Reportagen

Foto- und Videoreportage: Mit SarAvia an die Wolga nach Saratov

Im ersten Teil über die Yak-42 findet sich im ersten Drittel die Geschichte dieses eleganten Trijets. Im zweiten Teil widmen wir uns einem weiteren Flug auf dem Airliner, welcher im Sommer 2013 stattfand. Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie Ihre Sitzgurte und genießen Sie die Reise.

Dem Flug nach Saratov war eigentlich der Wunsch vorangegangen, endlich auch einmal mit der Ilyushin IL-96-300 von Aeroflot zu fliegen, was glücklicherweise überaus erfolgreich gelang. Und wenn man schon die Zeit hat und vor Ort ist, dann kann man ja gleich noch für die Seele einen Ausflug machen, und eben mit der Yak an die Wolga nach Saratov jetten. Der unserem interessanten Hobby zugrunde liegende Irrsinn sollte sich in dieser Reise mehrfach manifestieren. Mit insgesamt dreimaligem Umsteigen zwischen Moskaus Flughäfen tut man sich selbst keinen Gefallen. Aber der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel! Nach einer sehr schönen Anreise auf einer Transaero B737 von Wien nach Vnukovo ging es am nächsten Tag schon um die Mittagszeit, aus Domodedovo nach Saratov.

Die Flotte der Saravia ist überhaupt nicht einheitlich lackiert. Das Logo im Bild sollte wohl einst die Corporate Identity werden, heute ist fast jede Yak in einem anderen Farbkleid, und die E-Jets der Airline sind zusätzlich anders lackiert ...
Die Flotte der Saravia ist überhaupt nicht einheitlich lackiert. Das Logo im Bild sollte wohl einst die Corporate Identity werden, heute ist fast jede Yak in einem anderen Farbkleid, und die E-Jets der Airline sind zusätzlich anders lackiert ...

Bei einem Kurzbesuch in Domodedovo am Vorabend des Fluges konnte man bereits einchecken. Ideal, wenn man die besten Sitze will. Mittlerweile schrieben wir das Jahr 2013, und erstmals konnte man in breiterem Umfang feststellen, dass einige kleinere Airlines, und SarAvia ist eine solche, begonnen haben, das Handling an Drittanbieter auszulagern. Früher war dies fest in den Händen der Airlines selbst, oder der Flughäfen als Monopolisten. Dennoch können auch die Mitarbeiter dieser Abfertigungsfirma die besonderen Anliegen eines Aeronauten nicht ganz nachvollziehen. Aber nachdem der Kunde König ist, wird man gerne schon am Vorabend eingecheckt. Web- Checkin war bei SarAvia zu diesem Zeitpunkt noch keiner möglich.

Nach einer entspannenden Nacht in der Stadt Domodedovo, eine Stadt mit 110.000 Einwohnern, zirka 20 km vor Moskau, ging es am nächsten Tag zeitig zum Flughafen. Und wer mit der U-Bahn bei der Station „Domodedovskaya“ für den Flughafen aussteigt, der muss noch ein Stück weit zu Fuß gehen, so zirka 25 km!!! Von dieser im Süden Moskaus gelegenen Metrostation fahren aber Busse und Sammeltaxis zum Flughafen. Selbst aus der Stadt Domodedovo braucht man noch gut 15 Minuten mit dem Bus, bis man am Flughafen ist. Die Größe der Russischen Föderation spiegelt sich auch in „kurzen“ Distanzen eben immer wieder.

Ein Muss in der Devotionaliensammlung ist eine Sicherheitsanweisung als Souvenir an eine unglaubliche Reise.
Ein Muss in der Devotionaliensammlung ist eine Sicherheitsanweisung als Souvenir an eine unglaubliche Reise.

