Giftige Kabinenluft: Fluggesellschaft und Luftaufsichtsbehörde müssen handeln

Cockpit Piloten A320_1 Symbolbild Sujetbild Foto PA Austrian Wings Media Crew

Jetzt ist es amtlich: Nervengifte sind in der Kabinenluft. Ein britischer Leichenbeschauer befürchtet weitere Todesfälle und fordert schnelle Maßnahmen von Airlines und Behörden.

Seit 20 Jahren behaupten Flugzeughersteller, Fluggesellschaften und Luftfahrtlobbyisten, dass die Atemluft an Bord völlig ungefährlich für die Insassen sei, obwohl die Meldungen über Vorfälle immer weiter ansteigen. Immer größer wird die Zahl von Betroffenen, meistens Flugbegleiter, Piloten und Vielflieger, die die Ursachen für ihre Erkrankungen und Symptome an ihrem Nervensystem auf giftige Öldämpfe aus den Triebwerken zurückführen.

Bis heute gelangt die Atemluft in fast allen Flugzeugtypen, – einzige Ausnahme bildet bisher die Boeing 787 – ungefiltert aus dem Triebwerk in die Kabine. Konstruktionsbedingt werden so aber auch geringe Mengen hocherhitzter Bestandteile von giftigen und gesundheitsschädlichen Chemikalien aus den Schmierstoffen in die Kabine geleitet und dort von den Insassen eingeatmet. Je nach genetischer Veranlagung kann das schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben, warnen Wissenschaftler und Mediziner.

Nun ist es amtlich – Todesfälle drohen
Diese Woche bekamen Keith Williams, Chef von British Airways, und die Leiterin der britischen Luftaufsichtsbehörde (CAA) Lady Deirde Hutton unerwartet amtliche Post vom Untersuchtungsrichter und Leichenbeschauer Ihrer Majestät der Queen. In einer zweiseitigen Mitteilung (die Austrian Wings vorliegt) werden sie knapp und nüchtern über die besorgniserregenden Feststellungen von Sheriff Stanhope Payne aus der Provinz Dorset im Süden England informiert und zum Handeln aufgefordert. Payne ermittelt seit 2012 die genauen Todesumstände des ehemaligen British Airways Piloten Richard Westgate. Der amtliche Leichenbeschauer (engl. Coroner), der nach britischem Recht im Range eines Untersuchungsrichters steht, ist besorgt über Erkenntnisse seiner Ermittlungen. Ganz unabhängig von den noch festzulegenden Todesursachen des Ende 2012 verstorbenen British Airways Piloten Westgate besteht seiner Meinung nach die Gefahr, dass es zu Todesfällen im Zusammenhang mit vergifteter Kabinenluft kommen kann, sollte hier nichts unternommen werden. Diese tödliche Gefahr bestünde gleichermaßen für Passagiere und Besatzungsmitglieder. Nach dem englischen Gesetz ist ein Coroner in solchen Fällen verpflichtet gegenüber den Verantwortlichen eine förmliche Meldung zu machen und Abhilfe einzufordern.

Sheriff Payne führt in seinem Schreiben vom 16. Februar fünf einzelne Punkte auf, die damit erstmalig in Europa somit insbesondere auch „amtlich“ festgestellt wurden:

  1. In der Kabinenluft befinden sich Organo-Phosphate, eine als Nervengift bekannte Gruppe von Chemikalien welche bevorzugt als Flammschutz und Weichmacher in Triebwerksölen verwendet werden.
  2. Insassen von Flugzeugen werden diesen Chemikalien ausgesetzt, was zu Gesundheitsschäden führen kann.
  3. Die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Stoffe auf Piloten können – zum Beispiel bei einem Unfall – zum Tod der Insassen führen.
  4. Bislang gibt es in Flugzeugen keine eingebaute Sensoren, die solche Giftstoffe in der Kabinenluft messen und davor warnen könnten.
  5. Die genetischen Unterschiede hinsichtlich der Toleranz oder Intoleranz gegenüber der Exposition mit solchen Giftstoffen bei Menschen wurden bisher nicht ausreichend gewürdigt.

Sowohl British Airways als auch die zuständige englische Luftaufsichtsbehörde wurden unter Fristsetzung bis zum 13. April aufgefordert nun zu erklären, was sie wie und wann dagegen zu unternehmen gedenken. Aufgrund von Besonderheiten im britischen Recht ist das gesamte Verfahren von nun ab öffentlich.

Ganz unabhängig von diesen Feststellungen wird es jetzt auch zu einer öffentlichen Verhandlung über die Feststellung der Todesursache des verstorbenen Piloten Westgate kommen. British Airways und die britische Luftaufsichtsbehörde wurden von Sheriff Payne mit gleicher Post in diesem Verfahren als Parteien benannt und aufgefordert mitzuteilen, wer sie bei dieser Gerichtsverhandlung vertreten wird. Damit stehen erstmalig neben der renommierten Fluggesellschaft auch die Verantwortlichen der für eine Airline zuständigen Aufsichtsbehörde in Sachen „Kabinenluft“ vor Gericht.

