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"Dogfight über der Strada del Sole" - als Backseater in einer F-16D der US Air Force

Der Autor im hinteren Cockpit der "Fighting Falcon"

Es gibt in unserer technisierten Freizeit- und Actionkultur wohl nicht mehr allzu viele Abenteuer die dem Puristen jenen "Kick" verschaffen können, wie es ein "Ritt" im Rücksitz eines modernen Kampfflugzeuges tut. Mit diesen absoluten Eindrücken in Kopf und Körper hat sich das Abenteuer jedoch auch schon erschöpft. Alles Andere darum herum hat - wider Erwarten - wenig mit den Klischees zu tun, die man sich dank den Segnungen Hollywoods so gemeinhin von der Welt jener "Kinnmuskelspanner" macht, die die Einen als Sci-Fi Super-Elite sehen, die Anderen schlicht als die Gladiatoren des "Weltpolizisten" USA. Welcher Betrachtungsweise man sich auch anschließt, Umfeld, Vorbereitungen, Ablauf und Verarbeitung einer so genannten "Air-Combat-Training"-Mission hinterlassen einfach bleibende Eindrücke. 1998 begleitete der internationale Luftfahrtjournalist Georg Mader eine solche Mission als "Backseater". Hier sein Bericht.

Irgendwie bin ich geneigt zu behaupten, dass die Summe jener Eindrücke die Einstellung eines jeden heutigen Österreichers zu Luftstreitkräften generell verändern würde, nicht nur die des Luftfahrt-Journalisten. Doch Philosophie alleine erklärt weder die F-16 noch Aviano. 45 km westlich von Udine, am Südhang der Dolomiten gelegen, ist Aviano letzter großer Flug-Stützpunkt des NATO-Süd Kommandos AFSOUTH und seit 1994 Hauptausgangspunkt der Ende der 1990er Jahre täglichen Bosnien-Patrouillenflüge. Durch den tragischen Unfall von Cavalese sind die Piloten von Aviano seitdem in aller Munde, auch außerhalb Italiens. Dies irgendwo im Hinterkopf, treffe ich Montag morgens an der Haupteinfahrt der riesigen Basis ein.

Maschinen vom Cavalese-Unglückstyp "EA-6B Prowler"

Tag X -1
Doch gleich drauf losfliegen ist nicht. Hat man einmal die monatelangen Vorlaufzeiten abgewartet, die vom Ansuchen beim Wiener US-Air Attachee, über die vielen Faxe mit der Pressestelle in Aviano und dem US Air Force Europa-Hauptquertier in Ramstein bis zu den Terminverschiebungen wegen der neuen Irak-Krise vergangen sind, weiß man das jedoch schon. Schnell geht gar nichts, wenn es um den Mitflug eines Zivilisten und Nicht-NATO-Staatsbürgers bei einer aktiven Einheit der USAF geht. Genau müssen vorher der mediale Zweck des Ansuchens und die genauen Details bekanntgegeben werden. Zudem sind die wenigen Zweisitzer der Serie F-16D schwer für Trainings- und Auffrischungsflüge verplant und nur für wenige Stunden pro Monat frei.

Doch jetzt bin ich hier. Endlich. Im Jeep des Presse-Sergeants entsteht eine Ahnung von der Ausdehnung der Anlagen. So viele verschiedene Jets bzw. -Versionen, Hangars, Antennenanlagen und Flugzeugschutzbauten usw., dass sich dem Fachmann hundert Fragen aufdrängen.

Doch entweder weiß er nicht allzu viel über Technik und Zweck, oder er darf nicht. Rege Bautätigkeit herrscht allenthalben und die USAF richtet sich offenbar ein, hier noch lange Zeit zu bleiben. Alle Anlagen sind klimatisiert, hell gefärbt und von Grünflächen umgeben. Darüber donnern die verschiedenen Maschinen der Bosnien-Missionen nach Südosten, so wie es auch mir laut Befehl versprochen ist. Nach einem schnellen Kaffee und Donuts in der Pressestelle erhalte ich ein Clip-Board mit Laufzetteln zu absolvieren. Die Public-Affairs steht übrigens unter der Leitung eines kompetenten und charmanten weiblichen Hauptmanns, die vorbereitete detaillierte Fact-Sheets über alle Einheiten raus rückt. Mein Flug ist für morgen Mittag angesetzt, "tomorrow 1300". Wieder keine Zeit für lange Fragen und Antworten, schon steht der erste Punkt der Vorbereitungen an. Kaum eine Stunde bin ich nun hier.

Shelter sind in der Fachsprache jene halb-tonnenförmigen Flugzeugbunker, die die teuren Maschinen vor Luftangriffen schützen sollen und deren Zerstörung man im Golfkrieg live auf CNN sehen konnte. In einem solchen ist statt eines Hangars ein zweistöckiges Blechgebäude eingebaut. Hier soll ich das sog. Eject- und Egress-Training absolvieren, die Notfallmaßnahmen und -techniken kennen- und beherrschen lernen. Das jene auch hier in Aviano blitzartig wichtig und existentiell werden können, hat 1995 der F-16 Pilot Scott O'Grady nach dem Treffer einer serbischen SAM-6 Rakete durchlebt und bestätigt. Von ihm spricht auch ein stämmiger Master-Sergeant dauernd. Er führt mich zu einem F-16 Cockpit, dass mitten im Raum steht und in das zuerst das richtige Einsteigen geübt wird. Hier sind die Instrumente nur aufgeklebt und lediglich die lebenswichtigen Schalter, Lämpchen und Griffe funktionieren. Er meint lapidar, dass ich morgen die Checks und Schalter für Kommunikationswahl, Sauerstoffgemisch und- zufuhr, Sitzverstellung, Helligkeit der Schirme und Scharfmachen des Schleudersitzes selbst vornehmen muss. Der Pilot würde morgen selbstverständlich annehmen, ich hätte die Handgriffe und Bezeichnungen so intus wie er selbst. Zu diesem Zweck erhalte ich eine kopierte Ansicht des Cockpits als "Bettlektüre". 12x "o.K." oder "checked" geantwortet, sonst würde ich wieder aussteigen. Na toll. Die Anschnall- und vor allem die Abschnallprozeduren verwirren zuerst, speziell wenn man immer wieder hört, von den 5 Schnallen und zwei Steckern hinge dein Leben ab. Total relaxed und trocken erklärt man mir nun, was alles schief gehen kann und was ich dann zu tun hätte.

