Punktlandung

Kommentar zum AUA-Tarifkonflikt: Fakten statt Nebelgranaten

A320neo der AUA, Symbolbild - Foto: Austrian Wings Media Crew

17 KV-Verhandlungsrunden ohne Ergebnis, mehrere Betriebsversammlungen und ein 36-stündiger Streik. Hunderte gestrichene Flüge, tausende verärgerter Passagiere und ein Millionenschaden für das Unternehmen AUA, vom Imageschaden noch ganz zu schweigen. Das ist die bisherige Bilanz im aktuellen AUA-Tarifkonflikt. In sozialen Medien kursieren diverse Gerüchte und es hat den Anschein, als würde auch das AUA-Management gezielt "Nebelgranaten" zünden und durch das Lancieren von "Halb- und Viertelfakten" versuchen, die Belegschaft in der Öffentlichkeit als "geldgierig" dastehen zu lassen. Eine Punktlandung mit vielen Fakten aus aktuellem Anlass.

Vorweg: Die Verhandlungsdetails geben weder Gewerkschaft noch AUA preis. Bekannt ist allerdings, dass die Belegschaft rund 40 Prozent mehr Gehalt fordert, die AUA jedoch deutlich weniger bietet. Ja, 40 Prozent Gehaltserhöhung klingen auf den ersten Blick extrem unverschämt, vor allem, da (einige) Piloten wirklich nicht gerade wenig verdienen. Doch ebenso wenig wie die Welt in "Schwarz" oder "Weiß" eingeteilt werden kann, ist das hier der Fall. Es ist eine komplexe Materie, die ich deshalb ausführlich beleuchten will.

Seit den radikal-islamischen Terroranschlägen von 9/11 hat die AUA-Belegschaft immer wieder aus Solidarität mit dem Unternehmen auf Teile ihres Gehalts verzichtet, zuletzt während der Corona-Pandemie. Der Gehaltsverzicht war so groß, dass Teile der Belegschaft ihr Leben nicht mehr bestreiten konnten und sich andere Jobs suchen oder einen Zweitjob annehmen mussten. Dazu kommt: Im Durchschnitt verdienen Piloten und Flugbegleiter der AUA um 40 Prozent weniger als ihre Kollegen bei der Konzernmutter Lufthansa - für die gleiche Tätigkeit, wohlgemerkt. Es gibt aber sogar Fälle, in denen Lufthansa-Mitarbeiter im Flugbetrieb fast das doppelte ihrer AUA-Kollegen verdienen. Vor diesem Tatsachensubstrat an Hintergrundinformationen scheint klar, dass die von der AUA angebotene Lohnerhöhung, die noch dazu teilweise nicht nachhaltige Einmalzahlungen beinhaltet, einfach viel zu wenig ist, denn sie gleich letzten Endes wohl kaum den bisherigen Gehaltsverlust und die Inflation aus, ein Reallohnzuwachs dürfte in vielen Fällen nicht gegeben sein. Das ist aus Sicht der Belegschaft völlig zu Recht inakzeptabel.

Bei den aktuellen KV-Verhandlungen geht es zudem nicht nur um die Piloten, sondern auch um die Flugbegleiter, von denen es viel mehr gibt als von den Piloten. In der Öffentlichkeit werden Flugbegleiter oftmals nur als "fliegende Kellner", mitunter auch abwertend als "Saftschubsen" bezeichnet, wahrgenommen. Dabei ist die Hauptaufgabe dieses Berufsstandes die Wahrung der Sicherheit an Bord, wie ich erst kürzlich in dieser Reportage beleuchtet habe. Kommt es nämlich zu einem Crash oder zu einer Notlandung, kann eine gut trainierte Kabinenbesatzung den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen, auch wenn das wohl dem Gros der Flugreisenden überhaupt nicht bewusst ist. Ein hervorragendes Positivbeispiel dafür, wie gut trainierte Flugbegleiter das Leben ihrer Passagiere retteten ist der Fall von Air France Flug 358 im Jahr 2005.