Der mutmaßlich durch kontaminierte Kabinenluft verstorbene Pilot Richard Westgate an seinem Arbeitsplatz - Foto: Westgate Foundation

Der mutmaßlich durch kontaminierte Kabinenluft verstorbene Pilot Richard Westgate an seinem Arbeitsplatz – Foto: Westgate Foundation

British Airways wollte sich zu dem Schreiben des Coroners konkret nicht äußern. Per Email teilte das Unternehmen dazu lediglich mit: „Die Sicherheit unserer Kunden und Besatzungen hat für British Airways größte Bedeutung und wird niemals aufs Spiel gesetzt werden.“

Der Airbus-Pilot Westgate wurde aus medizinischen Gründen 2011 flugdienstuntauglich. Er litt an einer Vielzahl von Symptomen die, wie er vermutete, auf giftige Dämpfe in der Cockpitluft zurückzuführen seien. Da man ihm in Großbritannien nicht helfen konnte, begab er sich im Frühjahr 2012 nach Holland in die medizinisch-therapeutische Behandlung eines Spezialisten. Am 12. Dezember 2012 wurde der 43 jährige Westgate dann tot in seinem Hotelzimmer gefunden. Vor seinem Tod hatte Westgate seinen Körper der Wissenschaft vermacht, um das sogenannte „Aerotoxische Syndrom“ zu erforschen. So werden bereits seit 1999 von Toxikologen und Wissenschaftlern die unterschiedlichen Symptome bezeichnet, die besonders häufig unter Piloten und Stewardessen aufgetreten sind.

Die forensisch-pathologischen Analysen an Gewebeproben aus dem Gehirn, dem Rückenmark und Nerven des Verstorbenen wurden von einem internationalen Team von Wissenschaftler durchgeführt (http://www.welt.de/wirtschaft/article130716987/Luft-im-Flugzeug-kann-Gehirnzellen-toeten.html).

Bereits im Sommer vergangenen Jahres haben die Beteiligten Wissenschaftler erste Teilergebnisse in einer Studie publiziert. Danach litt Westgate an Symptomen, die vergleichbar sind mit einer gleichzeitigen Erkrankung durch eine Herzmuskelentzündung, Leukämie, multipler Sklerose und zusätzlich einer Arsen- und Insektizidvergiftung.

Reaktionen
Westgates Anwalt und Testamentsvollstrecker, der schottische Luftfahrt-Anwalt Frank Cannon aus Glasgow begrüßt die deutlichen Worte von Sheriff Payne: „Es ist das erste Mal, dass ein unabhängiger Richter eine klare Stellung zu diesem Problem bezogen hat, nachdem er die Ergebnisse einer über zwei Jahre dauernden Untersuchung bewertet hat. Das ist ein wesentlicher Meilenstein, besonders auch für die vielen anderen Betroffenen, denen bisher vorgehalten wurde, ihre Krankheit und die Symptome seien nur eine Einbildung.“, sagte Cannon gegenüber Austrian Wings. „Damit ist es amtlich, dass Insassen von Verkehrsflugzeugen solchen Nervengiften ausgesetzt werden. Ein Umstand, den die Luftfahrtindustrie und ihre Lobbygruppen bisher stets vehement abgestritten haben. Jetzt müssen sie handeln.“

Fachanwalt Frank Cannon - Foto: TvB-Media

Fachanwalt Frank Cannon – Foto: tvbmedia

Auch in Deutschland hat der Bericht des britischen Coroners Reaktionen ausgelöst. Die Pilotenvereinigung Cockpit teilt die Besorgnis aus England. Ihr Pressesprecher Jörg Handwerg erklärte gegenüber Austrian Wings: „Unsere Befürchtungen bestätigen sich mit dieser Einschätzung. Die Hersteller müssen jetzt endlich reagieren. Seit sechs Jahren haben wir das bereits vergeblich eingefordert, zum Beispiel die Nachrüstung von Filtern und Sensoren und eine Abkehr vom bisherigen Luftversorgungssystem in Flugzeugen, die solche Vergiftungen überhaupt erst möglich machen. Stattdessen leugnen die großen Hersteller Boeing und Airbus immer noch, dass es ein überhaupt irgendein Problem gibt.“

Im deutschen Bundestag setzt sich besonders der saarländische Abgeordnete Markus Tressel (Bündnis 90/die Grünen) für dieses Thema ein. Erst vor zwei Wochen (die Welt berichtete) hatte eine von seiner Fraktion gestellte Anfrage bei der Bundesregierung eröffnet, dass die Zahl der erfassten Vorfälle auf deutschen Flugzeugen in den letzten Jahren besorgniserregend angestiegen ist. Genau wie der britische Coroner in England fordert Tressel die Verantwortlichen in Deutschland zum Handeln auf: „Wer hier jetzt weiter rumlaviert, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Der Coroner Bericht lässt an Klarheit nichts vermissen. Auch die deutschen Behörden müssen jetzt ihre passive Abwartehaltung ablegen. Bundesverkehrsminister Dobrindt sollte sich schleunigst mit seinem EU-Kollegen im Ministerrat mit dem Thema Kabinenluft befassen.“

Bereits im Herbst 2011 hatten Tressel und seine Fraktion die Bundesregierung und die EU vergeblich aufgefordert den Druck auf die Industrie zu erhöhen und zumindest Filter und Sensoren auf Flugzeugen gesetzlich vorzuschreiben sowie die Auswirkungen von kontaminierter Kabinenluft auf den Menschen zu untersuchen. Im Herbst 2012 wurden dieser aber auch ein ähnlich lautender Antrag der SPD Fraktion durch die Mehrheit der damaligen Regierungskoalition abgelehnt.

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Text: Tim van Beveren
Titelbild: Piloten bei der Arbeit im Cockpit; laut Experten sind sie und ihre Passagiere dabei mitunter potentiell tödlichen (Gift-) Dämpfen ausgesetzt, Symbolbild – Foto: Austrian Wings Media Crew

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.