Am Flughafen angekommen konnte man sich dank des bereits am Vortag erledigten Check- ins entspannt umsehen. Domodedovo gliedert sich, wie sollte es anders sein, in einen internationalen und einen nationalen Terminal. Diese teilen das Hauptgebäude, welches als U angelegt ist, wobei ein Flügel jeweils mit 11 Parkpositionen ausgestattet ist. Der Airport war zum Zeitpunkt seiner Neueröffnung der flächenmäßig größte in Moskau, heute ist dies wahrscheinlich Sheremetyevo. In Domodedovo hat man mittlerweile das Gefühl, der Airport würde aus allen Nähten platzen. Wenn man bedenkt, dass mittlerweile gerne B747, B777 und A330 auf Inlandsstrecken eingesetzt werden und mit Transaero, S7 und UT Air gleich drei größere Airlines vom Airport aus operieren wird klar, warum man sich drängelt. Neben russischen Airlines sind auch ausländische Airlines in Domodedovo sehr stark vertreten, Emirates stach hier mit dem A380 heraus. Doch auch die ehemaligen Sowjetrepubliken holen auf. Neben vielen B767, B757 und Airbussen findet man beispielsweise auch das eine oder andere Schmankerl, wie den A340-500 von Azerbaycan Airlines unter den Gästen in Domodedovo. Und bei all dem Westgerät sollte man nicht vergessen, dass Transaero seine 3 TU-214 Maschinen aus DME betreibt, zusammen mit den beiden TU-204 Frachtern. Und die eine oder andere Tupolev bekommt man schon auch noch zu sehen, sowie die IL-62MK Frachter der KAPO Avia. Den dem Terminal gegenüber liegenden Flugzeugfriedhof sollte man auch nicht vergessen, die vielen Ilyushins, Antonovs und Tupolevs sind mittlerweile flankiert von alten B747 und B757, wobei auch kleinere Westprops dort mittlerweile verrotten.

Blick auf das mittlere Vorfeld, zwischen dem internationalen und dem nationalen Terminal in Domodedovo. Und um Spekulationen vorzubeugen: ja, es ist ein Bild aus „besseren Tagen“! Das Foto wurde von der Mitte des Terminals gemacht, ein Bereich der auc
Blick auf das mittlere Vorfeld, zwischen dem internationalen und dem nationalen Terminal in Domodedovo. Und um Spekulationen vorzubeugen: ja, es ist ein Bild aus „besseren Tagen“! Das Foto wurde von der Mitte des Terminals gemacht, ein Bereich der auch ohne Ticket zugänglich ist. Quelle: Wikimedia Commons
Heute sieht es vielmehr so aus, die Yak ist heutzutage schon ein Schmankerl. Im Hintergrund kann man den Friedhof von Domodedovo erkennen, ein trauriger Anblick des einstigen Luftfahrtimperiums der Sowjetunion. Die B737 Classic im Vordergrund werden auch
Heute sieht es vielmehr so aus, die Yak ist heutzutage schon ein Schmankerl. Im Hintergrund kann man den Friedhof von Domodedovo erkennen, ein trauriger Anblick des einstigen Luftfahrtimperiums der Sowjetunion. Die B737 Classic im Vordergrund werden auch in Russland schon schön langsam rar, aber keine Sorge, diese Type fliegt vermutlich noch gute 3-5 Jahre in Russland!

Aber die Show des Tages gehörte der kleinen Airline aus Saratov! Dass die Yak sich noch in der Flotte der Airline findet, ist wohl dem dort ansässigen Flugzeugwerk geschuldet, welches die Yak-42 fertigte, sowie dem einhergehenden Know How, welches man auf dem Typ mitbringt. Und letztlich ist das Business auch in Russland eines, welches durchaus von Emotionen getragen ist. Der Stolz auf die Yak-42 wird sicher auch eine Rolle spielen. Bei den wenigen Flügen und hohen Standzeiten können Yaks durchaus auch aus ökonomischer Sicht Sinn machen.

Eingestiegen wird in die Yak üblicherweise über die bordeigene Treppe am Heck der Maschine, wie einst in die guten alten DC-9 der AUA ...
Eingestiegen wird in die Yak üblicherweise über die bordeigene Treppe am Heck der Maschine, wie einst in die guten alten DC-9 der AUA ...
... man muss aber nicht!
... man muss aber nicht!

Heute besteht die Flotte SarAvias offensichtlich aus 11 aktiven Yak-42D. Wie viele davon tatsächlich fliegen und welche als Ersatzteilspender dienen, ist nicht bekannt. Fakt ist aber auch, dass ein Embraer E-195 Jet bereits 2014 zur Flotte gestoßen ist, und es letztlich zwei sein sollen. In Domodedovo betreibt die Airline keine nennenswerte Infrastruktur mehr. Zwar spielt der Ticketverkauf am Schalter immer noch eine tragende Rolle in Russland, aber das Internet wird immer wichtiger. Dennoch gibt es Ticketschalter an jeder Ecke (sogenannte Aviakassi“).

