Punktlandung

"Bitte verstauen Sie Ihr Handgepäck und Ihre Notfalldaten sicher an Bord...!"

Zugriff auf persönliche Notfallinformationen, vom Passagier zur Verfügung gestellt? - Ein neues österreichisches Portal bietet schon jetzt derartige Möglichkeiten und denkt über künftige Optionen nach. (Symbolfoto Flugbegleiterin mit Tablet-PC: via AUA)

Vor einem Jahr habe ich über meine Erfahrungen mit medizinischen Notfällen an Bord von Verkehrsflugzeugen berichtet. Eine nun gelaunchte Plattform "made in Austria" könnte unter Umständen auch bei derartigen Zwischenfällen künftig gute Dienste leisten...

Das "Doc on Board"-Netzwerk bildet seit 16 Jahren Personal vor allem aus dem medizinischen, aber auch generell luftfahrtspezifischen Bereich für die kompetente Erstversorgung von Patienten in Verkehrsflugzeugen aus. Aus eigener Erfahrung, die ich vergangenes Jahr mit den Lesern von Austrian Wings geteilt habe, weiß ich, dass es nicht nur die generelle Logistik an Bord ist, die eine Intervention im Zuge medizinischer Notfallereignisse mitunter sehr herausfordernd gestalten kann. Ausgerechnet das damals genannte Beispiel eines kollabierten Fluggastes bereitete nicht nur mir gewissermaßen Kopfzerbrechen. Wir hatten es plötzlich mit einem nicht mehr ansprechbaren Mann zu tun, über den niemand an Bord etwas Genaueres wusste, da es sich um einen ohne Begleitung reisenden Geschäftsmann handelte. Ob er vielleicht an relevanten Grunderkrankungen leidet oder es wichtige andere Details gibt, die im Zuge der eingeleiteten Erstversorgung – 33.000 Fuß über Grund und weitab einer geeigneten Versorgungseinrichtung – relevant sein könnten... niemand konnte es wissen.

Seit wenigen Tagen ist, nach vielen Jahren intensiver Entwicklungsarbeit, das "Medakte"-Portal online. Die Plattform erlaubt es dem Benutzer, seine Gesundheitsdaten völlig eigenverantwortlich und ohne unerwünschte Anbindung Dritter sicher zu verwalten. Inhalte können auf Wunsch direkt mit behandelnden Ärzten geteilt, oder aber – und das ist im genannten Fallbeispiel durchaus relevant – über eine digitale "Emergency Card" abrufbar gemacht werden. Die dort hinterlegten Informationen, etwa zu Grunderkrankungen, laufender Medikation, Allergien, einer Patientenverfügung oder weiteren Details werden vom Nutzer selbst bestimmt. Kann der Patient also nicht mehr selbst Auskunft geben, lassen sich die von ihm als relevant klassifizierten Informationen durch Scannen eines QR-Codes oder alternativ Anwählen einer URL in Sekundenschnelle abrufen. Die Helfer erhalten dann sofort aktuelle Informationen über wichtige gesundheitliche Aspekte des Patienten und können, sofern hinterlegt, auch den angeführten Notfallkontakt verständigen.

Welche Notfallinformationen aus der persönlichen Krankengeschichte im Ernstfall für Außenstehende abrufbar sein sollen, und was unter Verschluss bleibt, entscheidet der Nutzer selbst. (Screenshot "Medakte"-Interface)

"Diese digitale 'Emergency Card' kann mit jedem beliebigen Smartphone oder Tablet aufgerufen werden", erklärt "Medakte"-Entwickler Dr. David Gabriel. Internetanbindung steht heute in den allermeisten Flugzeugen zur Verfügung, die Crew nützt in der Regel Tablets. Tritt ein medizinischer Notfall ein, könnten durch den digitalen Datensatz sofort relevante Informationen, welche der Patient selbst zur Verfügung gestellt hat, abgerufen werden.

