Reportagen

Fotobericht und Interview zur Notfallübung Alpha 10 auf dem Flughafen Graz

Alle Fotos: CBRN.zone

Unter dem Motto „Was tun, wenn die Gefahr nicht sichtbar ist?“ stand die diesjährige Notfallübung auf dem Grazer Airport. Alpha 10 widmete sich einem Thema, das in dieser Form am Graz Airport noch nicht beübt wurde: Mögliche Infektion mit einer hochansteckenden Krankheit.

Alle zwei Jahre werden auf internationalen Flughäfen umfassende Einsatzübungen durchgeführt, um die Notfallplanung zu überprüfen. Meist geht es dabei um komplexe Flugzeugunfälle. Die Verantwortlichen am Graz Airport und ihre Partner widmen diese Übungen aber auch anderen potenziellen Gefahren, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und so schließlich für eine Vielzahl unterschiedlicher Ereignisse vorbereitet zu sein.

In Verkehrsflugzeugen kommen viele Menschen auf engstem Raum zusammen - teils über viele Stunden. Dadurch können sich Krankheitserreger innerhalb weniger Stunden weltweit verbreiten. Die Behörden, Einsatzkräfte und medizinische Einrichtungen trainieren deshalb regelmäßig den Umgang mit solchen Szenarien. Auch die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie fließen in die Ausbildung mit ein.

Die Organisation der Übung wurde vom Flughafen Graz durchgeführt, maßgeblich involviert war Einsatzleiter und Leiter der Feuerwehr Ewald Hauptmann. Zwei Spezialteams – das steirische HITT (Hochinfektionstransportteam) und das HRI Team aus Kärnten (Hochrisikoinfektionsteam) – nahmen daran teil. Sie trainierten die Rettung und Versorgung hochinfektiöser Patienten aus einem Verkehrsflugzeug, das von der Avanti Air zur Verfügung gestellt wurde. Für den Transport solcher Patienten ist spezielle Ausrüstung erforderlich. Diese Ausrüstung wurde vom Unternehmen CBRN.ZONE geliefert – gegründet von Dr. med. David Gabriel, selbst ausgebildeter Berufspilot und in Luftfahrtkreisen für das Projekt „Med on Board“ bekannt. CBRN steht dabei für „chemische, biologische, radiologische und nukleare“ Gefahren. „Die Patienten wurden im sogenannten BIO-BAG sicher isoliert und abtransportiert“, unterstreicht Dr. Gabriel die Bedeutung moderner Schutzausrüstung in derartigen Situationen.

Andreas Weitlaner, Bezirkshauptmann Graz-Umgebung, erklärt: „Übungen dieser Art dienen dazu, das Zusammenwirken der verschiedenen Einsatzorganisationen untereinander, aber auch mit den zuständigen Behörden und dem Flughafen zu üben. Es ist daher wichtig und sinnvoll, die unterschiedlichsten Gefahrenlagen zu beüben, um für den Ernstfall bestmöglich vorbereitet zu sein.“

„Sicherheit entsteht nicht erst im Ernstfall, sondern durch Vorbereitung, Training und Vertrauen“, bestätigt Antonio Cuomo, Pilot und Head of Sales von Avantiair. „Bei Avantiair arbeiten wir täglich daran, unsere Prozesse zu verbessern; diese Übung ist ein wichtiger Teil davon.“

Prof. Dr. Kai Wulf, Präsident der Österreichischen Fachgesellschaft für CBRN und medical Biodefence: „Es gibt im Rahmen der Behandlung von Hochinfektionspatienten zwar viele definierte Abläufe, jedoch keine global standardisierte und zertifizierte Prozesse. Dies möchten wir durch die Gründung der Fachgesellschaft ändern. Zudem soll diese Plattform Experten dienen, die sich organisations- und länderübergreifend vernetzen möchten.“

Dr. Gabriel ergänzt: „Im CBRN Bereich gibt es 3 wichtige Säulen: Wissen, Ausrüstung und Training. Zudem spielen Schnittstellen zwischen Prozessen und Organisationen eine immens wichtige Rolle. Dazu gehört etwa auch die Unterteilung und Einhaltung von definierten Bereichen (z.B. Gefahren-, Dekontaminations-, Sicherheitsbereich), die bei dieser Übung optimal umgesetzt werden konnten. Es geht nicht nur darum, betroffene Patienten gut zu versorgen und sicher abzutransportieren, sondern in erster Linie auch, weitere Kontaminationsverschleppung vor Ort zu verhindern."

