Punktlandung

Zur Notlandung von US 1549

Gestern Nacht trauten hunderttausende Fernsehzuseher in Europa ihren Augen nicht, welche die aus den USA live übertragenen "Breaking News" sahen. Ein Flugzeugrumpf im Wasser, rundherum Schiffe und Hubschrauber. Auf den Tragflächen winkten Menschen mit Schwimmwesten, riefen um Hilfe. Austrian Wings kommentiert die geglückte Notwasserung von US Aiways 1549.

 

Am gestrigen Nachmittag (Ortszeit New York) ereignete sich etwas, das wohl als "Wunder von Manhatten" in die Stadtchronik von New York und die Luftfahrtgeschichte eingehen wird.

Ein A 320 der US-Airways konnte erfolgreich auf dem Hudson River notwassern, nachdem beide Triebwerke in einer Höhe von rund 3.200 Fuß (knapp 1.000 Meter) ausgefallen waren. Als wahrscheinlichste Ursache dafür gilt derzeit massiver Vogelschlag, einen Anschlag schließen die Ermittler jedenfalls aus.

Ein doppelter Triebwerksausfall an sich ist in der Luftfahrt schon ein seltenes Ereignis. Bei drei- oder viermotorigen Maschinen, wie der Boeing 747, der MD 11 oder der Boeing 727 wäre das schon ein ernster Notfall, allerdings ein einigermaßen beherrschbarer. Ein solches Flugzeug könnte sich noch einige Zeit in der Luft halten und auf einem geeigneten Flughafen notlanden.

Die Ära mehrmotoriger Maschinen geht jedoch - gerade im Kurz- und Mittelstreckenbereich - zu Ende. Moderne Flugzeuge dieser Kategorie verfügen in der Regel nur noch über zwei Triebwerke, so auch der betroffene A 320. Damit bedeutet ein doppelter Triebwerksausfall, ungeachtet seiner Ursache, eigentlich den sicheren Absturz.

Glücklicherweise kommt so etwas sehr selten vor, sind doch Triebwerke und Systeme moderner Verkehrsflugzeuge doppelt und dreifach abgesichert.

Bei den wenigen Fällen in der Vergangenheit waren Probleme mit der Treibstoffzufuhr (zB Vereisung im Treibstoffsystem), Treibstoffmangel oder sich von den Tragflächen ablösendes Eis, das die Triebwerke beschädigt hatte, verantwortlich für derartige Zwischenfälle, zuletzt bei einer Boeing 777 der British Airways, die im Anflug auf den Flughafen London verunglückte. Auch hier gab es erfreulicherweise keine Opfer zu beklagen.

Fallen jedoch - allen Statistiken zum trotz - tatsächlich einmal beide Turbinen einer zweimotorigen Maschine gleichzeitig aus, dann kommt es auf das Können der Crew an - und auf eine große Portion Glück.

Die Passagiere und die Besatzung von US 1549 hatten beides - einen erfahrenen Piloten und die besagte Riesenportion Glück. Flugkapitän Chesley B. Sullenberger, 57, fliegt seit seinem 17. Lebensjahr, absolvierte verschiedenste aviatische Ausbildungen an diversen Universitäten, darunter an der US-Luftwaffenakademie und war Kampfpilot bei der US-Airforce ehe er vor 29 Jahren in die zivile Fliegerei wechselte.

Der von Freunden und Kollegen liebevoll "Sully" genannte Chesley Sullenberger ist außerdem für die Pilotenvereinigung ALPA als Ausbilder sowie als Unfallermittler für die nationale Kommission für Flugsicherheit tätig. Zusätzlich, so berichtet der Internetdienst "Safety Reliability Methods", habe Sullenberger gemeinsam mit der NASA eine Publikation über "Irrtümer in der Luftfahrt" erstellt und war darüber hinaus als Gastdozent für Kastatrophenmanagement in San Francisco an der Berkeley Universität tätig.

Kapitän Sullenberger rettete mit seiner fliegerischen Meisterleistungg 155 Menschenleben - Foto: Safety Reliability Methods

Damit war Sullenberger der "richtige Mann", um mit so einer Situation fertig zu werden. Als in rund 3.200 Fuß bei einer Geschwindigkeit von gerade einmal 153 Knoten plötzlich beide Triebwerke ausfielen, hatte er keine Zeit, zu überlegen. Er musste handeln. Sofort. Und er tat das Richtige. In Sekundenbruchteilen entschied er sich für eine Notwasserung, die einzige Chance, überhaupt einigermaßen heil aus der Sache herauszukommen.

Notwasserungen sind in der zivilen Luftfahrt extrem selten und vor allen Dingen mit Flugzeugen, deren Triebwerke unter den Tragflächen befestigt sind, extrem schwierig und mit geringen Erfolgsaussichten behaftet.

Der letzte Pilot, der ein solches Manöver versuchte, war Leul Abate, der 1996 seine Boeing 767-200ER vor den Komoren auf dem Wasser aufsetzte. Allein, die Maschine zerbrach in mehrere Teile, 125 Menschen kamen ums Leben, 50 überlebten.

Doch Sullenberger hatte gestern gar keine andere Wahl als notzuwassern. Ohne Antriebskraft konnte er aus dieser geringen Höhe keinen Flugplatz mehr erreichen.

Und ihm gelang das schier Unmögliche, das was vor ihm noch keinem Piloten gelungen ist - er setzte einen Funkspruch an die Flugsicherung ab, informierte Passagiere und Kabinenbesatzung über das Bevorstehende und wasserte den antriebslosen A 320 erfolgreich, der Rumpf blieb ganz und füllte sich nur langsam mit Wasser. Augenzeugenberichten zufolge flog er den Fluss an als sei er eine ganz gewöhnliche Landebahn.

Nach der erfolgreichen Evakuierung der Maschine überzeugte sich Kapitän Sullenberger, dass alle Passagiere und Crewmitglieder auch tatsächlich von Bord gegangen waren, ehe er das Flugzeug selbst verließ, um sich anschließend im Trockenen eine Tasse Kaffee zu gönnen.

Er hat gemeinsam mit seinem Kollegen im Cockpit durch seine jahrzehntelange Erfahrung, sein fliegerisches Können und ein Heer von Schutzengeln nicht nur das Leben von 155 Menschen an Bord des Fluges US 1549 gerettet, sondern auch einen Absturz auf das dicht besiedelte Stadtgebiet von New York verhindert.

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(red CvD)

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.