Österreich

Pressegespräch zur Eurofighter-Nachbeschaffung des Bundesheeres

Österreichs Air Chief Gerfried Promberger - Foto: Martin Rosenkranz

Am 25. März haben der Rüstungsdirektor des Österreichischen Bundesheeres, Generalleutnant Harald Vodosek, und der Kommandant der Österreichischen Luftstreitkräfte, Air Chief Generalmajor Gerfried Promberger, ein Presegespräch zum geplanten Vorgehen bei der Nachbeschaffung eines Nachfolgesystems für die Eurofighter-Flotte gehalten. Ein Bericht des österreichischen Militärluftfahrtjournalisten Martin Rosenkranz.

Generalleutnant Harald Vodosek, Nationaler Rüstungsdirektor und damit oberster Beschaffer Österreichischen Bundesheeres
Zweck des Pressegesprächs war es transparente Information der Medien über die Notwendigkeit der Eurofighter-Nachfolge zu den Fragen Sinnhaftigkeit von Kampfflugzeugen, Finanzierung, benötigte Stückzahl. Die Grundlage des Handelns wird aus dem Risikobild und der globalen Bedrohungslage sowie dem klaren Regierungsauftrag, eine Nachfolgelösung für den Eurofighter innerhalb der laufenden Legislaturperiode zu finden, abgeleitet.

Generalmajor Gerfried Promberger, Kommandant der Luftstreitkräfte & Air Chief des Österreichischen Bundesheeres
Ziel ist es die "Luftraumüberwachung" zu einer "Luftverteidigung" weiterentwickeln, da die aktuelle Bedrohungen über reine Überwachung hinausgehen.

Aktuelle Luftverteidigungsfähigkeiten
Das Bundesheer verfügt über drei ortsfeste Radaranlagen (Goldhaube), die zukünftig vermehrt durch mobile, aktive sowie passive Radaranlagen ergänzt werden. Bereits bestellt wurden mobile Kurzstrecken-Radarsysteme, ausgeschrieben sind mobile Mittelstrecken-Radarsysteme. Das Bundesheer verfügt über eine eigene, digital verschlüsselte Flugfunkkommunikation und Führungszentralen sowie eigene Softwareentwicklung dafür und arbeitet eng mit der zivilen Flugsicherung Austro Control zusammen.

Die bodengebundene Flugabwehr wird modernisiert und ausgebaut. Beschafft und im Zulauf sind die jüngste Generation an Mistral-3 Kurzstrecken-Boden/Luft-Raketen und neue Zielerfassungsysteme dafür. Bestellt und in Auslieferung die Nutzungsdauerverlängerung der 35mm-Zwillings-Flugabwehr-Kanonen mit modernsten Multispektrum-Zielerfassungsystemen, Skynex-Führungsystem und AHEAD-Munition.

Das Mistral-Kurzstrecken-Boden/Luft-Raketensystem wurde modernisiert. Bestellt ausserdem der Pandur Evo-Skyranger als mobiles Flugabwehrsystem für jede Landbrigade des Bundesheeres.

Dazu 15 Eurofighter, die mit der Iris-T Lenkwaffe mit 40 km Reichweite ausgestattet sind und bereits Luftverteidigung darstellen können. Die 2007-2009 gelieferten Eurofighter sind Tranche 1 Flugzeuge. Die vertragliche Versorgung ist bis 2037-2039 gesichert. Großbritannien stellt 2027 als erstes Betreiberland die letzten Tranche 1 ab. Ab 2030 wird Österreich voraussichtlich der einzige Betreiber dieser Tranche sein was zu stark steigenden Kosten für Ersatzteile und Wartung führen wird.

Die 15 Eurofighter der Tranche 1 müssen ersetzt werden - Foto: www.der-rasende-reporter.info

Die ersten Komponenten des modernisierten 35mm Oerlikon-Flugabwehrsystems sind in Auslieferung. Ausstehend ist die Entscheidung zur bodengestützten Mittelstrecken-Flugabwehr (MRAD) mit einer Reichweite von bis zu 50 km. Im Rahmen des Bundesheer Aufbauplan 2032+ werden somit bestehen Fähigkeitslücken geschlossen. Das Ziel ist eine 360-Grad-Abdeckung und eine integrierte Luft- und Flugkörperabwehr (Integrated Air and Missile Defense – IAMD). Deren Zweck ist die Aufrechterhaltung der Souveränität, Wahrung der Lufthoheit und Schutz der Bevölkerung. Weitreichende Aufklärung und Abwehr verschaffen Reaktionszeit.

35mm-Flugabwehrkanone des Bundesheeres, Symbolbild - Foto: Markus Dobrozemsky / Austrian Wings Media Crew

Der Beschaffungsprozess
Der Prozess beginnt mit der Beschreibung des Bedarfs durch den Einsatzführer (Luftstreitkräfte, Generalmajor Promberger), gefolgt von der Planung und der Übergabe an die Direktion Rüstung (Rüstungsdirektor, Generalmajor Vodosek).

Die Nachfolge der mobilen Kurzstrecken-Radarsysteme zur Tiefflugüberwachung ist geregelt. Die Fähigkeitsbeschreibung für den Eurofighter-Nachfolger soll bis spätestens 2. Quartal 2026 fertigestellt sein. Darauf folgt eine Analysephase. Ab 2. Quartal 2026 bis 2. Quartal 2027 werden Markt-, Nationen-, Technologie-, Beschaffungsstrategie- und Verfahrensanalyse sowie Leistungsbeschreibung durchgeführt.

