Punktlandung

Notfall an Bord: "Sie sehen, dass Sie nichts sehen!"

Training bei "Doc on Board" bedeutet realitätsgetreue, intensive Vorbereitung auf den Ernstfall - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Tomatensaft und eine Extraportion Sicherheit für alle Fälle … Im professionellen Teamwork an Bord bleiben Zwischenfälle für unbeteiligte Passagiere oft verborgen, während im Hintergrund eine komplexe Maschinerie anläuft.

Und schon wieder ein Langstreckenflug. Boarding, Willkommensgetränk, Safety Demo, los geht’s. Kurz darauf sind fast alle Passagiere in das Inflight Entertainment oder ihren Lesestoff vertieft. Dass ausgerechnet in diesem Moment unser EVA AIR Boeing 787 Dreamliner zu einer fliegenden Notfallstation umfunktioniert und logistisch auf Hochtouren gearbeitet wird, bekommen nur die wenigsten Reisenden mit.

Der Reihe nach.

Denn die Geschichte beginnt bereits vor dem Boarding. Ich bin Trainer bei „Doc on Board“, einem Netzwerk Made in Austria, das über die Jahre hinweg bereits tausende medizinische Fachkräfte für den Fall des (Not-) Falles an Bord von Verkehrsflugzeugen ausgebildet hat. Denn wenn ein Passagier akut erkrankt, ist nicht nur viel Improvisation gefragt, sondern auch Fachwissen, das man in keinem Studium und keinem medizinischen Berufsalltag mitbekommt.

Bei der Notfallversorgung von Patienten in Verkehrsflugzeugen muss vor allem hinsichtlich des Platzangebots improvisiert werden. Bei "Doc on Board" wird daher, wie am Foto zu sehen, im realistischen Umfeld trainiert - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Wenn der Jet zur Krankenstation wird

Fliegt überhaupt ein Mediziner mit? Hilfreich für die Kabinenbesatzung ist das in jedem Fall. Auch wenn Flugbegleiter eine intensive, jährlich aufzufrischende Erste-Hilfe-Ausbildung genießen, so ist es gerade im medizinischen Bereich willkommen, wenn bei entsprechenden Zwischenfällen auch die Hilfe qualifizierter Mitreisender in Anspruch genommen werden kann. Die muss man dann freilich erst einmal finden, und per Lautsprecher ausrufen lassen.

Oder aber man sorgt bereits zu Beginn für klare Verhältnisse. „Doc on Board“-Profis weisen sich schon beim Einsteigen mit ihrer jeweils zwei Jahre gültigen ID-Card aus und geben sich so dem Kabinenpersonal gegenüber zu erkennen. Kommt es dann tatsächlich zum Ernstfall, kann die Alarmierung nicht nur wesentlich rascher, sondern auch diskreter erfolgen. Wie im jüngsten Fall: nur 30 Minuten nach dem Start steht plötzlich die Kabinenchefin neben meinem Sitz und ersucht um Hilfe.

In der Economy Klasse ist ein Passagier zusammengebrochen. Sekunden später bin ich bei ihm, führe einen ersten kurzen Check durch. Der Mann ist nicht orientiert, kaum ansprechbar. Wie so oft trainiert, beginnt nun die einmalige Hand-in-Hand-Arbeit zwischen „Doc on Board“-Helfer und Kabinencrew.

„Können wir den Mann in die nahegelegene Galley zwischen Business und Economy Klasse bringen?“, möchte ich wissen. Dort ist deutlich mehr Platz und vor allem Diskretion vorhanden. Die Purserin bejaht. Per Rautek-Rettungsgriff schnappe ich den Patienten an den Armen, ein Mitreisender nimmt die Beine, und wir verbringen den Kollabierten in eine der Bordküchen.

Ich bitte die Flugbegleiterin einerseits um das Medical Kit, also die Notfalltasche, welche Qualitätsairlines genau für diesen Fall mitführen. Vorgeschrieben ist das zwar nicht, aber eine Fluglinie, die sich ihrer Verantwortung gegenüber Passagieren bewusst ist, hat auch entsprechendes Material für die Notfallbehandlung an Bord. Denn statistisch gesehen ist auch auf drei von vier Flügen medizinisch qualifiziertes Personal, wie etwa Ärzte oder Pflegekräfte, mit auf Reisen und könnte helfend eingreifen.