Der Hinflug

Der Flug nach Saratov sollte an jenem Tag aufgrund technischer Probleme am Flieger etwas später aus Moskau abfliegen. Interessant war, in wieweit die Airline auch den relativ kurzen Turn- Around von knapp unter einer Stunde halten wird können. Nach einigen Flugsteigwechseln war es dann endlich soweit, die Yak war gelandet und rollte zum Terminal. SarAvia setzt hier auf Komfort und wählt Pierpositionen, was ein lästiges Boarding via Autobus erspart. Während des Heranrollens konnte man die Triebwerke sehr gut bis ins Terminal hören. Im Vergleich zu den hinter der Yak abgestellten A319 erschien die Maschine klein, das ist sie aber nicht.

An diesem Tag flog RA-42316, eine Serie D Maschine mit Baujahr 1982. Zwar ist die Yak-42D eine der neueren sowjetischen Entwicklungen, aber zum Zeitpunkt des Fluges 6B-765 (IATA:6W-765) von DME nach RTW war die Maschine auch schon über 30 Jahre alt! Wer nach Saratov möchte, der hat die Möglichkeit zwischen der Airline oder der Staatsbahn zu wählen. Andere Möglichkeiten um von Moskau nach Saratov zu kommen gab es 2013 nicht. So verwundert es auch nicht, dass einerseits die Airline am Bahnhof in Saratov intensiv wirbt, andererseits die Maschine an diesem Tag sehr gut gebucht war.

Blick nach vorne in die kleine zweckmäßige Küche im vorderen Bereich.
Blick nach vorne in die kleine zweckmäßige Küche im vorderen Bereich.

Bereits nach wenigen Minuten war die Maschine fertig für den Flug, gereinigt, betankt und beladen. Das Boarding ging ebenfalls sehr unkompliziert und schnell über die Bühne. Wie bei allen russischen Airlinern kann man bereits im Gang zum Flieger den distinktiven Geruch der Maschine wahrnehmen. Das Einsteigen dauert in Russland aufgrund der großen Mengen an Handgepäck üblicherweise etwas länger als in Europa, an diesem Tag aber wollten alle so schnell wie möglich heim nach Saratov. Die typischen Reisenden auf SarAvia sind Menschen, die in Moskau arbeiten und heim an die Wolga fliegen, oder aber Geschäftsleute. Saratov an sich ist eine typische russische Millionenstadt, mit veralteter Infrastruktur und relativ schwacher Wirtschaft. Erst langsam holen diese Städte auf und schließen an den Standard, den man von Petersburg und Moskau kennt, an. Dadurch ergibt sich auch die Nachfrage nach Lufttransport auf dieser Strecke. Wenn man bedenkt, dass sowohl Moskau als auch Saratov Millionenstädte sind, so sind drei tägliche Flüge doch sehr wenig.

Eine moderne Yak-42D Kabine vermittelt zeitgemäßes Narrow- Body- Feeling.
Eine moderne Yak-42D Kabine vermittelt zeitgemäßes Narrow- Body- Feeling.
Die Yak-42 kommt in unterschiedlicher Bestuhlung, auch eine Businessklasse ist auf einigen Maschinen verfügbar.
Die Yak-42 kommt in unterschiedlicher Bestuhlung, auch eine Businessklasse ist auf einigen Maschinen verfügbar.

Nachdem die Kabine geschlossen wurde und die Besatzung mit ihren Ansagen fertig war, begann der Pushback. Die Maschine wurde zum Starten der Triebwerke auf eine dahinter liegende Parkposition geschoben. Dort angekommen wurden der Reihe nach alle drei Triebwerke gestartet. Mittlerweile war an Bord absolute Routine eingekehrt, Zeitungen wurden ausgeteilt, jeder lutschte an den obligatorisch verteilten Zuckerln und schließlich und endlich bewegte sich die Yak, vorbei an Transaeros TU-214, in Richtung Piste.

Die Triebwerke der Maschine hatten zweifelsohne bereits bessere Tage gesehen. Die Komposit- Innenverkleidung des D-36 neigt dazu, sich nach einiger Zeit streifenweise abzulösen. Dies scheint nicht weiter tragisch zu sein, denn kaum eine Yak fliegt ohne diesen Schönheitsfehler. Auch sind die Triebwerksschaufeln bereits an mehreren Stellen von kleinen Beschädigungen befreit, durch Ausschleifen kann man Schläge und Kratzer gut reparieren. Sollte man an den Enden etwas Material abnehmen müssen, so wird an den gegenüberliegenden Blättern ebenfalls Metall entfernt, damit das Triebwerk nicht unwuchtig wird. So auch auf dieser Yak.

