Punktlandung

Causa AUA-Hagelflug: Stimmenrekorder und Datenschreiber wurden ausgelesen, nichts vertuscht

Piloten im A320-Cockpit, Symbolbild - Foto: www.der-rasende-reporter.info

Die Causa AUA-Hagelflug ist derzeit wieder in aller Munde. Hauptsächlich, weil Passagieranwalt Wolfgang List sich darüber empört ("Ur-Katastrophe"), dass die Daten von Stimmenrekorder und Flugschreiber des betroffenen Fluges OS 434 vom 9. Juni 2024 nicht von der Staatsanwaltschaft Wien ausgelesen werden dürfen. Bei vielen Menschen im Land wecken die aktuellen Medienberichte deshalb den Verdacht, dass seitens der AUA die Untersuchung "blockiert" oder etwas "vertuscht" werde. Doch das stimmt nicht. Die Daten sind nämlich längst alle ausgelesen und werden von den laut EU-Verordnung zuständigen Stellen gesichtet sowie bewertet. Ein Kommentar von Luftfahrtjournalist Patrick Huber zu einem hochkomplexen Sachverhalt.

Am 9. Juni 2024 geriet der AUA Flug OS 434 auf dem Weg von Mallorca (PMI) nach Wien (VIE) über der Steiermark in ein Hagelunwetter und wurde schwer beschädigt. Ich berichtete am 10. Juni 2024 ausführlich über die Details. In der Folge nahmen die österreichischen Flugunfallermittler ihre Arbeit auf. Dafür wurden die Daten des Cockpit Voice Recorders und des Flugdatenschreibers (Flight Data Recorder) ausgelesen. Weniger als ein Jahr später veröffentlichte die Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes ihren umfassenden Zwischenbericht, der zu einem guten Teil auf den Aufzeichnungen des Stimmenrekorders und des Flugschreibers basiert. Dieser Bericht ist ein Dokument, das akkurat verfasst wurde und bestätigt, dass beide Piloten professionell auf den Vorfall reagierten und ihren Airbus A320 (OE-LBM) sicher zu Boden brachten. Unklar ist dagegen bis heute, weshalb OS 434 überhaupt in den Hagelsturm geriet. Ob es einfach - flapsig ausgedrückt - "Pech" war (es gibt im Leben keine 100-prozentige Sicherheit) oder ob der Kapitän womöglich eine nicht optimale Entscheidung getroffen hat, das müssen die Unfallermittler noch klären - und sie arbeiten daran. Internationale Bestimmungen regeln ganz klar, wer wann eine Ermittlung zu einem Zwischen- oder Unfall führt und wer im Rahmen dieser Untersuchung Zugriff auf die Daten von Flugschreiber und Stimmenrekorder hat. Im konkreten Fall war die Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUB) des Bundes (organisatorisch beim Verkehrsministerium angesiedelt) dafür zuständig - und sonst niemand, keine Staatsanwaltschaft und kein Gericht.

Der österreichische Anwalt Wolfgang List vertritt nach eigenen Angaben einige der an Bord befindlichen Passagiere. Er fordert schon länger Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die AUA bzw. AUA-Mitarbeiter und sogar gegen Mitarbeiter der Sicherheitsuntersuchungsstelle des Bundes. Die Staatsanwaltschaft leitete diese Ermittlungen auch teilweise ein, doch herausgekommen ist dabei bisher offenbar kaum etwas. Im Gegenteil - erst kürzlich wurde bekannt, dass die Ermittlungen gegen mehrere SUB-Mitarbeiter eingestellt wurden. Anwalt List behauptet, dass die Passagiere des AUA-Fluges 434 am 9. Juni 2024 in "Todesgefahr" waren - eine Aussage, die seine persönliche Meinung darstellt und die medial vielleicht gut klingt, die aber nach meinen umfassenden Recherchen und meiner eigenen Einschätzung nach schlichtweg nicht stimmt. Selbst nach Einflug in den Hagelschauer bestand nämlich zu keinem Zeitpunkt eine akute Absturzgefahr, weshalb auch keine "Todesgefahr" für die Insassen gegeben war. Punkt.

Weil List aber von einer "Todesgefahr" für die Insassen ausgeht, sieht er in dem gesamten Vorfall eine "fahrlässige Gemeingefährdung". List wollte deshaklb, dass die bereits ausgelesenen (und damit NICHT vertuschten) Daten von Stimmenrekorder und Flugschreiber des Fluges OS 434 vom 9. Juni 2024 in dem Ermittlungsverfahren der österreichischen Strafverfolgungsbehörden verwendet werden dürfen. Doch hier stoppte ihn das OLG,untersagte das.

Und das ist gut so. In der Luftfahrt gilt bei professionellen Fluglinien mit ausgezeichneter Sicherheitsbilanz wie der AUA "Just Culture". Darunter versteht man ein Führungskonzept, das Vertrauen schafft, indem Mitarbeiter Fehler oder Beinahe-Fehler offen melden können, ohne unfaire Bestrafung für menschliches Versagen zu fürchten. Just Culture zielt nämlich darauf ab, aus Fehlern zu lernen und Systeme zu verbessern.

Nicht zuletzt wegen der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen mehrere SUB-Mitarbeiter gab das Verkehrsministerium in Österreich die weiteren Ermittlungen zum Zwischenfall bereits vor einiger Zeit an die deutsche BFU in Braunschweig ab. Deren Mitarbeiter haben nun als Experten selbstverständlich Zugriff auf die bereits ausgelesenen Daten, nicht aber die Staatsanwaltschaften in Österreich. Es ist gesetzlich klar geregelt, warum das so ist. Da wurde und wird nichts vertuscht, das ist auch nichts Besonderes, sondern einfach die Anwendung geltenden Rechts.

Sollten die deutschen Experten der BFU in ihrem Abschlussbericht zu dem Urteil kommen, dass seitens der Crew der AUA 434 Fahrlässigkeit und damit ein strafbares Verhalten vorliegt (was sich kaum ein Insider, mit dem ich gesprochen habe vorstellen kann), dann wird die Situation freilich neu zu bewerten sein und dann könnte es durchaus sein, dass auch die österreichischen Strafverfolgungsbehörden Zugriff auf die Daten von Flugschreiber und Stimmenrekorder erhalten. Aber nur dann, und ausschließlich auf einer solchen soliden rechtlichen Grundlage. Zuerst gilt es aber den Abschlussbericht abzuwarten. Alles andere wäre einfach unseriös.

Die Kernaussage meines Kommentars ist jedoch diese - vertuscht wurde nichts, die Ermittlungen liegen einfach bei den dafür laut gesetzlichen Bestimmungen zuständigen Stellen, in dem Fall bei der deutschen BFU. Und die sollten wir ohne Zwischenrufe ihre Arbeit professionell machen lassen.

Text & Foto: Patrick Huber

Der Autor ist Verfasser von mehr als 20 Sachbüchern zum Thema Luftfahrt, darunter "Cleared for Take off - ein Tag im Leben einer AUA-Crew", "Condor - das Ende einer Ära: Abschied von der Boeing 757", "Montana Austria - Österreichs vergessener Langstreckenpionier" und "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe".

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.