Österreich

Wartungschef Ing. Hanns Pekarek - der Mann, der den vermeidbaren Lauda Air Absturz vorausahnte

Die Unglücksmaschine "Mozart" - Lauda Air Flug NG 004 hätte nicht abstürzen müssen, wenn die Warte bei Lauda Air in Ruhe auf Fehlersuche gehen hätten können. Doch seitens des Managements herrschte ein enormer Druck, deshalb flog die Maschine selbst dann noch weiter als sie eigentlich aus dem Verkehr gezogen werden hätte müssen. - Foto: www.ilf.or.at (Interessengemeinschaft Luftfahrt Fischamend)

Heute in zwei Monaten jährt sich der Absturz der Lauda Air Boeing "Mozart" mit 223 Todesopfern zum 35. Mal. In meinem kürzlich erschienenen Sachbuch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe" geht es auch um den ehemaligen Technikchef der Lauda Air, Ing. Hanns Pekarek. Dieser befürchtete wegen des Drucks des Managements auf die Techniker früh ein Unglück, hielt die Wartung bei Lauda Air nicht mehr für sicher und warnte Niki Lauda deshalb "mehrfach" - doch stieß bei ihm auf taube Ohren. Acht Monate nachdem Pekarek das Unternehmen verlassen hatte, stürzte die "Mozart" dann ab. 223 Menschen starben, weil die Techniker der Lauda Air sich nicht die Zeit nehmen konnten, einem seit Monaten bestehenden Problem mit der linken Schubumkehr wirklich gründlich auf den Grund zu gehen und es zu beheben. Dadurch erst konnte ein versteckter Konstruktionsfehler an der Boeing 767 seine tödliche Wirkung voll entfalten.

Das Jahr 1991 ging als das finsterste in die Annalen der österreichischen Luftfahrtgeschichte ein. Denn am 26. Mai des "Mozart-Jahres" (200. Todestag des großen Komponisten) stürzte der Lauda Air Flug NG 004 kurz nach dem Start in Bangkok auf dem Weg nach Wien ab - alle 213 Passagiere und 10 Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod. 27 von ihnen ruhen bis heute in einem Gemeinschaftsgrab in Thailand, weil sie nicht mehr identifiziert werden konnten Als unmittelbare Ursache des Absturzes stellten die Ermittler der thailändischen Untersuchungskommission einen Defekt an der Schubumkehr fest. Die Schubumkehr des linken Triebwerks hatte sich im Steigflug geöffnet und so die Boeing 767-300ER mit dem Namen "Mozart" zum Absturz gebracht. Die beiden erfahrenen Männer im Cockpit kämpften bis zuletzt, hatten aber keine Chance.

Die Hauptursache des Unglücks war ein Konstruktionsfehler an der Schubumkehr für den Boeing im Rahmen eines Vergleichs die Verantwortung nahm. Denn dass sich die Schubumkehr überhaupt im Flug öffnen konnte war ein vorhandener Mangel und dass die Maschine in einem solchen seltenen Fall dann absolut unbeherrschbar werden würde, damit hatte Hersteller Boeing überhaupt nicht gerechnet. Boeing war vielmehr davon ausgegangen, dass eine geöffnete Schubumkehr im Flug durch die Piloten in jeder Phase des Fluges beherrschbar sein würde. Die thailändische Unfalluntersuchungskommission konnte die Ursache für das Öffnen der linken Schubumkehr nicht feststellen. Allerdings untersuchten sie die technischen Logbücher der "Mozart" gerade einmal vier Stunden lang - das kann nicht besonders gründlich gewesen sein.

Ein österreichischer Gutachter, der das Unglück im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien ebenfalls untersuchte, kam nach über einem Jahr Studium aller technischen Unterlagen der "Mozart" (über 20 Einträge des technischen Logbuchs fehlten allerdings; es gibt Indizien, dass Lauda Air vor der Beschlagnahmung von Unterlagen durch die Staatsanwaltschaft Akten vernichtet hat) dagegen zu dem Schluss, dass "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" beschädigte elektrische Leitungen im Bereich der linken Triebwerksaufhängung jene Kaskade von Ereignissen ausgelöst hatten, die schlussendlich zur Aktivierung der Schubumkehr und zum Tod von 223 Menschen führten. 

