summe: 58.000 US-Dollar (gut 52.000 Euro). Natürlich ist die Famile krankenversichert, doch seitens des Versicherungsträgers werden lediglich 15.000 Dollar für den Lufttransport übernommen. Nun sitzt die Familie auf einem Restbetrag von 43.000 Dollar, den sie abzustottern hat.

Nicht reglementierter Markt sorgt für Preistreiberei
Grund für den Preiswucher: Beim betreffenden Hubschrauberbetreiber handelt es sich um einen Anbieter, der in keinem Vertragsverhältnis mit den Versicherungsgesellschaften steht. Damit legt das Flugunternehmen seine eigenen Preise fest. Und diese Situation ist rechtlich unbedenklich, wie der auf Luftfahrtrecht spezialisierte Anwalt Ladd Sanger aus Dallas bestätigt: "Viele Flugrettungsbetreiber, die zu Notfällen geschickt werden, wollen gar nicht innerhalb von Vertragsverhältnissen arbeiten, weil eben dadurch ihre Tarife reglementiert würden", so der Advokat.

Auch Sarah Oelke aus Oklahoma City machte eine ähnliche Erfahrung. Gleich nach der Geburt ihres Sohnes Garrett litt das Neugeborene unter Atemnot. Eine Verlegung in das Universitätskrankenhaus war unausweichlich, die Klinik forderte den Hubschrauber an. "In diesem Moment denkt man nicht an Rechnungen", so Oelke, selbst Krankenschwester.

Die Realität holte sie jedoch ein, als die Flugrettungsgesellschaft eine Kostennote über 28.000 Dollar übersandte. Auch Oelkes Versicherung leistete nur für einen Bruchteil der Kosten, 23.000 Dollar soll die Familie alleine stemmen. Dagegen geht sie jedoch aktuell gerichtlich vor - um klären zu lassen, ob es wirklich legal sein kann, dass Rettungsdienste derartige unreglementierte Tarife für ihre Leistungen verlangen, wenn es um Situationen geht, in denen Preisvergleiche oder Verhandlungen einfach nicht möglich sind.

Wer den Schaden hat, braucht für den (Preis-) Schock nicht zu sorgen
Die Liste ähnlicher Fälle in den USA ist lang. Vor allem in manchen ländlichen Gegenden herrscht ein unbarmherziger Preiskampf. Flugrettungsbetreiber mit verhältnismäßig geringer Auslastung drehen kräftig an der Preisschraube, um ihre Kosten decken zu können. Auch die zu Europa gegenläufige Tendenz, in Übersee verstärkt günstigere einturbinige anstatt zweimotoriger Hubschraubermodelle einzusetzen, um damit Kosten zu sparen, ist häufig dem Versuch geschuldet, laufende Aufwendungen gering zu halten. Don Wharton, verantwortlich für den Bereich Geschäftsentwicklung des Flugrettungsbetreibers REACH Medical Services, sieht die exorbitant hohen Rechnungen als ein Resultat von "Versicherungsgesellschaften, die nicht willens sind, einen fairen Marktpreis für die Leistung zu bezahlen". Die wiederum spielen den Ball zurück und kontern: Rettungsfluggesellschaften weigerten sich angeblich beständig, tatsächliche Kosten transparent offenzulegen, um auf dieser Grundlage einen fairen Preis verhandelbar zu machen.

Österreich: Abkommen regelt Direktverrechnung
Patienten in Österreich brauchen sich vor einem solchen Horror-Szenario jedenfalls nicht zu fürchten, sollten sie einmal auf die Hilfe der Flugrettung angewiesen sein. Abkommen mit den Sozialversicherungsträgern sorgen dafür, dass medizinisch notwendige Einsätze mit der Krankenkasse direkt abgerechnet werden. Bezahlt wird eine Pauschale, der Patient bleibt unbehelligt.

Passiert allerdings ein Notfall im alpinen Gelände, ist der Zuständigkeitsbereich der Krankenkasse zu Ende. Hier kann es dazu kommen, dass der Patient den Einsatz gänzlich oder zumindest anteilsmäßig bezahlen muss. Laut ÖAMTC, dem größten heimischen Flugrettungsbetreiber, verfügen jedoch über 95 % der Betroffenen über eine zusätzliche Versicherung wie etwa über Kreditkarten oder Automobilklubs, die einen derartigen Hubschraubereinsatz dann abdecken.

Der ÖAMTC ist mit seiner Christophorus-Flotte Platzhirsch in der österreichischen Flugrettung und hat sie ab 1983 maßgeblich mit aufgebaut, Symbolbild - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Ungefähr 10 Millionen Euro gibt die Sozialversicherung jährlich für Rettungshelikopter-Einsätze aus, ohne dass der Patient mit dem Verrechnungsprozess behelligt wird. Im Jahr 2014 haben sich die österreichischen Flugrettungsbetreiber zudem zur "Interessensgemeinschaft Notarzthubschrauber", kurz IG-NAH, zusammengeschlossen. Dort wurde die Grundlage zur Direktverrechnung zwischen Flugrettungsanbietern und Sozialversicherung festgeschrieben, und zwar alle 38 Hubschrauberstandorte in Österreich betreffend, ungeachtet des Anbieters. Die davor gelebte Praxis, dass erst der Chefarzt der Krankenkasse im Nachhinein über die Notwendigkeit des geflogenen Einsatzes und damit die Zustimmung oder Ablehnung eine Kostenübernahme betreffend entschieden hatte, ist seither ebenfalls Geschichte. Ab einem definierten Schweregrad der Verletzung beziehungsweise Erkrankung leistet der Sozialversicherungsträger automatisch, strittige Fälle werden von einer eigens dafür geschaffenen Clearing-Stelle entschieden. Mit Juli 2017 soll zudem eine Tarifanpassung zu Gunsten der Rettungshubschrauberorganisationen erfolgen.

Vor allem Verlegungstransporte von einem Krankenhaus in ein höherwertiges Zentrum, wie in den US-amerikanischen Beispielen eingangs beschrieben, bleiben für einen Patienten in Österreich selbstverständlich kostenfrei. Es wurde eine Pauschale in Höhe von 2.252,50 Euro mit den Krankenkassen vereinbart. Existiert eine Privatversicherung, zahlt unter Umständen auch diese. Forderungen an den Patienten bleiben jedoch tabu.

In der Alpenrepublik reicht also die gesetzliche Krankenversicherung völlig aus, um vor unliebsamen Überraschungen im Rahmen des Alltagslebens geschützt zu sein, kommt es zu einem medizinischen Notfall. Lediglich wer seine Freizeit gerne im alpinen Raum verbringt, sollte auf jeden Fall über eine passende Zusatzversicherung verfügen, die sämtliche damit verbundenen Risiken abdeckt. Wer eine solche Deckung nur temporär, etwa den Skiurlaub, wünscht, kann sogar über diverse Smartphone-Apps passende Kurzzeit-Pakete bei den Versicherungsgesellschaften abschließen. Eine einwöchige Deckung ist dabei schon ab 5 Euro zu haben.

(AG)

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