„Panoramaaufnahme“ einer Yak-42D der Saravia in alter Farbgebung. Die B777-300 der Transaero im Hintergrund erscheint im Vergleich riesenhaft.
„Panoramaaufnahme“ einer Yak-42D der Saravia in alter Farbgebung. Die B777-300 der Transaero im Hintergrund erscheint im Vergleich riesenhaft.
Die „neue“ Lackierung der SarAvia, welche aber nicht für die Embraer Maschinen übernommen wurde.
Die „neue“ Lackierung der SarAvia, welche aber nicht für die Embraer Maschinen übernommen wurde.

RA-42316 fliegt noch in der alten Farbgebung der Airline. Einige Yaks fliegen in modernerer Farbenpracht mit einer sehr interessanten Zeichnung am Heck, die Bemalung der Embraer weicht komplett von allen anderen Fliegern in der Flotte ab. Innen ist die Yak in klassischem Design gehalten.

Wie schon in der Tu-134 so sind auch in der Yak-42 die Fenster rund. Man lernt diese Fensterform sehr schnell zu schätzen.
Wie schon in der Tu-134 so sind auch in der Yak-42 die Fenster rund. Man lernt diese Fensterform sehr schnell zu schätzen.

Die Klimaanlage der Maschine schien nur zu funktionieren, wenn der Flieger mit dem Bodenstrom verbunden war, oder aber als die Triebwerke liefen. In der Zeit während des Anlassens aber wurde es sehr warm an Bord. Interessant wären da die Erfahrungen des Betriebs der Yak in Cuba! Gut zu beobachten war das Kondenswasser, welches sich durch die kühle Luft der Klimaanlage sofort bildete. Man könnte dem Flieger fast ein Bisschen Disco Flair nachsagen, denn eine Nebelmaschine ist nur eine Spur effektiver. Der Nachteil an dieser Art der Kühlung ist, dass sich das Wasser oben in der Kabine sammelt und auf die Passagiere tropft. Selbst die Düsen der Belüftung über den Sitzen erschienen manchmal mehr wie Sprinkleranlagen. Spätere Versionen des Jets, wie zum Beispiel der der Gazprom Avia haben die Lüftungsauslässe in Bodennähe, und nicht mehr in der Krone der Maschine.

Kalt war es nicht an Bord.
Kalt war es nicht an Bord.
Gut zu sehen ist die Kondensation, ausgelöst durch die Klimaanlage.
Gut zu sehen ist die Kondensation, ausgelöst durch die Klimaanlage.

Das schönste Erlebnis ist, wenn die Maschine in die Piste einrollt und komplett zum Stillstand kommt, um danach bei vollem Schub zu beschleunigen. Bei der Yak-42 bedeutet das ein wunderbares Klangerlebnis. Auch die Beschleunigung ist anfangs beeindruckend. Begleitet vom üblichen Scheppern und Rasseln der Kabine erhob sich die Yak flach in den warmen Himmel über Moskau. Zwar hebt sich die Nase relativ abrupt, danach steigt aber auch eine leere Yak sehr gemächlich dahin.

Beim Steigflug aus Domodedovo waren die einen oder anderen Kurskorrekturen nötig. Diese sind beim manuellen Flug sehr weich, sobald aber der Autopilot übernimmt, wird es ruckig an Bord. Überraschenderweise sind die Korrekturen der Längsachse nach sehr ruppig und auch für eingefleischte Vielflieger gewöhnungsbedürftig.

Im Flug zwischen den Wolken.
Im Flug zwischen den Wolken.

Ein Blick aus der vorletzten Reihe verzaubert! Es ist schon ein unbeschreibliches Gefühl auf diesem Jet zu reisen. Die Fenster ermöglichen eine sehr gute Rundumsicht, die Flächen und die beiden seitlichen Triebwerke sind perfekt einsehbar. Und wenn das Wetter wie an jenem Tag auch noch mitspielt, dann ist alles perfekt. Zwar ist dies ein subjektives Empfinden, aber im Vergleich zu modernen Großraumjets wie dem A380 kann man in der Yak noch tatsächlich den Flug an sich spüren. Man merkt wie die Luft außen vorbei strömt, wie die Triebwerke hinter einem arbeiten, man merkt die vielen kleinen Kurskorrekturen und natürlich unterstreichen die vielen Gerüche das Erlebnis. Wie bei nahezu allen russischen Airlinern ist auch auf der Yakovlev Yak-42 fliegen etwas ganz besonderes und außergewöhnliches!