Qualitätsairlines stellen Notfallkoffer für mitfliegendes medizinisches Personal zur Verfügung. Die Bestückung variiert jedoch - Foto: Austrian Wings Media Crew

Dass sich viele medizinische Experten allerdings davor scheuen, im Notfall hoch über den Wolken auch Hand anzulegen, ist nachvollziehbar. Das zur Verfügung stehende Material ist fremd, die Rechtslage nicht jedermann klar, die räumliche Situation für die Behandlung von Patienten alles andere als gut geeignet. Doch genau darauf sind „Doc on Board“-Profis bestens vorbereitet. Trainiert wird nämlich in jenen Flugzeugsimulatoren, in denen auch Airline-Personal aus- und fortgebildet wird. Und neben der medizinisch-fachlichen Komponente werden auch alle anderen relevanten, inklusive rechtlichen, Themen umfassend geklärt.

Sekunden nach meiner Bitte ist die Kabinenchefin mit dem Notfallkoffer zurück – und einem Mitreisenden, von dem ich weiß, dass er als ehrenamtlicher Sanitäter tätig ist. Daher hatte ich ebenso darum ersucht, auch ihn anzusprechen, denn wenn im Ernstfall alles funktionieren soll, ist Teamwork das A und O. Weder in der Fliegerei noch in der Medizin tragen Einzelkämpfer üblicherweise zu einem wünschenswerten Ausgang bei.

Auch dieses „Teambuilding“ wird bei „Doc on Board“ großgeschrieben. Gerade, wenn man plötzlich mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten muss, die man unter Umständen gar nicht persönlich kennt, vielleicht nicht einmal dieselbe Sprache spricht, ist es um ein Vielfaches herausfordernder als bei der täglichen Arbeit im Krankenhaus, der Ordination oder am Rettungswagen.

Tausende Mediziner wurden über die Jahre hinweg erfolgreich ausgebildet; viele von ihnen erneuern ihre Qualifikation regelmäßig, bleiben so immer "up to date" und sind im Ernstfall eine hilfreiche Unterstützung für die Kabinencrew - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Zusammen führen wir eine umfassende Erstdiagnostik durch, erheben Vitalwerte wie Atemfrequenz, Puls, Blutdruck und Körpertemperatur, kommen so zu einer Verdachtsdiagnose. Im Notfallkoffer müssen wir uns klarerweise in Ruhe orientieren. Welches Material gibt es? Welche Hilfsmittel, welche Medikamente? Gerade letztere haben im Ausland oftmals völlig andere Namen oder werden in Dosierungen vorgehalten, die nicht dem entsprechen, was man aus dem eigenen medizinischen Umfeld gewohnt ist. Auch dies ist nicht umsonst ein Kernthema im „Doc on Board“-Training, und einmal mehr ertappe ich mich angesichts einer nunmehrigen Realsituation dabei, daran zu denken, wie es wohl unseren Kursteilnehmern regelmäßig ergeht, wenn wir sie in der Ausbildung so hautnah wie möglich mit derartigen Szenarien konfrontieren. Mir wird erneut bewusst, wie wichtig es ist, nicht nur medizinisch-therapeutische Aspekte zu thematisieren, sondern vor allem auch das logistische „Drumherum“. Nur, wer sich seinen Arbeitsplatz zu organisieren und strukturieren weiß, kann auch effizient helfen.

Sprechen Sie International?

Aber auch bei der medizinischen Arbeit gibt es die eine oder andere Herausforderung zu bewältigen. So werden beispielsweise nicht alle erhobenen Werte in international identen Einheiten angegeben. Während in Mitteleuropa beispielsweise der Blutzuckerwert üblicherweise in Milligramm pro Deziliter ausgewiesen wird, ist es andernorts – vor allem im angloamerikanischen Sprachraum – üblich, in Millimol pro Liter zu messen. Und benötigt der Patient eine Infusion, sollte der Helfer nicht überrascht darüber sein, dass die dazu notwendigen Kanülen in verschiedenen Ländern nicht nur anders aussehen oder abweichende Farbcodierungen aufweisen, sondern auch technisch ungewohnt konstruiert und demzufolge anders handzuhaben sind. Es ist also wichtig, einen besonders kühlen Kopf zu bewahren, wenn es ernst wird. Und das funktioniert nur, wenn man im Training oft und gut vorbereitet wurde.