Das Staffel-Wappen der "Buzzards"

Der Instruktor erklärt eindringlich, dass der Pilot keinesfalls etwas von "Aussteigen" über Sprechfunk sagen würde, wenn es nicht notwendig würde. Sollte er es sagen, bliebe maximal eine Minute, über deren Ablauf ich für den Abend davor auch ein Merkblatt erhalte. Speziell die Sitzposition und das Zurückbiegen des Kopfes würde hier entscheiden, ob man intakt oder gelähmt am Boden (oder im Wasser) ankommt. Das Kommando ist dann dreimal "bail-out". Beim ersten "geht" die Cockpithaube, beim zweiten ist man eigentlich schon alleine, dann "geht" man selbst. Jeweils 1 Sek. Abstand. Eine "nachträgliche Modifikation" aus Unfallanalysen beeindruckt mich besonders. Mit einem kleinen Hebel kann ich die Abfolge umkehren, wenn der Pilot stirbt, in der Maschine verbleibt und nur ich aussteigen will.... Das erlebnishungrige Grinsen vergeht langsam. Speziell dann, als mein "Lehrmeister" einschärft, dass Kamera und Objektiv im Ernstfall im Cockpit bleiben, sie würden mich beim Ausstieg erschlagen.

Panik kommt schließlich in mir auf, als man mir erstmals Gentex-Helm und Sauerstoffmaske aufsetzt. Sofort beschlagen meine Brillen! Wie soll ich meine Air-to-Air Fotos von den anderen Maschinen machen? Keine Sorge, gleich hinter dem Schleudersitzgriff zwischen den Beinen, ist eine große Frischluftdüse, aber Vorsicht, nicht verwechseln! Ich fingere unsicher daran herum. Auf Zuruf soll ich plötzlich unvermittelt die ganzen Schritte laut wiederholen, beim zweiten mal klappt es und ich springe ohne Leiter aus dem Cockpit, das Funkkabel gewollt abreißend. Es folgt noch die Erklärung, wie man am Fallschirm hängt und wie man versuchen soll, durch Bäume oder Hochspannungsleitungen zu fallen, wie das Schlauchboot, das Not-Funkgerät, die Pistole usw. funktioniert. Die Beretta in der Hand riegelt meine Auffassungsgabe bei Anti-Hai Pulver und Meerwasser-Entsalzungspillen langsam ab. Irgendwie bin ich sicher, einen echten Ausstieg sowieso nicht zu überleben. Es reicht. Laufzettel abzeichnen. Mutlos und etwas demoralisiert stapfe ich mit dem Pressetypen wieder von dannen. Der Super-Whopperburger - ja es ist schon zu Mittag - schmeckt nicht so richtig. Ich schwärme ein halbes Leben für schnelle Militär-Jets, jetzt denke ich mir, dass ich mir zu viel zugemutet hätte. Aber, was soll's, die Fotos, ja die Fotos müssen super werden, Du musst fliegen, du wolltest nichts anderes, immer schon.

Medics-Check at 1400: Neues Medical-Center im Ort Aviano, Hi-Tech Krankenrevier. Auch für die Angehörigen der rund 2.800 Servicemen- and woman. Zwischen Militärangehörigen aller Hauptfarben und beiderlei Geschlechts im Tarnanzug, sowie deren Kindern, sitze ich im Warteraum. Alle sind furchtbar nett, waren teils schon in Kärnten oder Salzburg und wünschen mir alles Gute. Ich lächle wieder. Nach dem Aufruf gleich Probleme. Zuerst findet der Computer keine Möglichkeit der Daseinsberchtigung für die Kombination Zivilist und gleichzeitig Nicht-NATO-Citizen. Nicht vorgesehen, dass hier ein Österreicher aufkreuzt und fliegen gehen auch noch will ...

Aber klar, es ist auch noch keiner dagewesen, andererseits. Gemeinsam schaffen wir es zu dritt, dass der Cursor endlich weiterspringt. Weiters- und viel ernster - stellt sich heraus, dass ich noch in keiner Unterdruck-Kammer war. Wo denn auch? Die der NATO sei in Beauvauchamps in Belgien. Ich bin zwar schon oft in Militärmaschinen mitgeflogen, aber eben noch nicht in Fast-Jets. Ohne Druckkammer-Test könne ich nur auf 18.000 Fuß (circa 6.000 Meter) gehen. Ich solle dies dem Piloten sagen, es wird auch dick in einem meiner Laufzettel vermerkt. Na wieder mal toll! Dann folgen Blutdruckmessen, Belastungs-EKG,  etc. und dann endlich rein zum Fliegerarzt.

Ich bin schwer überrascht. Kein richtiger Arzt in Weiß, sondern ein Fighter-Pilot im Overall. Schwarzhaarig, schlank, Stanizelfigur. Er ist neben dem Staffeldienst auch Fliegerarzt und wolle mir alle Fragen beantworten, die ich hätte. Und ob, so vieles hat sich angestaut! Nach einer Stunde bin ich wesentlich gescheiter und auch wieder ruhiger. Ein Super-Typ, hat mir tatsächlich alle Angst und Bedenken genommen die ich vom Vormittag hatte. Speziell zum Themenkreis Luftkrankheit, Übelkeit, Erbrechen. Ja ich solle deshalb üppig frühstücken und ja nicht gar nichts essen! Vor dem Einsatz dann nur einen Riegel und ein Juice oder so. Keine Schande, durch seinen "Zweitjob" käme er auch manchmal länger nicht zum fliegen und dann würde es ihn manchmal auch erwischen.