Faksimile aus der Expertise des österreichischen Experten, der den Unfall im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien untersuchte. Anders als die thailändische Untersuchungskommission, die die Wartungsunterlagen der "Mozart" gerade einmal vier Stunden lang untersucht hatte, befasste sich der österreichische Fachmann über ein Jahr damit und ging Seite für Seite durch, ehe er seinen Bericht vorlegte. Zugang dazu haben Angehörige der Opfer, die ihr Recht auf Akteneinsicht und Anfertigung von Kopien wahrnehmen. Sie ermöglichten in den vergangenen Jahren mehreren Journalisten in Österreich und Deutschland, die Unterlagen zu sichten. Auch untereinander gaben Angehörige die Kopien der Unterlagen immer wieder weiter.
Der Gutachter der Staatsanwaltschaft Wien kam zu diesem brisanten Ergebnis - zur Erinnerung: die thailändische Kommission konnte die Ursache für das Öffnen der Schubumkehr überhaupt NICHT feststellen.

Der staatsanwaltschaftliche Gutachter sah die Wartungsabteilung der Lauda Air zumindest in einer de facto (Mit-)Verantwortung - denn bereits seit Dezember 1990 hatte es immer wieder Fehlermeldungen betreffend die Schubumkehr gegeben, allein mehr als 60 !!! in den letzten vier Wochen vor dem Crash. Doch die Maschine flog weiter und weiter und weiter - laut Gutachter war das ein schwerer Verstoß gegen die Boeing-Vorschriften, da der im Dezember 1990 erstmals aufgetretene Defekt überhaupt niemals behoben worden war. Stattdessen hatten die Lauda Air Techniker mehr oder weniger monatelang "herumgedoktort" und dabei teils schwere Wartungsfehler gemacht, wie der staatsanwaltschaftlicher Gutachter in seiner Expertise festhielt.

Aber Lauda Air war auf das Flugzeug angewiesen, der Druck auf die Männer der Technikabteilung enorm groß. Denn man hatte nur zwei Langstreckenflugzeuge des Typs Boeing 767-300ER, die OE-LAV "Mozart" und die OE-LAU "Johann Strauss". Hätte man einen der beiden Jets für außerplanmäßige Wartungsarbeiten länger außer Betrieb genommen, wäre mit einem Schlag 50 Prozent der Langstrecken-Kapazität weggefallen und die finanziell klamme Lauda Air, die dem Konkurs mehr als einmal nahe war, hätte um teures Geld ein Flugzeug von einer anderen Airline anmieten müssen - und das zu einem Zeitpunkt als die gesamte Weltluftfahrt wegen des Golfkrieges in einer schweren Krise war.

Wartungschef konnte aus Sorge vor einem Unfall gar nicht mehr schlafen
Dass bei Lauda Air aufgrund des enormen Drucks, der vom Management auf die Wartungscrew ausgeübt wurde, einmal etwas passieren würde, das schien für Insider nur eine Frage der Zeit zu sein. Die Wartung der Flugzeuge in Wien erfolgte außerdem bei Wind, Regen und Schnee im Freien - häufig auch noch bei Dunkelheit, denn Lauda Air hatte auf dem Flughafen Wien nicht einmal einen Hangar. Dass ein Wart, der bei -15 Grad bei Nacht mit einer Stirnlampe und klammen Fingern arbeitet, leichter etwas übersehen oder einen Fehler  begehen kann als ein Techniker im hell erleuchteten und beheizten Hangar, das liegt auf der Hand. Es waren unvorstellbar schwierige Verhältnisse, unter denen die Warte der Lauda Air arbeiten mussten - immer das Management im Nacken, das ihnen unbarmherzig klar machte: "Der Flieger muss wieder pünktlich auf seine nächste Rotation gehen!"

