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Notfall im Flugzeug - "Doc on Board" als Lebensretter

Schauplatz Airbus A300. Ein Passagier sackt leblos zusammen. Sein Herz steht still. 11.000 Meter über Grund, weit weg von einem Krankenhaus oder rascher Intervention durch den Rettungsdienst. Keine erdachte Geschichte, sondern reales Szenario von vergangenem Jahr auf einem Iran Air Flug nach Wien.

Zufällig an Bord anwesende Ärzte starteten jedoch umgehend intensive Wiederbelebungsmaßnahmen - mit Erfolg. Das Einsatzteam der Flughafenambulanz in Wien-Schwechat sowie der hinzugerufene Wiener Notarzthubschrauber "Christophorus 9" konnten am Vorfeld einen Patienten übernehmen, der noch Augenblicke zuvor klinisch tot war - und dessen Herz nun wieder schlug.

Zugegeben, gemessen an der Menge täglich rund um den Globus beförderter Flugpassagiere ist die Anzahl an ernsten Notfällen, die nach schnellstmöglicher ärztlicher Behandlung verlangen, verhältnismäßig gering. Doch wenn es zu einer solchen Situation kommt, kann das professionelle Eingreifen eines Mediziners einen wesentlichen Unterschied ausmachen, und mitunter zwischen Leben und Tod entscheiden.

Patient im Flugzeug: Was Karikaturist Daniel Lüdeling für "Doc on Board" so humorvoll illustriert hat, bedeutet in der Praxis nicht nur Überwindung für den Arzt, sondern auch viel Improvisationstalent bei der Versorgung. (Repro: PA / Austrian Wings Me
Patient im Flugzeug: Was Karikaturist Daniel Lüdeling für "Doc on Board" so humorvoll illustriert hat, bedeutet in der Praxis nicht nur Überwindung für den Arzt, sondern auch viel Improvisationstalent bei der Versorgung. (Repro: PA / Austrian Wings Media Crew)

Statistisch gesehen ist auf zirka der Hälfte aller Flüge ein Arzt oder ein Angehöriger eines anderen Gesundheitsberufes, etwa Krankenpflegepersonal, unter den mitfliegenden Linien- oder Charterpassagieren. Damit stehen die Chancen, im Fall des Falles auf professionelle Hilfe zugreifen zu können, gar nicht schlecht. Doch für einen Arzt ist es alles andere als einfach, mit der besonderen Situation in einem Verkehrsflugzeug umzugehen. Extreme räumliche Enge, ein auf medizinische Versorgung absolut nicht zugeschnittenes Umfeld, zahlreiche Zuseher, kein qualifiziertes medizinisches Assistenzteam, eine mitunter unklar wirkende rechtliche Situation - und vor allem auch die Frage: Mit welchem Material soll ich denn arbeiten?

Gehört zum intensiven Training bei "Doc on Board" - das Kennenlernen der Ausrüstung, welche auf Austrian Airlines Maschinen mitgeführt wird. Sie ist ident mit dem bei vielen Qualitätsfluglinien vorgehaltenen Equipment.
Gehört zum intensiven Training bei "Doc on Board" - das Kennenlernen der Ausrüstung, welche auf Austrian Airlines Maschinen mitgeführt wird. Sie ist ident mit dem bei vielen Qualitätsfluglinien vorgehaltenen Equipment.

Doc on Board: Training als Sicherheit für den Ernstfall

"Wenn jemand nicht hilft, dann tut er das nicht aus Bosheit", betont Dr. Joachim Huber, einer der "Doc on Board"-Initiatoren. Dieses österreichische Projekt setzt genau an diesem kritischen Punkt an - die ungewohnte Situation eines Notfalles im Flugzeug kennenzulernen, zu trainieren, und damit Sicherheit zu erlangen. "Bei 'Doc on Board' üben wir im realistischen Umfeld, stellen typische medizinische Zwischenfälle nach, und damit erwerben unsere Teilnehmer die Fähigkeit, mit derartigen Herausforderungen umzugehen", so der erfahrene Kardiologe und Notfallmediziner.

Training unter Realbedingungen: Im beweglichen Kabinensimulator gilt es, einen Patienten umfangreich erstzuversorgen.
Training unter Realbedingungen: Im beweglichen Kabinensimulator gilt es, einen Patienten umfangreich erstzuversorgen.