Die kleinen Plastiktüten vorbereiten und überall in die Kombi stecken solle ich, der Pilot würde immer auf mich hören und ich solle ihm sagen, jetzt...! Nur eines schärft er mir ganz besonders eindringlich ein. 100x vorher üben, wie die Maske aufgeht, auf keinen Fall in die Maske erbrechen. Dies könnte das Ende sein, gefrorenes Erbrochenes, kein Sauerstoff, keine Kommunikation.... Auch mit welchen Muskelkontraktionen im Abdominalbereich man den G-Kräften die da kämen, etwas entgegenarbeiten könnte, zeigt und schreit er mir vor. Jaja, schreien würden sie alle mal bei über 5 G, ich solle es bloß rauslassen. Nach einem Lungenvolumentest werde ich mit einem Schulterklopfen "airworthy" also flugtauglich geschrieben, bis 18.000 Fuß allerdings.

Na egal, wieder motiviert will ich jetzt unbedingt zu "meiner" Staffel, mit den eingeteilten Piloten wegen der Fotos sprechen und erfahren, was morgen überhaupt "ansteht". Ich rechne mit einem kombinierten Bodenangriffs-Übungsflug, mit Formationen wenigst zum Teil abgestimmt auf meine Fotowünsche. Also zum dritten Mal aufs andere Ende der Base. 50 Meter von den bekannten EA-6B Prowler-Unglücksmaschinen der Marines entfernt ist die flache Unterkunft der 510. TFS (Tactical Fighter Squadron), genannt die "Buzzards".

"Hi", sagt der diensthabende Einsatzoffizier nur, immerhin er weiß schon, dass morgen ein "Austrian Photographer" mitfliegen wird, die beiden Worte stehen schon unter Anmerkungen bei der Flugeinteilung für morgen auf der großen Wandtafel hinter ihm. Mein Pilot sei Obstlt. Dave NICHOLS, der Staffelkommandant selbst. Er schreibt meinen Namen dazu und gibt mir das Rufzeichen "Shutter", wohl abgeleitet vom Kameraverschluss. Meine Brust schwillt etwas. Lässig mit einem Coke in der Hand lehne ich dort und frage ihn, was eigentlich morgen für ein Einsatz anstehen würde. Seine Antwort stutzt meine Moral wieder auf jenes Maß zurück, das ich am Vormittag hatte. Tja, ich solle mich freuen, für morgen ist ein Luftkampf-Training angesetzt, endlich wieder mal nach den langen Wochen der Patrouillen. Der "Boss" würde die Bösen anführen, drei Aggressors gegen vier "Gute". Jaja keine Angst - wie sieht er diese meine Angst bloß ? - "Face" wie sein Rufzeichen sei, würde mich schon heil wieder zurückbringen, er sei wirklich super. Aber heute wäre er nicht mehr hier.

Danke. Ende. Ich wollte es ja so, na klar. Also für mich ausgerechnet die "hohe Schule", das Schlimmste vom Schlimmen. Alle Arten von schrecklichen und abartigen Manövern verbunden mit positiven und negativen G-Kräften erwarten mich. Die sind in der F-16 dank des 30 Grad zurück geneigten Sitzes zwar leichter zu "packen", werden aber deswegen immer wieder und mehr als in anderen Typen geflogen. Tausend Sachen möchte ich gleichzeitig fragen, aber alle rundherum grinsen nur, verarschen mich auch noch. Offensichtlich blicke ich recht belämmert. Wo sie meine Sachen hinschicken sollten, ob sie meine Schuhe haben könnten und meine Kamera, wie lange man in Italien mit unseren Nummern fahren könne etc. Geknickt trolle ich mich ins Hotel. Kein Appetit. Aber was soll's, morgen wird "der Tag", also positives Denken, wie alle die ich heute getroffen habe, es vorexerziert haben. Irgendwann nach Mitternacht schlafe ich dann mit den beiden Cockpit-Check-Blättern in der Hand ein.

Tag X
Ich wache zwar nicht erfrischt, aber gut motiviert auf. Ein Gedanken hilft: Ich bin einer der ganz wenigen Österreicher, die - von unseren paar evaluierenden Heerespiloten abgesehen - in einer F-16 der letzten Version sitzen werden. Und es wird Luftkampf geben, das Härteste das Mensch und Maschine zu bieten haben werden. Also, üppiges Frühstück und dann zum Stützpunkt. Um 9 Uhr betrete ich wieder die Staffel, der Pressesergeant will sich gleich wieder verabschieden. Ich ersuche ihn noch, die Telefonnummer meiner Freundin aufzuschreiben, nur für den Fall, dass ... Das klingt vielleicht zwar theatralisch, aber vor einem ein paar Monaten ist ein Pilot der "Buzzards" bei einem Übungsflug in die Adria gestürzt und dann: Cavalese ...

Dann bleibt keine Minute mehr, um nachzudenken. Der Einsatzoffizier schickt mich zum Einkleiden. Zuerst ist schnell ein bequemer Fliegeroverall gefunden, der passt. Doch dann heißt es, wir gehen über See und da muss. der - auch von den Piloten - verhasste steife wasserfeste Überlebensanzug getragen werden. Also rein in einen Netz-Underall und in die schwere Kombi mit Socken dran. Die Füße sind sowohl beim Ausstieg als auch bei Feuer und im Wasser am meisten gefährdet, wohl deswegen wirft ein rothaariger Typ aus der Ausrüstung sodann lächelnd meine mitgebrachten Schnürstiefel hinter sich und gibt mir solche doppelt geschnürten Stiefel wie sie alle hier tragen. Als nächstes folgt das Anmessen der G-Hose, oder der so genannte "Speed-Jeans". Eine breite Art Bauch und Rückenbinde, deren angehakte Fortsätze die Ober- und Unterschenkel umschließen und sich bei G-Kräften schraubstockartig aufbläst. So soll verhindert werden, dass sich mein Blut vornehmlich in die Beine verabschiedet und nicht im Kopf bleibt. Alle sagen mir - während sie die ihnen natürlich bereits angemessene - Ausrüstung anlegen, wie toll dieses Gefühl ist, wenn man zusammengepresst wird. Kann's kaum erwarten. Nach und nach - es ist fast 11 Uhr - bin ich um circa 25 Kilogramm schwerer geworden und schwitze wie verrückt.