Der ehemalige Lauda Air Wartungschef Ing. Hanns Pekarek erklärte nach dem Absturz in seiner Aussage vor der Staatsanwaltschaft Wien, dass die Zeiträume für die Wartung der Flugzeuge immer enger bemessen worden seien. Mehrfache habe Pekarek den Airlinechef Niki Lauda darauf aufmerksam gemacht, dass die Wartung der Flugzeuge aus seiner Sicht unter dem herrschenden Druck nicht mehr sicher sei.

Gegenüber der Staatsanwaltschaft Wien schilderte der frühere Lauda Air Wartungschef unfassbare Zustände bei Lauda Air, wie diese Faksimile beweist.

Doch Niki Lauda habe alle Warnungen Pekareks in den Wind geschlagen. Das war lange vor dem Absturz der "Mozart". Weil sich die Sicherheitskultur bei Lauda Air nicht verbesserte, verließ Wartungschef Hanns Pekarek schließlich das Unternehmen im September 1990. Pekarek litt wegen der aus seiner Sicht unzureichenden Sicherheit bereits unter Schlafstörungen und erteilte seiner eigenen Familie Flugverbot mit Lauda Air.

Die Zustände bei der Wartung der Flugzeuge und die Ignoranz des Managements hinsichtlich seiner Warnungen raubten Hanns Pekarek den Schlaf. Deshalb verließ er Lauda Air.

Pekarek erklärte auch, dass er erfahren habe, dass sein Nachfolger als Wartungschef einen anderen Wart der Lauda Air "unter Druck gesetzt" haben soll, einen wichtigen Check an der Schwestermaschine (OE-LAU) der "Mozart" zu "unterschreiben". So steht es detailliert in den Akten der Staatsanwaltschaft Wien, die den nächsten Angehörigen der 223 Toten im Rahmen ihres Rechts auf Akteneinsicht zugänglich sind - für die Öffentlichkeit jedoch nicht. Dank der Unterstützung von Hinterbliebenen konnte ich die Aussage von Hanns Pekarek für die Recherche zu meinem Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe" (kostenlose Leseproben hier) einsehen. Der ehemalige Chefredakteur des Schweizer Luftfahrtmagazins "COCKPIT" spricht in einem Artikel auf dem Portal "Travelnews" nach Studium meines Buches gar von einer "Katastrophe mit Ansage".

Nach 15-jähriger Arbeit erschien heuer mein investigatives Sachbuch über den Lauda Air Absturz. Es ist das weltweit einzige umfassende Gesamtwerk zu diesem Thema. Darin kommen unter anderem 18 bedeutende Zeitzeugen zu Wort, darunter Angehörige der Opfer, ehemalige Lauda Air Mitarbeiter und der österreichische Botschafter in Thailand.

Die "Mozart" hätte längst in der Werft stehen müssen
Acht Monate nachdem Pekarek die Lauda Air verlassen hatte, am 26. Mai 1991, fiel dann die "Mozart" - die laut Gutachter der Staatsanwaltschaft wegen nicht behobener technischer Probleme an der linken Schubumkehr seit Jänner 1991 nicht mehr hätte fliegen dürfen - aus dem Himmel und riss 223 Menschen mit in den Tod. Seit dem erstmaligen Auftreten einer Fehlermeldung die linke Schubumkehr betreffend (im Dezember 1990) bis zu ihrem Absturz war die "Mozart" mehr als 2.000 Stunden mit dem Defekt geflogen - dabei hätte das Problem laut Boeing-Vorgaben spätestens innerhalb von 500 Stunden behoben werden müssen. 

Obwohl seitens der österreichischen Justiz keine Anklage gegen Niki Lauda oder andere Mitarbeiter der Lauda Air erhoben wurde (juristisch sind daher weder Lauda Air noch Niki Lauda noch sonst jemand vom Management für den Absturz verantwortlich gemacht worden), stellte der verantwortliche Staatsanwalt 1994 im Hinblick auf die im Gutachten genannte höchstwahrscheinliche Ursache (defekte Kabel im Bereich der linken Triebwerksaufhängung) unmissverständlich fest:

"Bei eingehender Untersuchung des Kabelstranges wäre wahrscheinlich auch ein solcher Defekt (…) in der Verdrahtung entdeckt worden. Durch die Behebung dieses Fehlers wäre der Absturz unterblieben.“

Der Absturz der Lauda Air am 26. Mai 1991 wäre also vermeidbar gewesen - diese Aussage der Staatsanwaltschaft wurde 1994 zwar gegenüber Journalisten getätigt, aber leider fanden sie sich damals lediglich im investigativen Nischenmedium "PROFIL" und nicht etwa in den großen Tageszeitungen "Krone" und "Kurier" wieder, womit die breite Öffentlichkeit davon keine Notiz nahm - und Internet war noch kein Thema.

"Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" lösten beschädigte Kabelstränge im Bereich der Aufhängung des linken Triebwerks (hier fotografiert an einer Schwestermaschine der "Mozart") die Katastrophe aus. So stellte es ein Gutachter im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien amtlich fest. Doch die Lauda Air Techniker untersuchten diesen Bereich niemals vollständig, sonst hätten sie das Problem entdecken müssen - Foto: www.der-rasende-reporter.info

Ing. Pekarek versuchte sein Möglichstes - stand aber auf verlorenem Posten
Hanns Pekarek - ich hatte vor einigen Jahren noch persönlich Kontakt mit ihm - starb im Jahr 2022, ohne dass seine leider vergeblichen Bemühungen um eine Verbesserung der Flugsicherheit bei Lauda Air je öffentlich bekannt geworden oder gar von offizieller Seite gewürdigt worden wären. Er war ein bescheidener, integrer Mann. Wenn das Management der Lauda Air seine Monate vor dem Absturz geäußerten Bedenken hinsichtlich mangelnder Sicherheit bei der Wartung ernst genommen hätte, dann wäre die "Mozart" mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht verunglückt - und ihre 223 Insassen hätten am 26. Mai 1991 nicht sterben müssen.

Das Grab von Hanns Pekarek - der engagierte Techniker ahnte wohl, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis es bei Lauda Air zu einem Unfall kommen würde, und warnte das Management mehrfach - doch seine Warnungen wurden ignoriert.

Juristisch ist die Causa "Lauda Air Absturz" längst verjährt, selbst noch lebende ehemalige Mitarbeiter haben nichts mehr zu befürchten - doch für viele Hinterbliebene der Toten hat es einen bitteren Beigeschmack zu wissen, dass bei Lauda Air im Fall der "Mozart" ganz offenbar wirtschaftliche Interessen höher bewertet wurden als die Sicherheit.

Wartungsmängel bei Lauda Air begünstigten Auswirkungen des Konstruktionsfehlers von Boeing
Ja, dass sich die Schubumkehr öffnen und die Maschine zum Absturz bringen konnte, das war ein Konstruktionsfehler von Boeing. Dass dieser Konstruktionsmangel (der nach dem Absturz weltweit an allen betroffenen Flugzeugen behoben wurde) aber am 26. Mai 1991 bei der "Mozart" schlagend wurde und dafür 223 Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten, das war, so der Gutachter der Staatsanwaltschaft Wien, "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit", auf beschädigte Kabel zurückzuführen gewesen, die bei ordentlicher Wartung entdeckt worden wären und rechtzeitig ausgetauscht werden hätten müssen. Die medial verbreitete Story, dass Lauda Air aktiv an der Aufarbeitung des Unglücks beigetragen habe, ist ein von der Fluglinie selbst lanciertes und über einige Kanäle verbreitetes PR-Märchen, das sich bis heute hält - tatsächlich fehlten (wie weiter oben geschrieben) in den von der Staatsanwaltschaft Wien beschlagnahmten Unterlagen der "Mozart" sehr viele Dokumente und mir liegen Aussagen ehemaliger Mitarbeiter vor, nach denen in Nacht des Absturzes brisantes Aktenmaterial durch Mitarbeiter der Lauda Air vernichtet worden sein soll.

Übrigens, auch 35 Jahre nach dem Absturz der "Mozart" warten die Angehörigen der 223 Opfer der größten heimischen Luftfahrtkatastrophe noch immer auf eine Gedenkstätte in Österreich - bisher vergeblich und es gibt keine Anzeichen, dass es eine solche jemals geben wird.

Text: Patrick Huber