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Notfall an Bord - wen kümmert's?

Notfall an Bord (hier eine Übungssituation) - wer weiß Bescheid? - Foto: Austrian Wings Media Crew
Notfall an Bord (hier eine Übungssituation) - wer weiß Bescheid? - Foto: Austrian Wings Media Crew

Der TV-Sender RTL machte den Praxistest hoch über den Wolken: Wie viele Fluggäste wissen um die Sicherheitsbestimmungen an Bord Bescheid, die ihnen noch wenige Augenblicke vorher vom Kabinenpersonal bzw. via Monitor demonstriert worden waren? Ein Feldversuch mit erschreckendem Ergebnis.

Airlines versuchten vor allem in jüngerer Vergangenheit, durch besonders außergewöhnlich gestaltete Demo-Videos die Aufmerksamkeit der Fluggäste für dieses unter Umständen lebensrettende Thema gewinnen zu können. Fliegen ist nach wie vor die sicherste Art zu reisen, dennoch ist es unerlässlich, zu wissen, wie man sich im Fall des (Not-)Falles zu verhalten hat.

Erster Test am Boden

Den ersten Durchgang des Experiments starteten die RTL-Reporter am Boden. Am Flughafen wurden Passagiere, die soeben gelandet waren, ersucht, das korrekte Anlegen der Schwimmweste zu demonstrieren. Die Information dazu hatten sie schließlich zuvor am Beginn ihres Fluges erhalten. Fazit: Die meisten Probanden schienen eher auszuprobieren als zu wissen, wie sie vorgehen sollten. Im Langzeitgedächtnis waren die Sicherheitshinweise offensichtlich kaum verankert.

Ein Fluggast: "Ich weiß, wo die Schwimmweste ist und ich weiß, wie ich reinblasen muss, das war's."

Am Schauplatz in 10.000 Metern Höhe

Auf dem Condor-Flug DE 5570 von Frankfurt nach Kreta ging es dann zum Praxistest am Ort des Geschehens, und zwar nur kurz nach erfolgter Sicherheits-Demo. Was ist bei den Fluggästen hängen geblieben?

Die erste Nachfrage galt der korrekten Handhabung der Sauerstoffmasken. Richtig wäre: Maske zu sich heranziehen und mittels Gummiband über Mund und Nase fixieren, danach Kindern und anderen Mitreisenden helfen.

Die Mehrheit der Reisenden schien sich nur noch bruchstückehaft an die richtige Verfahrensweise zu erinnern. Ein Fluggast war beispielsweise überzeugt davon, zuallererst seinem Kind beim Anlegen der Maske behilflich sein zu müssen. Ein anderer sprach sogar vom Prinzip, "Frauen und Kinder zuerst".

Sauerstoffmasken - Foto: Austrian Wings
Bei Druckabfall in der Kabine lebensrettend, sofern rasch und richtig angewendet: Sauerstoffmasken - Foto: Austrian Wings Media Crew

Anschließend die Frage nach der Anzahl der auf dem betreffenden Flugzeug vorhandenen Notausgänge. Die richtige Antwort, es waren zwölf, kam ebenfalls nur sporadisch. Die meisten Passagiere gaben an, sich daran überhaupt nicht mehr erinnern zu können oder "gar nicht aufgepasst" zu haben.

Wie auch zuvor schon am Boden sollten nun einige Probanden die Schwimmweste anlegen, so, wie sie es in den Sicherheits-Demos gesehen hatten. Bei manchen funktionierte es nach einigem Experimentieren mehr schlecht als recht, andere hingegen scheiterten kläglich - nicht auszudenken, wenn es zum Ernstfall gekommen wäre, wo es um Sekunden gehen kann. Das Wissen um die tatsächlich richtige Handhabung schien bei keinem der befragten Fluggäste präsent gewesen zu sein.

Und wie ist es mit dem richtigen Zeitpunkt zum Aufblasen der Schwimmweste? - Dies hat unmittelbar vor dem Verlassen des Flugzeuges zu erfolgen. Viele Passagiere hingegen waren davon überzeugt, die Weste gleich nach dem Anlegen aufblasen zu müssen - ein fataler Fehler, da man sich so gegenseitig auf dem Weg zum Ausgang massiv behindern könnte. Andere wiederum hätten den Auslöser erst nach dem Verlassen des Flugzeuges betätigt.

Eine Reisende im Interview: "Man sieht zwar, wie die Weste übergeworfen wird, man weiß deswegen noch lange nicht wie es sich anfühlt. Was wahrscheinlich helfen würde: es einfach mal selbst zu machen." - Eine Möglichkeit, die immer mehr Airlines und private Anbieter bei entsprechenden Seminaren anbieten, im Zuge derer man sich in Ruhe und eingehend mit allen Sicherheitseinrichtungen an Bord eines Flugzeuges vertraut machen kann und auch der eine oder andere Notfall simuliert wird.

Simulatortraining: Notfall-Evakuierung mit Schwimmwesten über Notrutschen - Foto: Austrian Wings Media Crew
Simulatortraining: Notfall-Evakuierung mit Schwimmwesten über Notrutschen - Austrian Wings Media Crew

Gerald Aigner von Austrian Wings hat selbst an einem solchen Intensivseminar teilgenommen und bestätigt: "Selbst als Vielflieger wird man überrascht sein, wie viel man noch dazulernen kann. Am wichtigsten ist es jedoch, bei diesen Simulationen die nötigen Handgriffe so oft üben zu können, dass sie in einer tatsächlichen Notsituation wesentlich ruhiger und routinierter ablaufen."

Ist nun die niedrige Quote an Wissen um das Verhalten in Notsituationen an Bord eines Flugzeuges eine peinliche Ausnahme? Condor-Flugbegleiterin Kathrin Höscheler, selbst am Tag des RTL-Tests mit an Bord, berichtet aus ihrer Praxis: "Auf das Sicherheitsvideo wird gar nicht mehr so sehr geachtet, wie es eigentlich notwendig wäre. Die Aufmerksamkeit sollte da sein, um zu wissen: Wie lege ich meine Schwimmweste an? Wo sind die Notausstiege? - Gerade bei Druckabfall, wo ich nicht nebenan stehe, wäre es für die Leute schon wichtig zu wissen, was zu tun ist, wenn ihnen die Maske ins Gesicht fällt."

Safety Demo vor dem Abflug - oft ist die Aufmerksamkeit sehr gering... - Foto: Austrian Wings Media Crew
Keine gestellte Szene: Während der Sicherheitsanweisungen vor dem Abflug ist die Aufmerksamkeit der meisten Passagiere leider völlig anderen Dingen, wie etwa dem Zeitunglesen, zugewandt... - Foto: Austrian Wings Media Crew

Von 20 befragten Passagieren wusste insgesamt weniger als die Hälfte über annähernd korrektes Verhalten im Ernstfall Bescheid, das meiste Wissen wies Lücken auf - im Notfall wären dann Hektik und Panik die Folge. Keine optimalen Voraussetzungen, um einer Ausnahmesituation zu begegnen, auch wenn diese den meisten der Fluggäste auf Grund der hohen Sicherheitsstandards glücklicherweise erspart bleiben dürfte.

Links:

A-S-N Aircraft Safety Network (Anbieter von Flugsicherheitsseminaren und Workshops)

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(red Aig)

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