Österreich

[U] AUA-Sparmaßnahmen: "Doc on Board" Programm droht das Aus

Letzte Aktualisierung: 25. Juli 2012 / 20:50 Uhr

Notfallausrüstung inkl. Defibrillator an Bord einer Linienmaschine - Foto: Austrian Wings Media Crew
Vorbildliche Notfallausrüstung inklusive Defibrillator an Bord einer Linienmaschine; den korrekten Umgang damit im komplexen Umfeld "Flugzeug" werden Mediziner künftig aufgrund der AUA-Sparpläne wohl nicht mehr erlernen können - Foto: Austrian Wings Media Crew

Dem Programm "Doc on Board", das auf Initiative eines Mediziners gegründet wurde, droht aufgrund der Sparmaßnahmen der Lufthansa Tochter AUA das Aus.

Im Rahmen dieses Programms wurden Ärzte und medizinisches Assistenzpersonal von engagierten Experten im AUA-Trainingszentrum auf dem Flughafen Schwechat auf die Besonderheiten (notfall-)medizinischer Interventionen in Flugzeugen geschult.

Dafür stellte die AUA die Einrichtungen inklusive beweglicher Kabinensimulatoren kostenlos zur Verfügung. Dies sei nun aufgrund des aktuellen Sparprogramms nicht mehr möglich, heißt es von der Fluglinie, womit "Doc on Boad" vermutlich vor dem Aus stehen dürfte, weil eine Übernahme der Mietkosten für die Trainingseinrichtungen die Kurskosten derart in die Höhe treiben würde, dass das Angebot für viele Interessierte nicht mehr leistbar wäre. Und das, obwohl die Fluglinie durch entsprechend geschulte Ärzte außerordentlich profitiert, denn diese können sich bereits vorab durch ihre "Doc on Board"-ID-Karte identifizieren und so im Anlassfall vom Kabinenpersonal direkt kontaktiert werden.

Mediziner, die dieses Fortbildungsprogramm absolviert haben, ersparen sich bei der Versorgung eines Notfallpatienten hoch über den Wolken zudem eine Menge Experimente, denn verständlicherweise ist das Arbeiten in einer beengten Flugzeugkabine nicht mit regulären Gegebenheiten vergleichbar. Dr. Dominik Schröder bringt es etwa auf den Punkt: "Eine super Erfahrung, wie anschaulich Fortbildung sein kann. Für jeden, dem sein Beruf als Arzt Freude macht, ein absolutes Muss", resümiert er über das Trainingsprogramm. Und Dr. Renate Stöger spricht vermutlich vielen Medizinerkollegen aus der Seele, wenn sie bestätigt: "Danke dafür, dass sich die Ärztin in mir nun auch auf die nächste Flugreise freuen kann - das war bisher nicht wirklich so!"

Derzeit haben nach Angaben von "Doc on Board" rund 1.000 Personen diese Zusatzausbildung absolviert und wurden so professionell auf den Umgang bei medizinischen Notfällen auf Flugreisen und die Zusammenarbeit mit dem Kabinenpersonal geschult. Auch aus deren Reihen kommt Unverständnis über die radikalen Sparmaßnahmen der AUA: "Wenn es zu einem medizinischen Notfall an Bord kommt, sind wir froh, wenn sich unter den Passagieren jemand befindet, der qualifiziert ist und helfen kann. Umso besser, wenn diese Person auch auf die Besonderheiten, wie sie in einer Passagiermaschine vorherrschen, geschult ist", so ein Flugbegleiter. Und eine Kollegin fügt hinzu: "Auf den Flügen in beliebte Urlaubsregionen hat man fast schon auf jedem Flug einen Patienten mit Kollaps."

Genau da könnten sich die AUA-Sparpläne auch in einen für das Unternehmen wirtschaftlichen "Rohrkrepierer" umkehren, wenn es etwa zu einer Zwischenlandung kommt, die vielleicht vermeidbar gewesen wäre. Ärzte, die im Rahmen von "Doc on Board" ausgebildet wurden, sind mit dem an Bord vorhandenen umfangreichen Notfall-Equipment und dessen Einsatzmöglichkeiten vertraut und können in diesem Zusammenhang auch gut einschätzen, ob eine außerplanmäßige Landung wirklich erforderlich sein könnte, oder sich der Zustand des Patienten auch bis zum Zielflughafen mit den an Bord befindlichen Medikamenten und Gerätschaften adäquat stabilisieren lässt. Und Letzteres spart zigtausende Euro Kosten bereits ab der ersten vermiedenen Landung.