 Valentin Krause, Rotes Kreuz, unterstreicht: „Das Rote Kreuz ist da, um zu helfen – im Alltag genauso wie in außergewöhnlichen Situationen. Damit Menschen sich im Ernstfall auf schnelle und koordinierte Hilfe verlassen können, braucht es regelmäßiges gemeinsames Üben unter möglichst realistischen Bedingungen. Genau das leisten Großübungen wie diese.“ 

„Wir haben für einen derartigen Notfall einen eigenen Alarmplan, der mit den verantwortlichen Behörden abgestimmt wurde“, erklärt Jürgen Löschnig, Geschäftsführer Graz Airport. „So ein Szenario unterscheidet sich aber vor allem in Hinblick auf Verantwortlichkeiten bzw. auf das Zusammenspiel der verschiedenen Behörden und Einsatzorganisationen grundlegend von den meisten anderen Notfallszenarien. Daher hat es uns schon länger unter den Fingernägeln gebrannt, eine Übung zu diesem Thema durchzuführen.“ 

Ein großes Dankeschön geht an die deutsche Airline Avantiair, die durch die Bereitstellung eines Flugzeugs für ein besonders realitätsnahes Übungsumfeld gesorgt hat. 

Insgesamt nahmen rund 200 Personen an der Übung teil.

Das Drehbuch zur Übung
Ein Forscherteam des Biotechnischen Foroza Institutes in Wien erforscht in Zentralafrika eine neue Impfmethode gegen Ebola. Da sich die Situation vor Ort aufgrund eines aktuellen Ausbruchs der tödlichen Krankheit radikal verschlimmert, wird das Team zurück nach Wien evakuiert. Für den fiktiven Flug stellte Avanti Air eine Bombardier Q400 zur Verfügung. Die Flugzeit beträgt ca. neun Stunden. Nach etwa sieben Stunden wird der Flugsicherung ein medizinscher Notfall zweier Passagiere gemeldet. Da sich der gesundheitliche Zustand der beiden Personen akut verschlechtert, wird das Luftfahrzeug nach Graz umgeleitet, um die betroffenen Personen so schnell wie möglich medizinisch zu betreuen. Die Flugsicherung TWR-Graz informiert den diensthabenden ADM (Airport Duty Manager) um 13:00 Uhr Lokalzeit über die medizinische Ausweichlandung. Die Landung erfolgt um 13:20 Uhr in Graz.

Die Ziele:

Überprüfung von:

  • Alarmplan 5 „Bedrohungslage Infektion“ des Graz Airport

  • Alarmierungskette

  • Örtlichkeiten: Flugzeugabstellposition, Notfallgate Infektion, neue Räumlichkeiten Führungsstab und Notfallinformationszentrum

  • Datenerfassung Passagiere

  • Versorgung Verdachtsfälle

  • Betreuung Passagiere

  • Training richtiges und schnelles Anlegen von Schutzausrüstungen, Aufstellen einer Dekontaminationsstation, Umgang mit Inkubator (Hochinfektions-Transport-Team)

  • Zusammenspiel, Kommunikation Behörden, Einsatzorganisationen und Graz Airport

Im besonderen Fokus der Übung steht der Schutz: Wie müssen sich alle Beteiligten verhalten? Welche Schutzausrüstungen müssen sie verwenden, um sich und letztendlich auch die Bevölkerung vor einer gefährlichen und hochansteckenden Krankheit zu schützen?

„Dank aller beteiligten Partner und Mitarbeiter konnten wir die Übung erfolgreich und mit neuen wichtigen Erkenntnissen, die in die zukünftige Notfallplanung einfließen, beenden“, zeigt sich Jürgen Löschnig zufrieden. 

Die Beteiligten:

  • Berufsfeuerwehr Graz

  • Österreichisches Rotes Kreuz

  • Landespolizeidirektion Steiermark

  • Grenzpolizeiinspektion Graz Airport

  • Landeswarnzentrale Steiermark                                    

  • Bezirkshauptmannschaft Graz-Umgebung

  • Gesundheitsamt Stadt Graz/Desinfektionsanstalt

  • Externe Beobachter (BMIMI, ÖRK)

  • Kriseninterventionsteam Steiermark

  • Graz Airport

Interview mit Dr. med. David Gabriel

Patrick Huber (PH): Herr Dr. Gabriel, was genau machen Sie bzw. Ihr Unternehmen eigentlich im CBRN-Bereich?

David Gabriel (DG): Ich bin bereits seit mehreren Jahren im CBRN Bereich tätig. Angefangen hat es mit der Vertretung der BIO-BAGs (Transportisolator für Hochinfektionspatienten). Es hat sich jedoch rasch herausgestellt, dass vor allem für den Bereich biologischer Gefahren Komplettlösungen benötigt werden, die nicht nur auch hochqualitativer Ausrüstung, sondern auch wissenschaftlicher Beratung und optimierten Trainings bestehen. Die CBRN.ZONE versteht sich als Komplettanbieter für CBRN und Medical Biodefense. 