Der Autor beim Anlegen der Ausrüstung für den Flug

Darüber kommt jetzt noch das ganze Gurtzeug mit den Schnallen, das ich von gestern schon kenne, der U-förmigen Wulst der Schwimmweste und die Handschuhe aus eingegrüntem Känguruhleder. Mein Teleobjektiv wandert in die Lasche der Schwimmweste auf der Brust, die Filmrollen in die linke äußere Wadentasche der G-Hose. Rechts außen eine kleine Wasserflasche mit Mundstück, links innen ist der - bereits angeschlossene - Sack fürs kleine Geschäft eingearbeitet und er wird auch gleich benutzt. Niemals könnte ich mich jetzt alleine ausziehen. Meine kleinen Tüten falte ich zusammen in einige Falten der G-Hose. Gegen weitere Laufzettel erhalte ich dann noch meinen Helm und meine Maske, an der ich sogleich zu üben beginne. Auf und Zu, Auf und Zu, usw... Hoffentlich funktioniert das mit der Frischluftdüse, denn die Brillen beschlagen beim Ausatmen durch den oberen Rand der Maske ekelhaft.

Endlich fertig. Fix und fertig, schon jetzt. Ich muss trotzdem lachen, denn durch die Sitzposition in der F-16, also Knie etwa in Brusthöhe und nach hinten geneigt, sind auch die G-Anzüge darauf abgestimmt und alle gehen etwa wie Menschenaffen herum, leicht gebeugt, mit zu langen Armen und rausgedrücktem Hintern. Gemeinsam gehen wir zur Einsatzbesprechung und plötzlich heißt es, der "Boss" kommt.

Und da ist er, 39 Jahre, durchtrainiert, leicht grau melliert, sympathisch. Er nimmt mich sofort unter seine Fittiche, hat mich schon gesucht. Keine Angst, nein er würde die Ventilation nicht zu warm einstellen, ich solle immer sofort sagen was ich will, ich könne immer mit ihm schnattern. Kurz, wir würden einfach Spaß haben! Er zieht mich sofort in seinen Bann, beruhigt und weckt Neugier zugleich. Leader-Qualitäten, ohne Zweifel. Ich lächle wahrscheinlich eher schwach ...

Das allgemeine Briefing für alle teilnehmenden Piloten ist eher kurz. Frequenzen, Luftstraßen, zu vermeidende Objekte wie Krankenhäuser usw. Ich muss kurz an das Briefing der Besatzung Ashby vom Marine-Corps denken, bevor sie ins Flimser-Tal geflogen ist, aber weg damit, bringt jetzt nichts. Keiner hier sieht eigentlich wie ein wild gewordener Cowboy-Pilot aus. Alle sind ganz ruhig, optisch ganz easy. Keiner macht reißerische Scherze oder so. Das Auffälligste ist, dass das Briefing ein bisschen wie im Kino ist, alle knistern und knabbern in irgendwelchen Chips- und Smacks-Sackerln oder "zapfen" vorher frisches Pop-Corn. Dann stehen alle auf und gehen in getrennte Räume. Ich soll mit, deutet "Face". Es beginnen die getrennten, taktischen Briefings, wo sich alle einzeln bzw. in ihren Teams überlegen, was für Taktiken sie einsetzen werden und wie sie am erfolgreichsten sein könnten. Erst jetzt erfahre ich, was dann gleich genau ablaufen wird.

Wir drei Maschinen sind heute feindliche MiG-29. Da die Luftwaffe Belgrads die einzigen MiG-29 in der Region hat, ist leicht auszumalen wen wir simulieren und das wird auf meine Frage auch nicht verneint. Wir dürfen nur 70% unserer elektronischen Leistung einsetzen, denn Belgrads 29er sind – wie sich ein Jahr später bei ‚Allied-Force‘ zeigen sollte auch überwiegend defekte -  Modell-A. Das Szenario ist etwa so angelegt: Wir drei patrouillieren - wie jeden Tag - hinter unserer Grenze oder Küste und die NATO, also die vier "Guten" über dem internationalen Luftraum. Auf Grund irgendeiner politischen Entscheidung in Belgrad, brechen wir heute plötzlich unerwartet über die Grenze heraus und attackieren die "Deliberate Guard"-Patrouille voll, gehen sie voll an. Toll, wollte ich ja immer schon mal, so oder ähnlich denke ich dabei....In der daraus entstehenden Kurbelei, müssen wir die Guten solange binden, bis deren - auf die unsrige Aggression sofort gestarteten - Vergeltungsjagdbomber dann ohne Jagdschutz in unseren Luftraum einfliegen müssen, was ein schwerer Nachteil ist. Hätte ich jedenfalls jetzt nicht gefragt, die hätten alle wieder vergessen, dass ich oben eigentlich Fotos machen will. So besprechen wir noch schnell, welche Formationen am Weg ins Übungsgebiet über der südlichen Adria für mich eingenommen werden und wie die Rufzeichen dazu lauten, wo die Sonne sein wird, etc. etc.

Dann geht's raus zum Chevy-Van, der uns zu den Sheltern bringt. Mit der ganzen Ausrüstung komme ich fast nicht auf den Hintersitz. Ein paar Minuten später stoppt der Fahrer bei der ersten Maschine. Dave und ich quälen sich raus. Da steht sie, die F-16D Block (Serie) 42.