Die Verpflegung an Bord war, wie sollte es anders sein, ein Standard- Tablett mit Wurstaufschnitt, Broten, Vor- und Nachspeise. Dazu wurde Tee und/oder Kaffee gereicht. Alles in allem sind diese Mahlzeiten zwar recht einfach, und sicher nicht vergleichbar mit einer von einem Haubenkoch kreierten Gourmetmahlzeit. Es kommt auf den persönlichen Geschmack an, und so manchem wird eine ordentliche Portion Allerlei nach russischem Vorbild lieber sein als eine handvoll warme Gourmet- Nudeln. Sofern bei einer Flugdauer von 90 Minuten eine Mahlzeit serviert wird. Nach dem Essen war auf dem Flug immer noch genug Zeit, sich in der Maschine umzusehen. Interessant an der hinteren Türe ist, dass diese gleichzeitig das Druckschott bildet. Die eingezogene Stiege ist dabei lediglich eine aerodynamische Verkleidung des Heck- Konus'. Daher kann man ohne Probleme, durch das Fenster der Türe, an den wenige Zentimeter breiten Spalten nach unten sehen.

Blick durch das Fenster im Druckschott. Im Flug kann man seitlich an der Treppe vorbei in die Tiefe sehen.
Blick durch das Fenster im Druckschott. Im Flug kann man seitlich an der Treppe vorbei in die Tiefe sehen.

Der Landeanflug auf Saratov verdeutlicht einmal mehr die Größe Russlands. Weit und breit nichts als Wälder, Wiesen und Felder, und sehr gemächlich kam die Yak der Wolga näher. Schrittweise brachte die Besatzung den Airliner in Landekonfiguration. Die Klimatisierung beziehungsweise die Frischluftzufuhr war dabei von der Drehzahl der Triebwerke abhängig: Vollgas bedeutete Sturm aus den Belüftungsdüsen mit zeitweisem Monsun, Leerlauf hieß Windstille im Inneren der Yak. Ab einer gewissen Höhe setzte die komplette Kühlung aus, die zuströmende Luft hatte Außenumgebungstemperatur, und diese war an jenem schwülen Sommernachmittag um die 27°. Dies bedeutete, dass es in der Maschine wieder etwas wärmer wurde.

Die Yak kurvte langsam auf den Flughafen ein. Dieser liegt dabei nicht an der Wolga, sondern etwa 100m über dem Niveau des Flusses, direkt am abfallenden Tal gelegen. Darunter erstreckt sich die Stadt. Die im Leerlauf arbeitenden Triebwerke begleiteten einen samtenen Landeanflug und einen butterweichen Touch- Down. 6B-765 war wieder daheim. Der Flieger verzögerte wieder mit den Luft- und Radbremsen, am Ende der Piste waren dann bereits 2 der 3 Triebwerke abgestellt. Mit einem heulenden D-36 ging es an die Parkposition.

Saratov ist ein netter kleiner russischer Provinzairport. Wie bei vielen anderen ist auch bei diesem das wunderschöne, alte aus der Sowjetzeit stammende Aufnahmegebäude nicht mehr in Verwendung. Es wurde durch einen schäbigen, mittlerweile langsam verkommenden Verbau ersetzt. Dies hatte im Falle Satarovs wohl mehrere Gründe. Zur Zeit der Sowjetunion war Fliegen nicht viel anders als Bus- oder Bahnfahren. Der alte Airport der Stadt gleicht daher mehr einem Bahnhof. Früher parkten die Maschinen vor dem Aufnahmegebäude. Nach der Registrierung gingen die Passagiere einfach zu den Maschinen und flogen.

Willkommen in Saratov, der Heimat der Yak-42!
Willkommen in Saratov, der Heimat der Yak-42!

Heute ist alles eingezäunt, man will fremde Blicke draußen halten und Fotos sind überhaupt das schlimmste. Hier passten die alten, offenen und frei stehenden Flughäfen nicht mehr ins Konzept. Überhaupt ist Saratov International Airport etwas, das man so im Westen nicht kennt. Gleich nach dem Verlassen der Ankunftshalle geht man durch einen Park. Ein Park mitten am Flughafen. Davor das alte Aufnahmegebäude und die Bushaltestelle. Gepäck wurde stilecht händisch aus dem Flieger auf einen LKW geladen und direkt in die 40m² Ankunftshalle gereicht. Danach war das Erlebnis zu Ende. Wer allerdings einen kurzen Spaziergang durch den Park wagt, kann durch den Zaun, mit einem Teleobjektiv, sehr gute Bilder von den Yaks am Vorfeld machen. Auch kann man von dort die mittlerweile etwas rustikal anmutenden Freilichtwartungseinrichtungen einsehen. Gerne gesehen werden Spotter aber nicht.