Das Unbekannte erfahren

Selbst erfahrene Notärzte, die ein "Doc on Board"-Seminar besuchen, sind regelmäßig überrascht. Denn das Arbeitsumfeld ist alles andere als alltäglich. Hinzu kommt der Druck, unter den schwierigen Bedingungen auch noch mit Material arbeiten zu müssen, das man mitunter nicht kennt. "Doc on Board"-Teilnehmer werden mit dem medizinischen Notfallequipment, das an Bord von Austrian Airlines-Flugzeugen vorgehalten wird, intensiv vertraut gemacht. Viele große Airlines weltweit führen derartige "Medical Kits" für Ärzte mit. Sie ermöglichen eine umfassende medizinische Erstversorgung in vielen Notfallsituationen - vom Herz-Kreislauf-Problem über allergische Reaktionen bis hin zu Unfällen, etwa infolge von Stürzen. Selbst für eine Geburt und die danach nötige Versorgung von Mutter und Säugling ist Material mit dabei. "Natürlich - das ist nicht der komplette Schockraum einer Klinik", räumt Dr. Huber ein. "Aber man ist mit dieser Ausrüstung in der Lage, auf zahlreiche Situationen umfassend und gezielt reagieren zu können."

Platz schaffen, Arbeitsumfeld organisieren, den Patienten bestmöglich betreuen - bei "Doc on Board" lernen die Teilnehmer, eine solche herausfordernde Situation stets gut zu überblicken und sicher zu beherrschen. - Foto: "Doc on Board"
Platz schaffen, Arbeitsumfeld organisieren, den Patienten bestmöglich betreuen - bei "Doc on Board" lernen die Teilnehmer, eine solche herausfordernde Situation stets gut zu überblicken und sicher zu beherrschen. - Foto: "Doc on Board"

Eine große Anzahl an Notfallmedikamenten ergänzt die Ausstattung - begonnen von Kopfschmerztabletten bis hin zu Ampullen, die bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung zum Einsatz kommen. Auf vielen Flugzeugen ist auch ein Defibrillator mit dabei, der die Ableitung einer Basis-EKG-Kurve erlaubt und beim Kreislaufstillstand lebensrettende Stromstöße abgeben kann.

"Allerdings, wir wissen - viele haben auch nichts zu verschenken", bedient sich Dr. Huber eines Zitats aus einem bekannten TV-Werbespot, und spielt damit auf so manche Low-Cost-Airlines an, bei denen hochwertige medizinische Ausstattung nicht auf der Liste an mitgeführten Utensilien steht. Vor etwa fünf Jahren musste dies beispielsweise ein Schweizer Diplom-Rettungssanitäter auf einem Flug nach England erleben. An Bord des Billigfliegers befand sich ein Passagier, der plötzlich akute Kreislaufprobleme erlitt. Doch es stand kein Material zur Verfügung, mit welchem der anwesende Notfallspezialist adäquat hätte intervenieren können.

Notfälle bei Kleinkindern - eine für viele Ärzte beunruhigende Vorstellung. Das Praxistraining gibt Sicherheit.
Notfälle bei Kleinkindern - eine für viele Ärzte beunruhigende Vorstellung. Das Praxistraining gibt Sicherheit.

Neben dem Wissen auch viele Vorteile erwerben

"Doc on Board" ist ein einzigartiges Fortbildungsprogramm "made in Austria", das Ärzte und medizinisches Fachpersonal auf die herausfordernde Situation eines unerwarteten Ereignisses optimal vorbereitet. Und auf die Teilnehmer wartet nicht nur ein aufregendes, intensives Seminar-Wochenende, sondern auch eine ganze Reihe an Bonifikationen.

Dr. Joachim Huber zeigt den früher gängigen "Heimlich-Handgriff" bei erstickenden Patienten, erklärt dessen Risiken und erläutert schonendere, aber ebenso effektive Maßnahmen in derartigen Notfallsituationen.
Dr. Joachim Huber zeigt den früher gängigen "Heimlich-Handgriff" bei erstickenden Patienten, erklärt dessen Risiken und erläutert schonendere, aber ebenso effektive Maßnahmen in derartigen Notfallsituationen.

Ausgebildeten Notärzten bietet "Doc on Board", neben dem Seminar selbst, auch einen gesetzlich anerkannten Refresherkurs an - eine Fortbildung, die jeder praktizierende Notarzt spätestens alle zwei Jahre zur Verlängerung seiner Lizenz nachweisen muss. Damit wird "Doc on Board" zu einem Komplettpaket, das interessierte Mediziner in realistisch-perfekter Form auf ein Ereignis vorbereitet, wie es vielleicht schon auf der nächsten Flugreise bevorstehen könnte: Der Ruf des Kabinenpersonals nach einem anwesenden Arzt für die Hilfe in einer akuten Notsituation an Bord.

Alle Informationen und die nächsten "Doc on Board"-Kurstermine gibt es online auf doc-on-board.com

(red / Alle Fotos, wenn nicht anders angegeben: © Austrian Wings Media Crew / Titelbild: Reanimationstraining im Kabinensimulator)