Staffelkommandant, Obstlt. Dave NICHOLS schwingt sich ins Cockpit

Die ganze Faszination und die Assoziationen zwischen Bubentraum und Computerspiel laufen vor mir ab und ich werde noch kleiner, angesichts des grauen, spitzen und auch grazilen High-Tech Paketes. Doch wie immer, keine Zeit. Der ganz junge Crew-Chief der zweiköpfigen Ground-Crew begrüßt mich, wünscht mir alles Gute und bedeutet mir rauf- und reinzusteigen. Ob ich die Cockpit-Instruktionen gelernt habe, will er wissen. Ich zeig's ihm als Antwort.

Gesäß auf den Kanzelrand, rechter Fuß reinschwingen und ganz rüber und einfädeln, Hände an die Instrumentenverkleidung. Linken Fuß reinheben und in den Martin-Baker ACES-II Schleudersitz hinsetzen. Der junge Unteroffizier hilft mir beim anschnallen der 5 Schnallen und 2 Stecker nach der gedrillten 1:2:1:2:1-Abfolge. Zum Schluss reicht er mir meine Kamera, die ich über alles drüberhänge. Helm und Maske aufsetzen, rasch rasch! Ich bin drin. Ich mache das jetzt wirklich, das ist real! Herzklopfen und trockener Mund wird mir undeutlich bewusst.

Die Sitzposition im hinteren Sitz ist phänomenal. Ich habe das Gefühl, das Flugzeug "angezogen" zu bekommen, es zu tragen wie einen engen Pullover. Man sitzt richtig oben drauf, vor sich den Schirm für die Darstellung des Fluglage- und datenanzeige Blickfelddarstellungs-Displays das der Pilot hat. Unterhalb die beiden Multifunktionsbildschirme für Waffeneinsatz, Radarbild und/oder Zielmarkierungs- und Beleuchtungssysteme. Mir ist das alles wohl bekannt, schon oft habe ich darüber geschrieben. Ein unerwartetes Gefühl der Euphorie und des Ich-kann-Alles ist plötzlich da. Kein Streuknüppel zwischen den Schenkeln, die Fingerspitzen berühren andächtig die beiden Multi-role Knüppel links und rechts. Der Schubhebel hat 52 Funktionen, ergonomisch berechnete Knöpfchen für Kommunikation und Waffenwahl ! Mittlerweile hat sich "Face" vorne etabliert und fragt mich plötzlich überlaut in meinem Helm ob ich bereit bin, einige Punkte mit ihm durchzugehen. Jetzt zeig, ob Du alles intus hast! Hot-mike switch: On, Ground-mike: Off, Screen-brightness: Day, Oxygen: 75%, Ejection-Sequence: Frontal first, usw. usw. Kein Fehler! Dave lobt mich, heißt mich erst jetzt herzlich willkommen beim 31. Geschwader und bei den "Buzzards". Er macht ab jetzt auf USAF-Werbebeauftragter, Jagdpilot und F-16-Fremdenführer in einer Person und hört für die nächsten 110 Minuten fast nicht mehr auf, zu mir zu sprechen. Das ist zwar für den Moment nervig, hilft mir aber sehr mich zu beruhigen und relaxt auf Details einzugehen, die mir erklärt. Letztlich verhilft er mir so auch zu tollen Photos, auf die ich mich konzentrieren kann. Doch das wird mir erst nach dem Flug bewusst. Jetzt geht es schnell. Dave "fährt" den Engine hoch, was jedoch nur als Vibrationen spürbar ist. Sobald wir Bordstrom haben, beginnen die Schirme vor mir alle zu leben und laufen offenbar ihre Selbst-Test Checks durch. Die Haube schließt sich lautlos und sofort saugt sich die Sauerstoffmaske aufs Gesicht und ich bekommen eiskaltes Sauerstoff-Außenluftgemisch.

Schmeckt etwas nach Gummi. Etwas klaustrophobisch wird mir kurz, aber die tolle ungestörte Rundumsicht ohne Streben und Dave's ständige Messages lenken davon ab. Wir gehen's an, meint er jetzt kurz. Nach dem ich den Rudercheck machen sollte, werden die Vibrationen stärker, draußen salutieren die beiden Techniker und fast unmerklich, dann immer schneller, rollen wir los. Mensch, was für ein Gefühl, die spürbare Masse mit der ich verbunden bin, die Kraft schon beim Rollen, denke ich. Wir rollen von unserem Shelter weg, die Sonne blendet mich kurz und jetzt sehe ich, wie überall F-16's aus den Bunkern rollen. Links warten spanische F/A-18s und ich bin plötzlich ungemein gut drauf. Was für eine Demonstration, was für ein Gefühl Teil davon zu sein. Ich muss über mich selber bitter schmunzeln, denn plötzlich habe ich den starken Gedanken, im falschen Land geboren zu sein. Es gibt nicht mal einen Shelter in Zeltweg ...

Während wir zu dem Teil des Vorfeldes in der Nähe der Piste rollen, wo die Sicherheitsstifte mit den roten Fähnchen aus den Waffen und aus dem Fahrwerk gezogen werden, philosophiert "Face", dass er gegen alle westlichen und gegen die deutschen MiG-29 geflogen sei, und niemals die F-16C/42 gegen einen anderen Typ eintauschen würde. Der Typ sei nicht in allen Parametern absolute Spitze, doch der beste Mehrzweck-Flieger der Welt. Mit der Nachtsichtbrillen und -cockpit-Ausrüstung sei nun auch die Nacht zum Tag geworden. Wie gern - denke ich dabei - würde ich meinen Platz genau jetzt so manchen jener heimischen Politiker überlassen, die – aber ein Land der ersten Welt wollen wir sein, jaja - unsere Draken-Nachfolge schon jahrelang so sehr verhindern! Dave lobt inzwischen schon jenen Kopfhörer-Typen, der sich draußen angesteckt hat, als seinen besten Waffenmixer. Ich mache noch ein paar Bilder von den angestellten Maschinen links und rechts, dann setzt Dave das Bild des am Lufteinlauf montierten LANTIRN-Behälters (Nacht-Navigations und Zielbeleuchtungssichtgerät) auf den linken unteren Schirm und fordert mich auf, einen winzigen Kirchturm am Horizont mit bloßem Auge zu suchen. Dann der Blick zurück ins Cockpit und auf dem Schirm ist die Uhr des Campanile riesengroß zu sehen. Nur die Uhr!! 13:03. "Clockcheck with the Padres", lacht Dave. Wir rollen auf die Startbahn.