Gleich passend dazu ein Negativbeispiel: Ein potentiell gefährlicher Zwischenfall bei einem Billigflieger zeigt, was geschehen kann, wenn man ganz augenscheinlich ungeeignetes bzw. unzureichend qualifiziertes Personal in einem solch verantwortungsvollen Beruf einsetzt, wobei dieser Vorfall selbstverständlich keine generellen Rückschlüsse auf die Qualifikation des Personals dieses Unternehmens zulässt.

Trotzdem: So einen Vorfall gab es meines Wissens in der gesamten Geschichte der Austrian Airlines noch nie. Kein Wunder, denn dort setzt man auf eine hochwertige Ausbildung der Damen und Herren Flugbegleiter. Doch die Entlohnung wird dieser hohen Verantwortung des Personals nicht einmal ansatzweise gerecht. Gerade einmal 1.600 bis 1.700 Euro netto - weniger als eine Putzfrau im burgenländischen Landesdienst - erhalten Flugbegleiter ab dem 3. Monat Firmenzugehörigkeit. In den ersten 2 Monaten sind es sogar weniger als 1.000 Euro netto. Eine Schande für eine Qualitätsairline, die umgehend behoben werden muss. Hier sollte AUA-CEO Annette Mann ansetzen, anstatt der eigenen Belegschaft, der die AUA ein gutes Bilanzergebnis verdankt zu drohen.

Womit ich zu den Piloten kommen möchte. Natürlich gibt es Flugkapitäne mit entsprechend langer Firmenzugehörigkeit die 10.000 bis 12.000 Euro netto im Monat verdienen. Doch erstens sind diese Mitarbeiter nicht das Gros des Pilotenkorps und zweitens geht es in erster Linie um junge Piloten bei den Gehaltsverhandlungen und die sind keineswegs Großverdiener.

Über 100.000 Euro Schulden und 3.100 Euro Einstiegsgehalt
Ein junger Erster Offizier beginnt bei der AUA mit einem Gehalt (netto) von etwa 3.100 Euro. Das klingt erst einmal nicht schlecht, doch muss man bedenken, dass er dafür eine intensive hochwertige Ausbildung durchlaufen hat und durch medizinische Gründe, die er gar nicht beeinflussen kann von einem Tag auf den anderen seinen Job verlieren kann - nämlich dann, wenn beim Medical festgestellt wird, dass die gesundheitliche Tauglichkeit als Berufspilot nicht mehr gegeben ist. Bevor der junge Mann oder die junge Dame allerdings überhaupt mit diesem Gehalt im Cockpit sitzt, haben sich schon einmal knapp 100.000 Euro Schulden nur für die Ausbildung angehäuft. Denn anders als früher bezahlt die AUA ihrem Nachwuchs die Ausbildung nicht mehr. Bedeutet: Ein 18-Jähriger, der sich nach der Matura bewirbt, die Selektion (90 Prozent Drop-out-Rate) besteht und dann auch noch die harte Ausbildung mit all ihren Zwischenprüfungen erfolgreich durchläuft, hat, wenn er mit 21 bis 22 Jahren als Erster Offizier anfängt, nicht nur die rund 100.000 Euro Schulden für die Ausbildung abzustottern sondern vielfach noch weitere 20.000 bis 30.000 Euro, denn schließlich mussten die Lebenshaltungskosten während der Dauer der Ausbildung auch gedeckt werden - und vor diesem Hintergrund relativiert sich das vermeintlich gute Einstiegsgehalt von 3.100 Euro netto ganz schnell wieder. Übrigens, die AUA qualifiziert ihre Piloten deutlich über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus und auch das Training ist weitaus umfangreicher als es der Gesetzgeber vorschreibt. So trainieren die Piloten der AUA, nur ein Beispiel, vier Mal anstatt zwei Mal pro Jahr im Simulator. Das hohe Ausbildungsniveau schlägt sich auch positiv in der Flugsicherheit nieder. Die AUA hat seit mehr als 60 Jahren keinen Absturz mehr zu verzeichnen gehabt und zählt damit zweifellos zu den sichersten Fluggesellschaften der Welt.