Vom Inhaber selbst gewählte Notfallinformationen lassen sich im Ernstfall in Sekundenschnelle abrufen, beispielsweise durch Scan eines QR-Codes. - Foto: Austrian Wings Media Crew

Dr. Gabriel denkt auch an mögliche Zukunftsoptionen: "Es wäre realisierbar, dass ein Passagier bereits im Zuge der Flugbuchung seinen Zugang zur digitalen 'Emergency Card' hinterlegt. Die Cabin Crew kann auf ihren Tablets ohnedies bereits auf viele relevante Informationen zu den Fluggästen zugreifen, die Implementierung von persönlichen Notfallinformationen für den Fall der Fälle wäre dann nur einen Klick entfernt." Jeder, der dies wünscht, könnte also auf diesem Weg seine Daten zur Verfügung stellen, sodass mitfliegendes medizinisches Fachpersonal die eingeleitete Erstversorgung noch besser gestalten könnte. "Denn es kann durchaus hilfreich sein, zu wissen, ob es bestehende relevante Grunderkrankungen gibt oder in jüngerer Vergangenheit medizinische Eingriffe stattgefunden haben, die eine plötzliche Zustandsverschlechterung eines Passagieres erklären", so der Mediziner, der auch über eine Berufspilotenlizenz verfügt. Denn auch wenn auf einem Großteil der Flüge medizinisches Fachpersonal mit an Bord ist und viele Airlines umfangreiche Notfallausrüstung bereitstellen, "ist man als zufällig an Bord anwesender Mediziner sehr lange mit einem Patienten, den man üblicherweise nicht kennt, alleine, bis man auf weitere Hilfe zurückgreifen kann", bilanziert Gabriel.

Auf einer Vielzahl an Flügen ist medizinisches Personal unter den Reisenden, das im Notfall die Erstversorgung eines Patienten übernehmen kann, wie hier in einem "Doc on Board"-Training als Übungsszenario. - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Er selbst hat den QR-Code zu seiner eigenen "Medakte Emergency Card" auf den Sperrbildschirm seines Smartphones gelegt. Doch es gibt noch weitere Möglichkeiten, die Notfallinformationen zugänglich zu machen: etwa, indem man einer Reisebegleitung, beispielsweise Arbeitskollegen, die persönliche URL zur digitalen Karte übermittelt, so dass diese temporär darauf zugreifen und den Ersthelfern beziehungsweise Rettungskräften zur Verfügung stellen können. Oder eben, wie geschildert, den Flugbegleitern als Bestandteil des digitalen Passagierprofils. Nach Ablauf der gewählten Gültigkeit bleibt die Information wieder unter Verschluss.

Zur Notfallausrüstung an Bord vieler Airlines gehört auch eine große Auswahl an Notfallmedikamenten. Für einschreitende Mediziner sind wichtige Eckpfeiler zur Krankengeschichte eines Patienten dringend notwendig, um im Ernstfall rasch das passende Präparat wählen zu können. - Foto: Austrian Wings Media Crew

Ein paar zusätzliche Informationen im Fall meines alleinreisenden Passagiers, der ohne Vorwarnung hoch über den Wolken plötzlich zum Notfallpatienten wurde, hätte auch ich mir gewünscht. Ist der Mann etwa Diabetiker? (Ein Blutzuckermessgerät gab es auf diesem Fluggerät leider nicht.) Leidet er vielleicht an einer relevanten Herzkrankheit? Verdichten sich Anhaltspunkte für ein neurologisches Geschehen? Welche der an Bord verfügbaren Medikamente könnten nun helfen oder wären andererseits allergiebedingt eventuell sogar gefährlich? – Mit einem digitalen Notfall-Datensatz hätten womöglich in Windeseile wesentliche Fragen (früher und besser) beantwortet werden können, als der Patient selbst es nicht mehr konnte.

Medizinische Notfallinformationen für die Crew, direkt abrufbar bei Inflight Emergencies? Bei "Medakte" denkt man über diese Optionen nach. (Symbolfoto Flight Crew mit Tablet PCs: AUA)

Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, auf freiwilliger Basis in Zukunft vor Antritt einer Flugreise nicht nur die persönlichen Präferenzen zur Bordverpflegung eintragen zu können, sondern auch einen Notfallzugriff zu selbst ausgewählten, relevanten Gesundheitsdaten. Spätestens der nächste "Doc on Board" wäre darüber womöglich höchst dankbar.

(AG)

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.