Ruhepuls 200 auf der Startbahn in Aviano

Ein paar Bilder wieder von den beiden Maschinen die vor uns dran sind und dann ... "Jetzt ist es an uns", schnarrt Dave. Kein Donnerschlag, in den ersten Sekundenbruchteilen auch nur ein Losrollen. Doch dann meint man, etliche Dieselloks seien einem hinten aufgefahren und es würden immer mehr!!

Fast lautlos nimmt der Schub laufend zu, scheint endlos vorhanden. Mund offen, heftiges Atmen, staunendes Krächzen aus meiner Kehle. Ohne Maske würde ich wohl ziemlich idiotisch aussehen. Unglaublich! Dave ruft irgendwelche Geschwindigkeiten, ich schlucke einmal und das Rütteln hört auf, die Maschine hebt sich, wohl nur für mich ruft er schon, dass er das Fahrwerk einfährt. Mein Helm haftet an der Kopfstütze des Sitzes, alles geht viel zu schnell für das Reaktionstraining meines bisherigen Lebens. Dann glaube ich, nach rechts rauszufallen, denn das Cockpitglas endet auf der Höhe meiner Schultern und "Face" kurvt im Steigflug nach rechts. Unter mir ganz Venetien, rechts unten kommt die Küste unter aufgefächerten Wolken in Sicht. Ungehinderter Blick in alle Richtungen außer ein paar Grad nach hinten. Jetzt weiß ich, wieso: F-16 Fighting-"Falcon". Ein Blick auf den Höhenmesser sagt mir: 8000 Fuß oder 2.200m Höhe! Das vielleicht 12 Sekunden nach dem Lösen der Bremsen! Ist ja irre!!

Eine Fighting Falcon begibt sich in ihr Revier

Dave will wissen wie's mir geht, was ich sage. Kann nicht viel sagen, bin zu beschäftigt mit meinen Eindrücken. Nochmals Dave, eindringlicher. Ich soll immer sofort laut antworten, er muss wissen, dass ich noch mit ihm bin. Sonst müsste er den Einsatz abbrechen. Ob ich verstanden hätte? Yes Sir! Sofort ist er wieder im Plauderton. Na, toller Flieger, tolles Gefühl, hä? Oh ja, zweifellos. Er sagt mir, während wir durch dünne Wolkenschichten in einer Schleife über die Südalpen steigen, dass wir in unseren Übungsraum für die Gefechte fliegen würden und dass ich mich davor jetzt für meine Bilder klarmachen sollte.

Wie besprochen erscheinen drei andere Maschinen querab links unten und steigen zu uns heran. Dave sagt deren Piloten - wie gebrieft - was sie tun sollen, je nachdem wie ich es ihm beim Blick durch den Sucher sage. Toll, klappt super und wunderbar über dem Bergpanorama. Auch die Brillen beschlagen dank eiskalter Luft aus der Düse nicht, nur ist der Bildausschnitt kleiner weil ich die Kamera wegen der Maske nicht ganz ans Auge bringe. Aber die gewährten 10 Minuten dafür reichen, 2 Filme sind draußen.

Beim Filmwechseln muss ich vorher Bescheid sagen, "Face" muss die Maschine ganz gerade halten, denn eine runter gefallene Filmrolle oder -dose würde ich nicht mehr erwischen und die könnte die Ruderpedale blockieren ... Eine Gefahrenquelle, die heutzutage in Zeiten digitaler Spiegelreflexkameras mit ihren Speicherkarten, die Zigtausende Fotos aufnehmen können, nicht mehr besteht ...

"O.k. "Shutter", noch Spezialwünsche oder finished?", will Dave wissen. Wir wären nun auf dem Weg nach Süden und es sei nun Zeit, mein ‚Zeugs‘ sehr sehr gut zu verstauen, denn in wenigen Minuten würden wir die Spitze der Aggressoren übernehmen und er würde immer ein Ohr auf mich haben, wenn möglich. Gut. Ich bin bereit, so gut ein unter-durchschnittlich trainierter Österreicher, mit der neutralistischen ‚Herr Karl Philosophie‘ der 2.Republik aufgewachsen, dazu bereit sein kann, eine NATO-"Deliberate Guard" Patrouille anzugreifen. Meine Finger klammern sich an die Handgriffe am Cockpitrahmen, ich drücke mein Gesäß tief in den Sitz und benutze heftig das Säckchen in der linken Wadeninnenseite.. Ob ich bereit für einige G's wäre plärrt "Face" noch und dann geht es los.

Vermutlich sind es keine menschlichen Laute, die ich jetzt von mir gebe, aber ich höre sie selber nicht. Das Gefühl beim Ansteigen des Drucks auf den Körper ist mit einem riesigen Handschuh vergleichbar, der die untere Hälfte des Körpers zusammenpresst. Von links und rechts kommen schwarze Wände aus realem Blutdruckentzug, die mein Blickfeld einengen, während Schiffe und Bohrinseln mal rechts oben hinten, mal links unten auftauchen. Wolken, Sonne, Schatten und Horizont wechseln ständig und ich atme wie verrückt ein und aus, bis mir einfällt, dass ich laut Arzt stoßweise mit geschürzten Lippen pressatmen soll. Als ich das mache, wird gleich alles viel besser. Der Losgelassene da vorne, reißt die etwa 15 Tonnen wie verrückt nach links und rechts und ich muss kurz die aufstseigende Übelkeit zurückdrängen.