Ein weiteres Faktum: Die Entlohnung des fliegenden Personals der AUA macht gerade einmal 10 bis 11 Prozent an den laufenden Gesamtkosten des Unternehmens aus. Heißt im Umkehrschluss: Gut 90 Prozent der Kosten entfallen überhaupt nicht auf das fliegende Personal. Trotzdem tut das AUA-Management in den laufenden Gehaltverhandlungen vor allem gegenüber der Öffentlichkeit gerne so, als würde eine satte Gehaltserhöhung für diese Berufsgruppe das Unternehmen in den Ruin treiben. Womit ich beim nächsten Punkt bin. Die Lufthansa-Gruppe, zu der die AUA gehört, hat erst kürzlich einen "Rekordgewinn" vermeldet, geizt aber nun bei den Gehältern jener Menschen, die diesen Erfolg durch ihre Arbeit und durch ihren vorangegangenen jahrelangen Gehaltsverzicht überhaupt erst möglich gemacht haben.

Teile und herrsche hat bei Lufthansa System
Dazu muss man wissen, dass die Lufthansa seit vielen Jahren geradezu Weltmeister darin ist, die eigenen Töchterunternehmen gegeneinander auszuspielen. Da gibt es zunächst einmal die sogenannte "Mainline" der Lufthansa. Das Personal dort hat die besten Verträge. Dann folgen die Töchter Lufthansa Cityline, Eurowings und Discover Airlines, vormals Eurowings Discover. Bei Gehaltsverhandlungen droht das Lufthansa-Management regelmäßig damit, Flüge an eine der günstigeren Töchter auszulagern, falls das Personal nicht "spuren sollte", sprich, falls man sich den Wünschen des Managements nicht beugt.

Und trotzdem verdient das fliegende Personal der Lufthansa-Töchter immer noch mehr als das fliegende Personal der AUA. Das führt dann zu kuriosen Fakten wie etwa, dass so mancher altgediente Lufthansa-Co-Pilot mehr Gehalt bekommt als ein jüngerer AUA-Kapitän ...

Überhaupt zählen die Gehälter für Flugbegleiter und Piloten der AUA zu den niedrigsten der Branche, wenn man diverse Billgflieger, die teils mit unseriösen Methoden (Scheinselbstständigkeit, rascher Jobverlust im Krankheitsfall, etc ...) mal außen vor lässt.

Denn während schon, wie ausführlich dargelegt, die Belegschaft der Konzernmutter Lufthansa deutlich mehr verdient als das AUA-Personal so verdienen Piloten und Flugbegleiter bei anderen europäischen Premium-Airlines sogar noch wesentlich besser als bei Lufthansa und damit natürlich noch viel besser als ihre Kolleginnen und Kollegen bei der AUA - auch wenn das AUA-Management diese Fakten durch Zünden von "Nebelgranaten" und gezieltes Lancieren von Teilinformationen an Medienvertreter und Öffentlichkeit gerne unter den Teppich kehren möchte.

Last but not least muss man auch sagen, dass die Art und Weise wie das Lufthansa-Management in Frankfurt und die Lufthansa-Statthalterin in Österreich, AUA-CEO Annette Mann, die Belegschaft und die Gewerkschaft behandeln von nicht wenigen Mitarbeitern als, Zitat, "teutonische Arroganz" wahrgenommen wird. Es macht nun einmal keinen schlanken Fuß, der Belegschaft über die "Zeit im Bild" quasi auszurichten, dass, wenn sie nicht spurt, andere Airlines der Gruppe die AUA-Flüge übernehmen können. Fragt sich nur welche, denn wie ich ausführlich dargelegt habe, produziert die AUA billiger als Lufthansa, Lufthansa Cityline, Eurowings und Discover Airlines. Bliebe nur noch die italienische Lufthansa Tochter Air Dolomiti. Doch die hat weder die geeigneten Flugzeuge, noch die Kapazitäten, um das AUA-Streckennetz zu übernehmen.

Am Ende des Tages werden das Lufthansa-Management in Frankfurt und die von ihm nach Österreich entsandte AUA-CEO Annette Mann nicht umherkommen, ihr Angebot kräftig nachzubessern - natürlich wird es am Ende weniger sein, als die Gewerkschaft jetzt fordert, aber es wird gleichzeitig deutlich mehr sein müssen, als die AUA bisher bietet. Das wissen beide Seiten. Im Sinne der Passagiere sollte eine baldige Lösung gefunden werden, denn sonst sind weitere Streiks wohl vorprogrammiert.

Text: Patrick Huber, www.der-rasende-reporter.info

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.