Line- Up zweier Yaks des Home Carriers. Nicht am Bild ist eine ehemals kasachische Yak-42, welche nun offensichtlich an der Wolga ihre Dienste verrichtet.
Line- Up zweier Yaks des Home Carriers. Nicht am Bild ist eine ehemals kasachische Yak-42, welche nun offensichtlich an der Wolga ihre Dienste verrichtet.

Stopover an der Wolga

Dass die Wolga Europas größter Fluss ist, ist wohl jedem bekannt. Wessen Auge aber auf Donaugröße geschult ist, der muss sich wohl umstellen. Durch diverse Staudämme kann der Fluss schon einmal gut und gerne 5 km breit werden. Brücken sollte man, wenn überhaupt, nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln überqueren. Die Distanzen sind einfach zu Groß. Wer in Russland übernachten möchte, der kann mittlerweile problemlos über Internet Hotels reservieren und vor Ort mit Kreditkarte bezahlen. Dieser Teil unterscheidet sich kaum von dem was man „bei uns“ kennt. Je nach Kategorie kann es aber vorkommen, dass das Hotel den Umstieg von Sozialismus auf Kapitalismus noch vor sich hat. Man sollte sich aber nicht von Frühstücksmarken, Diensthabenden und Chlorgeruch abschrecken lassen. Schließlich ist dies etwas, das jeder Reise einen gewissen nostalgischen Touch verleiht. Und ehrlich, oft ist weniger einfach mehr!

Der Ankunftsbereich in Saratov.
Der Ankunftsbereich in Saratov.

Die Wolga ist in Saratov sehr breit und eignet sich hervorragend für Schifffahrten. Dabei gibt es Ausflugsschiffe für Touristen, oder Discoschiffe für Jugendliche. Die Route ist dieselbe, Action und bessere Musik, respektive mehr Leben herrschen aber auf den Party Booten. Bei russischer Rockmusik, einer kühlen Dose „Sibirskaja Korona“ (Sibirisches Bier) und die bei Sonnenuntergang golden erleuchtete Stadt Saratov zu sehen ist auch etwas Besonderes. Vor allem wenn es am nächsten Tag auf einer Yakovlev Richtung Moskau geht, und von dort weiter nach Sochi auf der IL-96!

Dieses Gebäude trägt zwar die Aufschrift Flughafen, wird aber von Passagieren nicht genutzt.
Dieses Gebäude trägt zwar die Aufschrift Flughafen, wird aber von Passagieren nicht genutzt.

Nach einer erholsamen Nacht war noch etwas Zeit bis zum Rückflug. Diese sollte nicht ungenutzt bleiben, und so erschien neben einem Spaziergang durch die Stadt ein Besuch im Siegespark sinnvoll. Einen solchen Park gibt es in jeder russischen Stadt, egal wie groß sie ist. Diese Parks erinnern an den Sieg der Sowjetunion über den Faschismus. Der „Große Vaterländische Krieg“ ist bis heute ein Trauma in Russlands Geschichte, wessen sich die Politik immer wieder gerne bedient.

Im Siegespark finden sich Veteranen des kalten Krieges, wie dieser Yak-38 Senkrechtstarter, oder ...
Im Siegespark finden sich Veteranen des kalten Krieges, wie dieser Yak-38 Senkrechtstarter, oder ...
... der Überschallbomber Tu-22 ...
... der Überschallbomber Tu-22 ...
... welcher nicht nur von hinten ein beeindruckendes Bild macht. Neben dem Bomber ist ein Marschflugkörper ausgestellt.
... welcher nicht nur von hinten ein beeindruckendes Bild macht. Neben dem Bomber ist ein Marschflugkörper ausgestellt.

In den Parks, so auch in Saratov, findet man oftmals Veteranen, die Führungen abhalten und vom Krieg erzählen. Die österreichische Staatsbürgerschaft ist dabei oft kein Vorteil, denn aufgrund des im Vergleich zum Rest der Welt sehr hohen Bildungsniveaus in Russland wissen viele, dass der Führer eigentlich Österreicher war. Wenn man aber mit den Veteranen auf Russisch kommunizieren kann und respektvoll Interesse an ihrem Leben zeigt, so bekommt man einen tiefen Einblick in einen Teil unserer gemeinsamen Geschichte, welche gleich ist und doch anders klingt, von wem auch immer sie erzählt wird...

