Punktlandung

Der "falsche" Arzt an Bord - dubiose Geschäftemacherei mit Notfall-Trainingsprogramm in der Schweiz

"Achten Sie auf die Marke!" - Trittbrettfahrer versuchen, etablierte Programme wie aktuell "Doc on Board" mit fragwürdigen Methoden zu kopieren. - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Seit Jahrzehnten genießt die österreichische Marke "Doc on Board", Pionier in der Ausbildung von Fachpersonal für Notfälle an Bord von Verkehrsflugzeugen, einen ausgezeichneten Ruf bei Airlines rund um den Globus. Die Crew weiß: Ist ein "Doc on Board"-Mediziner unter den Passagieren, bedeutet dies im Ernstfall ausgezeichnete Hilfe für akut erkrankte Fluggäste. Nun missbrauchen Schweizer Geschäftemacher diesen Markennamen für eigene, dubiose Praktiken.

Derselbe Name, eine ähnlich lautende Internetdomain – wie die "falschen Docs on Board" zu diesem Auftritt kommen, scheint klar. Insider berichten, dass die dahinter stehenden Personen selbst jahrelang beim österreichischen Doc on Board-Original als Teilnehmer mehrere Kurse besucht haben, das rot-weiß-rote Programm schließlich sogar kaufen wollten. "Das haben wir jedoch abgelehnt", so Dr. David Gabriel, Initiator und Leiter des weltweit einmaligen und führenden Ausbildungsprogramms für Medical Inflight Emergencies, auf Austrian Wings-Nachfrage.

Was die Schweizer offensichtlich nicht davon abgehalten hatte, den renommierten Namen "Doc on Board" für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, und angebliche Flugnotfallkurse in Zürich abzuhalten.

Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Dass dahinter wohl nicht viel stecken kann, zeigt bereits die Tatsache, dass die gesamte Website der eidgenössischen Kopie vollgespickt mit Datenbank-Sujetfotos, aber keiner einzigen Realaufnahme aus dem Kursbetrieb ist. Auch das Impressum schweigt sich über die verantwortlichen Personen geflissentlich aus, doch Austrian Wings Recherchen haben ergeben, dass es sich dabei um dieselben Akteure handeln dürfte, die hinter der "medifactory GmbH" beziehungsweise "Oseara AG" stehen – letztere ein Unternehmen, das in der Schweiz im Kreuzfeuer der Kritik steht. Der Firma, welche im Bereich der medizinischen Betreuung von abzuschiebenden Personen tätig ist, wird etwa vorgeworfen, Mediziner ohne tatsächlich notwendige Qualifikation beschäftigt zu haben. Dadurch sollen etwa eine hochschwangere Frau und ein Kleinkind per Flugzeug außer Landes gebracht worden sein, obwohl laut Stadtspital Triemli absolute Transportunfähigkeit bestanden habe, berichtet etwa das SRF. Auch andere Fälle von Personen, die aus medizinischer Sicht nicht flugtauglich gewesen sein sollen, wurden durch Oseara ohne weiteres regelmäßig für "fit for fly" erklärt, berichten Schweizer Medien übereinstimmend.

Nun sollen also ausgerechnet jene Personen, die augenscheinlich regelmäßig haarsträubende Entscheidungen in Bezug auf flugmedizinische Grundlagen zu treffen wussten, unter dem etablierten Namen eines österreichischen Prestigeprojekts, ihrerseits "kompetente" Notfalltrainings für medizinisches Fachpersonal anbieten? – Das erscheint absurd, zumal die Verwendung des markenrechtlich eingetragenen Namens "Doc on Board" den wohl nicht unbegründeten Verdacht nahelegt, dass hier der ausgezeichnete Ruf des Originals bewusst für Verwechslung sorgen möge.

Viele tausend Mediziner aus unterschiedlichsten Fachrichtungen wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten bei Doc on Board in Österreich intensiv ausgebildet, und zwar in einem Umfeld, das seinesgleichen sucht. Dazu reisen die Kursbesucher von rund um den Globus an. "Neben der fachlichen Komponente setzen wir auf ein absolut realistisches Setting. Daher trainieren wir in denselben Flugzeugsimulatoren, in denen auch Airline-Personal ausgebildet wird. Nur dadurch können wir den Teilnehmern genau jene Fertigkeiten vermitteln, die bei einem realen Notfall im Flugzeug nötig sind", unterstreicht Dr. Gabriel. Und weiter: "Unsere Instruktoren sind Profis mit langjähriger Erfahrung, und wir betreiben ein intensives Qualitätssicherungsprogramm. Das 'Doc on Board-Original' ist eben keine bloße Fachsimpelei, sondern ausgeklügeltes Training in allen Bereichen."

Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Auch die Doc on Board-Card, quasi der Dienstausweis für Programmabsolventen, wurde von den Schweizern zu kopieren versucht. Freilich, ohne hierfür auch attraktive Partner in petto zu haben – "Kooperationen mit Fluggesellschaften mit entsprechenden Vorteilen für DOB-Card-Inhaber/innen sind in Planung", heißt es aktuell lapidar auf der auch ansonsten wenig aussagekräftigen Website.

Auf Austrian Wings-Anfrage erfolgte jedenfalls keinerlei Reaktion.

Offensichtlich scheint man es in der Schweiz nicht verkraftet zu haben, dass seitens der "echten Docs on Board" letztlich kein Interesse bestanden hatte, das österreichische Erfolgsmodell an die Eidgenossen zu verkaufen. Der verzweifelte Versuch, für ein minderwertig wirkendes Plagiat dann jedoch auch denselben Namen zu verwenden, um Qualität zu suggerieren, zeichnet am Ende ein vielsagendes Bild.

Und das, obwohl es gerade eine Schweizer Reklame war, welche den fragenden Slogan, "Wer hat's erfunden?", populär gemacht hat ...

(AG)

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.