Das also ist moderner Luftkampf!? Aber wo sind sie, die Gegner? Zwar rast eine F-16 einmal verkehrt auf Gegenkurs ober mir durch, dahinter die See. Aber wie Ziele ansprechen, ausfiltern, Gegenmaßnahmen einleiten usw? Gepresst frage ich "Face", was eigentlich vor geht. Er brüllt und ächzt, ich solle den linken unteren Schirm ansehen, er würde mir das Radarbild drauflegen. Aha, jetzt kann ich mich zurechtfinden, denn studiert habe ich diese Symbole schon öfters in Fachmagazinen. Er erläutert worauf ich achten solle beziehungsweise lehrt er mich, ihm den Radarwarnempfänger "abzunehmen" und zu überwachen. Wie ein echter "Backseater" eben. Wie ein Schnellaufzug steigen wir inzwischen, wieder von Ur-Kräften getreten. Kurz schaue ich auf den Höhenmesser im oberen rechten Eck des Head-Up Displays. 23.500 Fuß! Erschrocken rufe ich Dave und erinnere ihn ans 18.000-Limit! "Face" meint nur er könne sich jetzt nicht um so einen Mist kümmern und erklärt mich soeben fit für über 18.000! Viel eindringlicher will er Feindlage-Meldungen von mir hören, während mir 3 oder 4 G plötzlich gar nicht mehr schlimm vorkommen und man selbst als Untrainierter unter diesen Bedingungen steigerungsfähig ist und dazulernt. Kein Gedanke an Erbrechen, hektisch schalte ich Menüs und Software-Filter ein und aus. "Face" kann ich jetzt nichts fragen, kann nur warten bis er was von mir will. Zu sehr brüllt und ächzt er da vorne herum, lässt uns durchs Firmament wirbeln, wie ein Herbstblatt. Mehrmals sehe ich eine andere Maschine groß in den Bildschirmen hängen, doch ist sie mir zu schnell weg um Entfernungsangaben dazu abzulesen. Alles zusammen ist es wie Super-Nintendo 64 in einer 3 Achsen-Hochschaubahn, während man mit Otto Wanz catcht. Keine Ahnung wie viel Zeit seit unserem "Fehdehandschuh" vergangen ist.

Verdammt! Ich habe nicht genug aufgepasst, aber für Dave kam es wahrscheinlich nicht überraschend. Plötzlich hört er auf, Kurven zu ziehen oder Schub zu regeln. Er wackelt kurz mit den Flügeln und mir schlägt es - unvorbereitet - mit dem Helm links und rechts gegen die Kanzel. Tja, das Verteidigungsministerium bedauert ... usw.

Schlechte Nachrichten hätte er für mich, wir wären eben gestorben. Abgeschossen. Sein Ansatz hätte nicht funktioniert, leider. Wir hätten einen gekriegt, aber sein zweiter hätte uns gekriegt. Also wie in den diversen Jagdflieger-Biographien: Ich hatte den zweiten Gegner überhaupt nicht bemerkt.

Aber schon geht es wieder los, drei getrennt simulierte Gefechte insgesamt. In dritten Luftkampf - inzwischen habe ich schon einmal 8,8 G überstanden, war also kurzzeitig fast 800 kg schwer - war das Gefühl ein bronzenes Reiterstandbild zu sein, einfach unbeschreiblich. Mit weit geöffnetem Mund Euphorie heraus stöhnend hatte ich mich doch ganz gut eingefügt, denke ich. Doch dann geschieht Unerwartetes. "Face" flucht gotteslästerlich und meint, so würde er ihn nicht kriegen. Was macht er!? Er ruft etwas von Festhalten und bricht nach einem kurzen Hochziehen brutal nach rechts unten. Mit geweiteten Augen blicke ich auf irgendein Meer und irgendeine Küste. Alles wird immer größer und ich begreife, "Face" stürzt senkrecht in die Tiefe! Kurz denke ich an das Schlauchboot, doch dann wird es stockfinster. Ein absolut entsetzliches Gefühl entsteht. Meine Eingeweide wollen weiter stürzen, doch Dave reißt mit einem Urschrei die Nase wieder nach oben und von hinten kommen wieder die Dieselloks, sprich der Nachbrenner.

Jetzt sehe ich nur Sonne, sonst bin ich ganz Statue. Inzwischen weiß ich, was er will, nur kann ich nicht glauben, das ich das in meinem Leben mitmache. "Face" fliegt ein sog. High-Speed Jojo-Manöver. Wenn man im Nah-Luftkampf einen Gegner nicht in der horizontalen Ebene beikommen kann, ist es manchmal hilfreich, die Kurve des Gegners vertikal abzuschneiden. Nach dem Stürzen wird mit gewaltigem Energieüberschuss hoch gestiegen und genau hinter ihn gelangt, während er in seiner Steilkurve kinetisch "verhungert" und sich wundert wo der Verfolger hingekommen ist, bis es zu spät ist. Doch am oberen Ende des Jojo, tritt logisch, aber für mich vollkommen unerwartet etwas äußerst Widerliches auf, negative-G! Brutal leichter als die Erdbeschleunigung zu sein produziert ein Gefühl, dessen Resultat ich nicht mehr kontrollieren kann.

Die Maske, nicht in die Maske!! Aber ich habe schon den Mund voll! Ich muss Dave sagen, dass ich die Maske abnehme und ein Säckchen nehme! Ich schluck' es wieder runter, murmle was ins Mikro und reiße mir voller Panik eine Nagelwurzel am Clips der Maske auf, was ich natürlich in der Situation nicht merke. Dann baumelt die Maske rechts, schon habe ich das Säckchen parat. Unglaubliche Erleichterung nach einer horriblen Erfahrung. Ganz kleine Todesangst, wegen der Sauerstoffzufuhr wenn es schiefgegangen wäre. Ich keuche doch schnell, merke die Flughöhe ohne Maske. Himalaya oder so! Also schnell einen großen Schluck Wasser und Maske wieder auf. Während meines stillen Kampfes hat "Face" unseren zweiten Luftsieg errungen, denn sein Ansatz war diesmal absolut spitze. Jubelnd darüber begrüßt er mich zurück in der Arena! Nach einer unangekündigten Tonnenrolle vor lauter Freude und weil's so schön ist, erlöst mich seine Ankündigung, dass es jetzt genug wäre. 40 Minuten Dog-Fight waren das! Ich kann’s kaum glauben. Ich habe das mitgemacht – und bin noch präsent! Wir würden nun auf Nordkurs gehen und ich dürfe jetztein bisschen spielen, kündigt Dave an.