PH: Wir haben durch die Corona-Pandemie und den aktuell Hanta-Virus Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff gesehen, wie rasch sich gefährliche Keime weltweit verbreiten und enormen Schaden anrichten können. Woher bekommen medizinische Einrichtungen Spezialausrüstung wie die, die bei der Übung zum Einsatz kam? Da wird es ja nicht so viele Quellen geben, schon gar nicht im kleinen Österreich, oder?

DG: Das ist richtig. Die Abwicklung eines Hochinfektionsnotfalls benötigt zahlreiche Schutzprodukte, die kein einzelner Hersteller abdecken kann. Wir haben deshalb in den letzten Jahren viele Hersteller besucht und mit den besten ein Herstellernetzwerk aufgebaut. Das Sortiment reicht vom einfachen Atemschutz bis zu komplexen mobilen Lösungen zur Behandlung hochinfektiöser Patienten. Wir arbeiten ausschließlich mit europäischen Produzenten zusammen, um auch in Krisenzeiten sichere Lieferketten zu gewährleisten. 

PH: Ausrüstung kann aber nur EIN Teil sein – denn die Einsatzkräfte müssen ja auch damit umgehen können. Wie sieht es mit der entsprechenden Schulung aus, denn auch wenn die Betreuung potentiell hochinfektiöser Patienten zunimmt, so ist sie zum Glück doch eher die Ausnahme als die Regel.

DG: Sie sprechen einen sehr wichtigen Punkt an, vielen Dank dafür. Parallel zur Versorgung von medizinischen Einrichtungen mit der Spezialschutzausrüstung spielt das Training eine wichtige Rolle, ohne Frage. Mit unserer European Emergency Academy sind wir vor allem für das MED ON BOARD Programm bekannt. Wir haben allerdings vorletztes Jahr das bisher einzige zertifizierte Medical Biodefense Training in Kooperation mit der Medizinischen Universität Graz ins Leben gerufen. Hier besteht sowohl national als auch international großer Bedarf! Übungen wie Alpha 10 sind uns als Spezialisten für Notfälle an Bord von Flugzeugen als auch im Bereich Biodefense sozusagen auf den Leib geschnitten.

PH: Die Medizin und die Gesellschaft stehen angesichts neuer Infektionskrankheiten (Stichwort Corona) vor neuen Herausforderungen. Wie geht es in diesem Bereich Ihrer Einschätzung nach weiter?

DG: Das muss man im Auge behalten, denn globale Vernetzung und die Veränderung von Lebensräumen schaffen immer wieder ein neues Umfeld für die Ausbreitung zahlreicher Erreger. Andererseits sehen wir nicht zuletzt durch unsere eigene Biotech Forschung, dass immer mehr Lösungen zur Entstehung einer neuen Pandemie zur Verfügung stehen, wenn diese klug eingesetzt werden. Aber das absolut Wichtigste ist die Schaffung von Risikobewusstsein, Vermittlung von zumindest Basiswissen und die Entwicklung von Standardabläufen, die bei Auftreten eines Infektionsnotfalls mit Hochrisikoerregern zum tragen kommen. Denn biologische Gefahren sind unsichtbar, was oft dazu verleitet, diese in Schutzkonzepten zu ignorieren. Aber gerade die Eindämmung eines Infektionsgeschehens am Entstehungsort oder Knotenpunkt zählt zu den stärksten Schutzmaßnahmen. Deshalb ist es zu guter Letzt wichtig zu sagen, dass wir die „Österreichische Fachgesellschaft für CBRN und Medical Biodefence“ gegründet haben. Der Präsident Prof. Dr. Kai Wulf, der einzige medizinische Sachverständige für CBRN und Medical Biodefense in Österreich, steht diesbezüglich für Fragen gerne zur Verfügung. Diese Gesellschaft bietet genau die Plattform, die momentan fehlt - nämlich ein Ort der Vernetzung, des Austausches, der Erfahrungen, der Homogenisierung, unabhängig von Organisationen oder Firmen. Die Fachgesellschaft schafft Standards und SOPs und bietet Zertifizierungen von medizinischen Abläufen im Bereich CBRN und Medical Biodefense an. Effektiver Schutz vor CBRN Gefahren gelingt ausschließlich nur im Teamwork.

PH: Herr Dr. Gabriel, vielen Dank für das Gespräch.

Text & Interview: Patrick Huber