Der Beschaffungsprozess ist für das 2. Quartal 2027 bis 4. Quartal 2028 vorgesehen. Eine politische Entscheidung über die Finanzierung ist bis Ende 2027/Anfang 2028 (im Rahmen des Doppelbudgets 2027/2028) erforderlich, bevor eine Ausschreibung mit rechtlicher Verbindlichkeit erfolgen kann. Danach folgen Einleitungsakt, Ausschreibung, Vergabe, Vertrag.

Eine nicht bis Ende 2027/Anfang 2028 getroffene Finanzierungsentscheidung würde zu erheblichen Engpässen und einem hohen Druck führen.

Das Bundesheer verfügt derzeit über 16 Eurofighter-Piloten. Derzeit wird eine Marktsichtung mit Fokus auf westliche Hochtechnologielösungen durchgeführt. Auswahlkriterien sind Marktverfügbarkeit, erprobte Einsatzfähigkeit (Initial/Full Operational Capability), Zukunftspotenzial, Kooperationsmöglichkeiten, Versorgungssicherheit und beste Technologie für den Soldaten. Ertwähnt wurden Optionen wie Eurofighter, Rafale, F-35, Gripen, F-15, F-16 Block 70, türkische (KAAN) und koreanische Muster (KF-21).

Anforderungen an das neue System und Stückzahl
Das neue System muss zur "Luftraumverteidigung" fähig sein. Geschwindigkeiten von Mach 1,5 bis 2,4 erreichen, über hohe Reichweite, ein leistungsfähiges Radar zur Lenkwaffenführung und Durchhaltefähigkeit verfügt. Es muss in das bestehende integrierte Luft- und Flugkörperabwehrsystem (IAMD) einbettbar und international interoperabel sein.

Gesucht wird eine kooperative "Familienlösung", die auch auf zukünftige Generationen (Generation 6: bemanntes Flugzeug als Führer eines Drohnenschwarms) ausgerichtet ist. Das System muss als Datenträger und Waffenträger für Langstrecken-Luft-Luft-Raketen (bis 150 km) dienen, um Gegner auf Distanz abwehren zu können. KI-Integration ist dabei wesentlich.

Ebenso unerlässlich ist Luft-Luft-Betankungsfähigkeit. Auch wird die Ausbildung wird zukünftig zu über 50 % auf Simulatoren stattfinden, um Kosten und Emissionen zu reduzieren und taktische Fähigkeiten zu optimieren.

Die erforderliche Stückzahl von 36 Maschinene leitet sich aus Wartungskonzepten und der Notwendigkeit einer hohen Klarstandrate (ca. 2/3) ab, um Alarmrotten, Einsatzbereitschaft und Ausbildung zu gewährleisten. Militärisch sinnvoll ist eine Dezentralisierung der Standorte (z.B. nördlich und südlich des Alpenhauptkamms). Historische Empfehlungen von 72 Flugzeugen sind aufgrund technologischer Fortschritte nicht mehr notwendig. Für den Eurofighter-Nachfolger benötigt es weitere Standorte.

Finanzielle Aspekte
Der Systempreis für 15 Eurofighter betrug 1,6 Milliarden Euro. Der Nachfolger wird pro Flugzeug voraussichtlich ab 200 Millionen Euro aufwärts kosten. Die Gesamtkosten für das System inklusive Ausbildung, Infrastruktur, Logistik etc. werden auf rund 10 Milliarden Euro geschätzt. Vergleich Schweiz: Obergrenze 7,6 Mrd. CHF ohne Steuern für geplant 36 Flugzeuge.

Die Nachfolgefinanzierung ist nicht im Ziel von 2 % des BIP für das Bundesheer enthalten, da dieses Budget für andere Fähigkeitslücken (Kommunikation, Drohnen, Artillerie, Infrastruktur, Munition) benötigt wird. Es wird ein "Sonderbudget" oder eine vergleichbare Lösung benötigt. Eine Reduzierung der Stückzahl oder ein Verzicht auf die Beschaffung würde direkt zu einer verminderten Leistungsfähigkeit und einem erhöhten Risiko für die Republik Österreich führen. Das Bundesheer berät die Politik, welche Risiken sie eingehen möchte.

Anmerkung: Aktuell gilt im Rahmen des Landesverteidigungs-Finanzierungsgesetzes ( LV-FinG) ein Ziel von 1,5% BIP. Der Koalitionsvertrag enthält eine Anpassung des LV-FinG auf 2% BIP, welche noch nicht beschlossen ist. Das Bundesheer will massiv in Simulatortechnik und Ausbildungskoopertaion investieren.

Industrielle Kooperation wird angestrebt
Das Verteidigungsressort ist für den Hauptvertrag und die Systemeinführung zuständig, während das Wirtschaftsministerium parallel Verträge zur Industriekooperation abschließt. Deren Ziel ist die maximale Einbindung österreichischer Unternehmen in Produktion, Service und Betrieb zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit und nicht primär Industrieförderung.

Text: Martin Rosenkranz
Über den Autor
Luftfahrtexperte Martin Rosenkranz ist Gründer und Chefredakteur des Militärluftfahrtmagazins "Airpower.at" und hat sich in den vielen Jahren der Eurofighter-Ausschreibung, Beschaffung und den Nachwehen intensiv mit diesen Vorgängen beschäftigt. Er war auch im Untersuchungsausschuss live dabei und gilt als einer der international am besten informierten Experten auf diesem Gebiet. Aktuell schreibt er unter anderem für das Militärmagazin "Militär aktuell". Er ist außerdem Autor des Buches
"FPV Drohnen als Waffen".