Herausforderung für Mediziner: im Ausland werden Medikamente meist unter völlig anderen Handelsnamen und auch in anderer Dosierung angeboten. Besondere Sorgfalt ist in diesen Situationen äußerst wichtig - Foto: Austrian Wings Media Crew

Während der laufenden Notfallversorgung weicht die Purserin nicht von unserer Seite. Sie und ihre Kolleginnen unterstützen uns bei jeder nur erdenklichen Maßnahme unglaublich professionell und ruhig. Alles, was nötig ist oder werden könnte, steht bereit, Defibrillator inklusive. Langsam klart der Patient zunehmend auf. Es ist ein Manager aus Tschechien, der glücklicherweise ausgezeichnet Englisch spricht. Andernfalls hätten wir jedoch auch – wir erinnern uns ans Teambuilding! – einen Mitreisenden hinzuziehen können, von dem wir wissen, dass er ebenfalls gebürtiger Tscheche ist. Oder nötigenfalls via Durchsage nach einem solchen Helfer als Dolmetsch suchen lassen. Das ist aber in unserem Fall nicht notwendig, die Kommunikation stellt glücklicherweise kein Hindernis dar.

Die Therapie schlägt an, wir überwachen auch weiterhin engmaschig alle Vitalwerte. Dank der unglaublich bemühten Cabin Crew ist für jedes Detail gesorgt: selbst Abfallsäcke für das medizinische Verbrauchsmaterial stehen bereit.

Angesichts der Arbeitsdiagnose „Schwächeanfall“ und den uns an Bord zur Verfügung stehenden Möglichkeiten können wir schließlich guten Gewissens empfehlen, den Flug fortzusetzen. Wir verbleiben noch einige Zeit mit dem Patienten in der Bordküche, bis der Mann schließlich langsam, aber sicher wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Dann begleiten die Purserin und ich ihn zurück zu seinem Sitzplatz, wo die Cabin Crew bereits vorab zwei andere Mitreisende umgesetzt hat, so dass dem Geschwächten nun eine komplette Dreier-Sitzbank zur Verfügung steht, auf der er sich sogar bequem hinlegen kann.

Wie üblich, wird anschließend noch eine entsprechende Dokumentation durchgeführt – alle Maßnahmen sind auf einem Protokoll festzuhalten, und zusätzlich notieren wir sämtliches entnommenes Verbrauchsmaterial, so dass es für die Kollegen am Boden etwas einfacher wird, den Airline-Notfallkoffer nach der Landung wieder vollständig zu bestücken.

Sie sehen, dass Sie nichts sehen!

Die „fliegende Krankenstation“ wird wieder zum modernen Passagierjet. Und dank der ausgezeichneten Teamarbeit zwischen „Doc on Board“ und der Flight Crew war für einen Großteil der Mitreisenden nicht einmal ersichtlich, dass es an Bord der Maschine zu diesem Zwischenfall gekommen ist. Diskrete Alarmierung, ein abgeschirmter Bereich für die Notfallversorgung und eine unglaublich professionelle Zusammenarbeit zwischen Flugbegleitern und medizinischen Helfern sorgten dafür, dass die Situation perfekt gemeistert werden konnte.

Nur, wer auf vorhandenes Wissen und Erfahrung zurückgreifen kann, behält im Ernstfall einen kühlen Kopf. Das zeichnet nicht nur Flugbegleiter, sondern auch für Inflight Emergencies ausgebildete Mediziner aus - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Die Nacht verläuft ruhig, doch nur zwei Stunden vor der Landung werde ich erneut um Unterstützung gebeten. Eine junge Reisende aus der Slowakei fühlt sich nicht wohl. Sie musste sich während des Fluges mehrfach übergeben, klagt über Durchfall und Bauchschmerzen – offensichtlich eine Lebensmittelvergiftung, die sie sich auf einem asiatischen Nachtmarkt kurz vor Abflug zugezogen hat. Nach gründlicher Anamnese erhält die Dame ein Medikament. Kurioserweise sitzt sie ausgerechnet genau hinter jenem Passagier, der gut neun Stunden zuvor am Boden der Bordküche notversorgt wurde. Es wird also zur kollektiven Morgenvisite im Jet.

Die meisten anderen Reisenden bekommen von all dem gar nichts mit – wir arbeiten diskret und im Hintergrund. Denn im Flug gibt es eben viele Heinzelmännchen, deren kaum sichtbare Tätigkeiten es sind, die das Reisen hoch über den Wolken nicht nur so komfortabel, sondern auch sicher machen.

Denken Sie das nächste Mal daran, wenn Sie von der Flugbegleiterin Ihren Tomatensaft serviert bekommen …

(AG)

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.