Der Blick über die Stadt ist vom Flughafen aus der beste.
Der Blick über die Stadt ist vom Flughafen aus der beste.
Das Wolgaufer mit den üblichen Vergnügungen für Kinder.
Das Wolgaufer mit den üblichen Vergnügungen für Kinder.
Einen anderen Blick auf Saratov erhält man vom Schiff aus. Wer einem „Damenspitzerl“ nicht abgeneigt ist und die Vorzüge lauterer russischer Musik kennt, sollte das Discoschiff nicht meiden. Der Herr kann bei dieser Kreuzfahrt durchaus legere geklei
Einen anderen Blick auf Saratov erhält man vom Schiff aus. Wer einem „Damenspitzerl“ nicht abgeneigt ist und die Vorzüge lauterer russischer Musik kennt, sollte das Discoschiff nicht meiden. Der Herr kann bei dieser Kreuzfahrt durchaus legere gekleidet an Bord gehen, die Dame bevorzugt High Heels und kurze Röcke - was durchaus seine Vorteile mit sich bringt!

In all den „Park Pobedy“ der größeren Städte findet man Kriegsgerät ausgestellt. Manches davon noch aus der Zeit des 2. Weltkrieges, vieles davon aber auch aus dem Kalten Krieg. In Moskaus Park zum Beispiel findet man eine ganze Reihe sowjetischer Jagdflieger bis hin zur MiG-29. Die Ausstellung in Saratov ist zwar sehr panzerlastig, dank des in der Nähe befindlichen Fernfliegerregiments sind jedoch auch Bomber und Trainer ausgestellt, wie zum Beispiel die Tu-22 und die TU-134UBL. Für Aviatiker ist der Besuch des Parks auf alle Fälle Pflicht, liegt er doch am Weg von der Stadt Richtung Flughafen. Außerdem ist die Aussicht von dem am Wolga Ufa gelegenen Park auf die Stadt atemberaubend.

Der Rückflug

Nach der Besichtigung des Parks ging es zum Flughafen. Dort angekommen war der Check- in bereits voll im Gange. Dabei ist über einer Türe ein Schild mit der jeweiligen Flugnummer angebracht. Eingecheckt wird in Saratov jeweils nur ein Flug. Mehr geht auch gar nicht. Im Gegenteil, es können immer jeweils nur 2 Personen das Zimmer in dem abgefertigt wird betreten, da es nicht größer als 10m² ist und sich dort lediglich ein Schalter und eine Waage befindet. Nachdem man auf engstem Raum in aufeinanderfolgenden Zimmern die jeweiligen Sicherheitsprozeduren durchlaufen hat, erreicht man einen durchaus modernen, sauberen und neu anmutenden Warteraum. An jenem Tag sollte der Flug wieder komplett ausgebucht sein.

Auf Wiedersehen in Saratov!
Auf Wiedersehen in Saratov!

Vom Warteraum aus hat man wieder einen sehr guten Blick auf das Vorfeld. Dort stand auch die noch mit kasachischer Fahne versehene Yak-42, welche von SarAvia erst kürzlich in Zentralasien gekauft wurde. Auch eine ehemalige Maschine der pleitegegangenen Aviaprad war am Vorfeld geparkt. Alle Maschinen hatten aber eines gemein: an ihnen wurde fleißig geschraubt. Natürlich war die Hoffnung groß, auf einer anderen Maschine als der vom Vortag zu fliegen.

Man darf darauf hoffen, dass einige der hier gewarteten Yaks doch noch einmal flügge werden.
Man darf darauf hoffen, dass einige der hier gewarteten Yaks doch noch einmal flügge werden.

Und manchmal hat man eben Glück in der Fliegerei. Die zum Einsatz kommende Maschine war RA-42326, Baujahr 1985. Sie war davor schon bei vielen Airlines im Einsatz, zuletzt aber bei Aviaprad, deren Farbkleid sie noch mit Ausnahme des SarAvia Schriftzuges zur Gänze trug. Und das tolle an dem Jet ist, dass es eine Yak mit alter Kabine ist, also mit offenen Hutablagen!

Eine Yak-42 mit offenen Hutablagen ist ein besonderes Glück, verdeutlicht doch diese Ausführung aus welcher Generation der Airliner stammt.
Eine Yak-42 mit offenen Hutablagen ist ein besonderes Glück, verdeutlicht doch diese Ausführung aus welcher Generation der Airliner stammt.