Bei der AUA verlässt man sich offensichtlich darauf, dass es auch ohne "Doc on Board" gehen kann; weniger Ärzte werden schließlich, auch bei Wegfall des Programms, nicht unter den Fluggästen sein. Eine Ärztin bringt es gegenüber Austrian Wings jedoch auf den Punkt: "Aber wahrscheinlich sehr viel weniger Mediziner, die sich im Notfall auch bereit erklären werden, einzugreifen!" Denn, so fügt sie hinzu, man könne schließlich auch von einem Arzt nicht erwarten, dass er ganz ohne vorheriges Training, in einem ungewohnten Umfeld und mit ihm unbekannter Ausrüstung umfassende notfallmedizininische Hilfe leisten kann. "Ich nehme an, dass sich die allermeisten Ärzte natürlich trotzdem für Erste Hilfe zur Verfügung stellen würden, kann mir aber vorstellen, dass sie bereits beim geringsten Zweifel dem Piloten eine Zwischenlandung empfehlen werden. Und letztlich hätte ich ohne eine Ausbildung wie mit 'Doc on Board' auch gar nicht die Zeit und Möglichkeit, mir erst dann, wenn sowieso schon der Hut brennt und ich einen Patienten im Flieger betreuen muss, zum ersten Mal die vorhandene Ausrüstung und alle Medikamente in Ruhe durchzusehen." Das sieht auch Lydia Rohrmoser in einem Artikel der "Ärzte-Woche" (Ausgabe 19/2010) so und kommt zum Fazit: "Die Grundregel ist einfach: Wenn das Medikament nicht vertraut ist, verwendet man es einfach nicht."

Austrian-Sprecher Michael Braun ist jedenfalls davon überzeugt, dass die Flugbegleiter letzten Endes auch ganz ohne "Docs on Board" auskommen würden: "Die medizinische Versorgung unserer Passagiere an Bord ist überdurchschnittlich hoch verglichen mit anderen Airlines, weil wir sehr viel in die medizinische Ausbildung unserer Flugbegleiter investieren."

AUA will Projekt weiterhin unterstützen

"Wir möchten das Projekt auch weiterhin unterstützen. Ärzte die den Kurs absolvieren bekommen von uns 10.000 Miles & More Meilen pro Kurs gutgeschrieben bekommen und gratis Zugang zur Austrian Business Lounge - das soll auch in Zukunft so sein", heißt es seitens der Airline.

Zu Beginn habe man Trainingsräume und die Schulungssimulatoren gratis zur Verfügung gestellt.

"Zu Projektbeginn - da gab es 1 oder 2 Schulungen pro Jahr - war das auch in Ordnung. Mittlerweile ist das Projekt stark gewachsen, es werden pro Jahr rund 8 Schulungen abgehalten. DOB ist aber keine soziale Organisation, sondern ein kommerzielles Unternehmen, das Gebühren - 550 Euro pro Person pro Kurs und mehr - von den Teilnehmern verlangt. Daher wäre ein geringer Kostenbeitrag für die Benützung unserer Räumlichkeiten aus unserer Sicht fair."

Man sei aktuell in Gesprächen mit "Doc on Board" und hoffe, dass "das Projekt weiterhin gemeinsam angeboten wird."

Dr. David Gabriel, Initiator des Projekts erklärte im Gespräch mit der Austrian Wings Redaktion, dass es hier "nicht um einen geringen Betrag, der fair sein sollte", gehe: "Das haben wir bereits selbst angeboten. Es geht aber um eine Summe, die unseren finanziellen Rahmen einfach sprengt. Das ist der Punkt."

Noch laufen die Verhandlungen zwischen der Fluglinie und den "Doc on Board"-Betreibern also, ob und in welcher Form das Programm fortgeführt werden könnte.

Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren:

Ist ein Arzt an Bord?

Kreislaufstillstand an Bord – Mann stirbt trotz sofortiger Notlandung

(red CvD, Aig)