Dankbar und mit möglichst tapferer Stimme teile ich seine Euphorie hoffentlich überzeugend. Wir jagen knapp über eine Wolkendecke und rasen durch die kleinen Cumulus-Türme, die daraus heraus stehen. Macht wirklich Spaß, das ist wirkliches Fliegen, wie bei Top-Gun mit "Maverick" und "Goose". Als ich vor Vergnügen zu summen beginne, hört er plötzlich auf und fordert mich auf, doch mal die Kontrolle zu übernehmen. Zuerst frage ich einmal zur Bestätigung nach und dann lehne ich zuerst ab, zu tief sind die Selbstzweifel. Doch er meint nur, ich solle selber erleben , was für ein tolles Flugzeug wir hier hätten. Während er das sagt, hat er schon die Hände oben auf seinem Helm verschränkt und erschrocken fasse ich nach den beiden Sticks links und rechts. HOTAS und ich! HOTAS bedeutet Hands-on-Throttle-and-Stick. Man fliegt - und kämpft - also die ganze Zeit, ohne die Hände von den beiden Knüppeln zu nehmen. Ich fliege die F-16! 30 Millionen US-Dollar in meinem beiden Händen! Mehr ahnen oder fühlen ist es, als richtiges Ziehen oder Drücken. Ich soll was tun, ruft "Face". Also atme ich tief durch, schiebe links kräftig rein und ziehe rechts ganz leicht. Wahnsinn! Wir steigen und steigen wie eine Rakete in den Himmel und ich juble vor Aufregung und Begeisterung. Die grünen Ziffern rasen und stehen bei 28.700 Fuß als Dave meint es reiche jetzt. Ich versuche noch ein paar gerissene Rollen, die dann immer in schlechte Tonnenrollen ausarten. Dann übernimmt er - mit Blick auf den Rest-Treibstoff - wieder und meint, dass wir für heute genug Spaß gehabt hätten und es jetzt wieder nach Hause ginge.

Ich bin glücklich und erschöpft. Wunderschön tauchen zuerst im LANTIRN, dann auch visuell die Alpen voraus auf und er kurvt nach links um sich in die Landeparameter von Aviano einzuordnen. Aus der Luft wird die riesige Ausdehnung der Basis nochmals sichtbar, dann geht es wie im Schrägaufzug nach links hängend nach unten, wobei mir wieder leicht, aber beherrschbar, übel wird.

Low pass über die Basis Aviano

Längst habe ich meine Maske - gegen jede Anweisung - abgenommen. Aus dem Landekurven-Slip noch ein paar letzte Fotos geschossen und schon werden die Shelter links und rechts schnell groß und wir setzen nach 1 Stunde und 43 Minuten wieder auf. Die Landung ist eher unspektakulär und ähnelt einem Airliner.

Vorbei an britischen AWACS und US-Tankflugzeugen rollen wir zurück zum "Buzzards-Nest" und "Face" fragt mich derweil, ob ich Spaß gehabt hätte und ich und mein Cockpit auch sauber geblieben wären.

Auf der legendären Boeing 707 basierende KC-135E und KC-135-Tanker (Triebwerke) auf der Aviano Airbase

Beides kann ich nur uneingeschränkt bejahen und erst etwas später erfahre ich, dass man widrigenfalls das Cockpit selbst reinigen darf, und sei es mit der Zahnbürste. Als Dave um 180 Grad dreht und stoppt, geht auch schon die Haube auf und der Crew-Chief entert die Leiter. Auch er ist begeistert, dass nichts daneben ging und macht netterweise noch einige Erinnerungsfotos von mir im Cockpit.

Erschöpft, patschnass, zwei Kilo rausgeschwitzt - und glücklich: Der Autor nach seinem "Ritt" in der F-16

Die Fotosession geht dann mit Dave weiter als ich – nach mehreren Verweigerern durch Oberschenkel wie aus Gummi - auch endlich aufstehen, mich umdrehen und runter steigen kann. Was für eine unbeschreibliche Wohltat, die Beine auszustrecken! Wie überlebt man in einem Fighter bloß einen Überstellungsflug mit Luftbetankung um die halbe Welt? Ich kann fast nicht stehen und der Boden kommt mir so hart und widerspenstig vor, immer will ich hindurch treten! Außerdem beginne ich furchtbar zu schütteln und zu frösteln, trotz +8 Grad. Na kein Wunder, meint "Face", ich sei ja durch und durch nass! Ob mir irgendwas Aufregendes widerfahren sei, grinst er. Na sicher, das sei das außergewöhnlichste Erlebnis seit der ersten Frau gewesen, feixe ich zurück ...

Beim Debriefing, also der Einsatz-Nachbesprechung sind alle - auch ich - schon geduscht und umgezogen. Wie schön es war, den See- und Druckanzug auszuziehen kann ich gar nicht sagen. Hier erfahre ich nun, dass wir einmal abgeschossen wurden und zwei andere "erledigt" haben. Im Laufe der drei Gefechte sind wir Bösen zwar alle draufgegangen, habe jedoch in allen drei Szenarien die etwas überraschten NATO-Piloten solange aufgehalten, beschäftigt und dezimiert, dass ihre 30 Minuten später gestarteten Schützlinge alleine in "unser" Feindgebiet einfliegen mussten, was ihnen nicht gut bekam.

Mir jedenfalls ist alles dann doch ganz gut bekommen und irgendwo hat er recht. "You'll never be the same, once riding the wings of thunder...!" Es war der erste Satz den mein Pilot als USAF-Kadett 1972 in Randolph AFB, Texas gehört hat. Es stimmt, hundertprozentig ...

Text & Fotos: Georg Mader / Airpower.at