Diesmal wurde mit einem Autobus geboardet, und wieder durfte man die Kamera nicht einmal auspacken. Beim Einsteigen durch die Hecktüre und die bordeigenen Stiegen bekommt man das Yakfeeling voll zu spüren. Überhaupt ist in allen Yaks, egal ob es die Yak-42 oder die Yak-40 sind, sehr viel Blech verbaut. Man findet es gebogen, gefalzt, gestanzt, genietet und sogar geschweißt. Sogar die Innenverkleidung ist aus Alu. Dass das alles scheppert und klimpert beim Starten und Landen ist klar. Besonders deutlich wird dieses Gefühl, wenn man über die Stiegen im Heck in den Flieger geht.

Das Startup Prozedere ist wie oben beschrieben - schon nach wenigen Minuten im Vorfeldbus über ein paar holprige Meter auf dem Rollweg stand der Flieger vor uns zum Abflug nach Moskau bereit.

In einer Sache unterscheidet sich jedoch diese Yak von vielen andern: das sich tendenziell auflösende Verbundgewebe in der Innenverkleidung des Triebwerks wurde bei dieser Maschine offensichtlich mit Harz und hellem Lack optisch korrigiert.

Zwar mutet das „Komplekt“ anfangs rustikal an, erfüllt aber alle Anforderungen an ein Menü mehr als ausreichend.
Zwar mutet das „Komplekt“ anfangs rustikal an, erfüllt aber alle Anforderungen an ein Menü mehr als ausreichend.

Im Flug wurde wieder Essen gereicht, dazu Tee und Kaffee. Bei Gesprächen mit den Passagieren an Bord stellte sich heraus, dass viele nicht sehr gerne auf der Yak-42 fliegen. Dies ist vor allem dem Absturz in Yaroslavl geschuldet, bei dem die gesamte Mannschaft des örtlichen Eishockeyclubs „Lokomotive“ ums Leben kam. Dass hier die breite Masse nicht zwischen Pilotenfehler und Designfehler unterscheidet, darf man ihr nicht vorwerfen. Fakt ist aber, dass die Yak trotz anfänglicher Schwierigkeiten ein sehr ausgereifter Jet geworden ist, mit einer sehr guten Sicherheitsbilanz. Dass natürlich sehr viele Abstürze auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, hilft dem Ansehen der Konstruktion trotzdem nicht. Und mittlerweile muss man wohl anerkennen, dass ein Anspruch an den Flugzeugbau nicht nur Zuverlässigkeit ist, sondern auch gute Pilotierbarkeit. Dass Konstruktionen aus den frühen 60ern und 70er nicht mit einem modernen, computerisierten Airbus mithalten können, ist klar. Dass aber viele Abstürze russischer Flieger wohl auch auf die örtliche Kultur zurückzuführen sind, wird man auch nicht ganz abstreiten können.

An diesem Tag kurvte 6B-766 wie man es sich wünscht zum Landeanflug auf Domodedovo an. Im überfüllten Luftraum von Moskau konnte man noch vor einigen Jahren russische Jets im Anflug auf die anderen Flughäfen beobachten, heute schaut man aus einer der letzten Yaks fast ein Bisschen wehmütig auf die unter einem anfliegenden Boeings und Airbusse. Und je mehr Zeit vergeht, desto surrealer muten Flüge auf eleganten russischen Jets an.

Nach einer samtenen Landung in Domodedovo rollte die Maschine zur Pierposition im Inlandsterminal... und wieder war ein wunderbares Erlebnis zu Ende. Die Vorfreude aber auf die IL-96 nach Sochi verschaffte Zuversicht!

Die Yak wird entladen und für den Retourflug nach Saratov vorbereitet. Bleibt zu hoffen, dass man diesen Jet noch länger in der Luft bestaunen kann.
Die Yak wird entladen und für den Retourflug nach Saratov vorbereitet. Bleibt zu hoffen, dass man diesen Jet noch länger in der Luft bestaunen kann.

Der dritte Teil über die Yakovlev Yak-42 steht dieses Jahr ebenfalls noch am Programm. Geflogen wurde Ende Februar mit Izhavia von Moskau in die Heimatstadt des „Avtomat-47 Kalaschnikov“, nach Izhevsk. Das nächste Mal aber geht es an Bord eines der seltensten Airliner überhaupt. Mit der IrAn-140 der Sepahan Air aus dem Iran geht es aus der heiligen Stadt Isfahan in die Hauptstadt Teheran!

Text, Fotos & Videos (sofern nicht anders angegeben): Roman Maierhofer