Punktlandung

Meinung zur Netflix-Serie "The Bombing of Pan Am 103": Unvollständige, einseitige Darstellung

Der auf eine Schafsweide gestürzte vordere Rumpf der "Clipper Maid of the Seas" mit dem Cockpit wurde zum Sinnbild der Katastrophe - Foto: AAIB

In einer sechsteiligen Miniserie arbeitete der US-Filmgigant Netflix den Bombenanschlag auf Pan Am Flug 103 vom 21. Dezember 1988 auf. Trotz hoher Detailgenauigkeit enttäuscht die Serie am Ende durch eine einseitige, in dieser Form objektiv kaum haltbare, Darstellung hinsichtlich der Täterschaft, meint Austrian Wings Ur-Gestein Patrick Huber (www.der-rasende-reporter.info) in seinem aktuellen Kommentar. Er befasst sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema und veröffentlichte im Dezember 2023 das erste deutsche Buch zum Thema. Es trägt den Titel "Pan Am Flug 103: Die Tragödie von Lockerbie - Weihnachtsreise in den Tod".

Die Fakten zum Fall Lockerbie (Pan Am Flug 103) in aller Kürze. Im Frachtraum der Boeing 747-121, N739PA, "Clipper Maid of the Seas" der Pan Am, die am 21. Dezember 1988 als Flug PA 103 von London Heathrow nach New York JFK fliegen sollte, explodierte eine Bombe. Das Flugzeug zerbrach noch in der Luft und stürzte auf die schottische Kleinstadt Lockerbie. Die 243 Passagiere, 2 Piloten (Kapitän und Erster Offizier), 1 Flugingenieur und 13 Flugbegleiter an Bord des Pan Am Jumbos starben ebenso wie 11 Einwohner der Gemeinde Lockerbie. Unter den Opfern befanden sich auch viele Kinder, ganze Familien wurden ausgelöscht.

WER für die Bombe verantwortlich war, wurde de facto nie abschließend geklärt. Ein Gerichtsprozess nach schottischem Recht in den Niederlanden führte zwar im Jahr 2001 zur bis heute in Fachkreisen extrem umstrittenen Verurteilung eines mutmaßlichen libyschen Geheimagenten, doch Experten (darunter Rechtsgelehrte, der UN-Prozessbeobachter Professor Hans Köchler, hier kann man seine Berichte darüber einsehen) und viele Angehörige der Opfer sprachen von einem Fehlurteil und sind von der Unschuld des angeblichen Täters überzeugt. Ich empfehle dazu auch meinen Kommentar vom Oktober 2025 "Kommentar zum Lockerbie Anschlag - wer sprengte Pan Am Flug 103?". Bereits zwei Jahre zuvor, kurz vor dem 35. Jahrestag der Katastrophe, war nach jahrelanger Recherche mein Buch "Pan Am Flug 103: Die Tragödie von Lockerbie - Weihnachtsreise in den Tod" erschienen, in dem ich den Anschlag sowie sämtliche offenen und bereits geklärten Fragen bis ins kleinste Detail beleuchte. Sie können das Buch als Soft- oder Hardcover in jeder österreichischen Buchhandlung bestellen und zusätzlich ist es über verschiedene österreichische Onlinestores zu beziehen, stellvertretend für alle Händler nenne ich an dieser Stelle die renommierten Händler "Manz" und "Falter Verlag"

Viele Plätze an Bord von Pan Am 103 waren leer - ungewöhnlich, denn drei Tage vor Weihnachten waren die Transatlantikflüge zwischen Europa und den USA für gewöhnlich ausgebucht.

Als ich von der neuen sechsteiligen Netflix-Serie "The Bombing of Pan Am 103" erfuhr, beschloss ich, sie mir anzusehen. Denn nach meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dieser Tragödie war ich gespannt darauf. Sie ist natürlich keine Dokumentation und einzelne Elemente wurden aus Gründen der Dramaturgie verändert, doch sie ist grundsätzlich sehr detailliert recherchiert. Sogar öffentlich kaum bekannte Tatsachen werden darin thematisiert und selbst die erwähnten Sitzplatznummern einzelner Passagiere sind korrekt dargestellt.

Während die ersten fünf Teile durchwegs sehenswert sind, enttäuscht der letzte Teil enorm und macht alles zunichte. Darin geht es um die Verhandlung gegen die zwei angeklagten Libyer, die schließlich mit dem Schuldspruch gegen Abdel Bassit Ali Mohammed el Megrahi endete, während der Mitangeklagte freigesprochen wurde.

Damit schließt die Serie und lässt den Zuseher in der Regel vermutlich mit dem (absolut falschen) Gefühl zurück, der Fall sei (weitgehend) aufgeklärt - doch in Wahrheit ist er weit davon entfernt. Mit keinem einzigen Wort wird in der Serie nämlich darauf eingegangen, dass nicht nur (wie eingangs erwähnt) zahlreiche (vor allem britische) Hinterbliebene der Opfer die Schuld von El-Megrahi bezweifeln, sondern dass sowohl der UN-Prozessbeobachter Hans Köchler als auch der schottische Rechtsprofessor Robert Black den Schuldspruch als "Fehlurteil" beziehungsweise Justizirrtum, durch den ein Unschuldiger stigmatisiert und seiner Freiheit beraubt wurde, kritisierten. In einem Interview mit "The Scotsman" am 1. November 2005 bezeichnete Professor Black El-Megrahis Verurteilung wörtlich als "den schändlichsten Justizirrtum in Schottland seit 100 Jahren".

In der Netflix-Serie wird stattdessen das für die USA und Großbritannien ausgesprochen "bequeme" Narrativ vom libyischen (Einzel-)Täter, der verurteilt wurde, übernommen und dem Zuschauer als "die ganze Wahrheit" geboten. Doch sie ist bestenfalls ein Teil davon, keineswegs das ganze Bild. Dazu fehlt jede Menge.

Denn obwohl eine (Mit-)Täterschaft Libyens (und seiner Geheimdienst-Agenten) am Anschlag auf Pan Am 103 nicht ausgeschlossen werden kann und durchaus möglich ist, so gab und gibt es Spuren, die in den Iran, genauer gesagt die seit 1979 bestehende Islamische Republik Iran, nach Syrien und in die palästinensischen Gebiete des Nahen Ostens führten. Besonders stark wogen die Indizien gegen den Iran. Die Netflix-Serie thematisiert diese Fakten allerdings zum größten Teil überhaupt nicht, nicht einmal im Nachspann. Lediglich einige wenige zaghafte Ansätze dazu gibt es. Sie wirken auf mich wie eine lästige "Pflichtübung" der Macher, nach dem Motto: Punkt abgehakt, nächste Szene.

Juristisch betrachtet muss sie auch nicht alles abbilden (es ist eine Serie, keine Dokumentation oder wissenschaftliche Arbeit), doch diese einseitige Darstellung entspricht einerseits eben nicht den bekannten Tatsachen und andererseits ist sie ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen der 270 Todesopfer, die nach mittlerweile fast 40 Jahren der Ungewissheit endlich eine abschließende Antwort auf die Frage, wer für den Tod ihrer Lieben verantwortlich war, verdient hätten. Ein Einzeltäter - egal ob El-Megrahi oder sonst jemand - kann es jedenfalls absolut unmöglich gewesen sein, wie schon der UN-Prozessbeobachter vor über 20 Jahren ganz klar feststellte. Ein einzelner Täter hätte den unglaublichen logistischen Aufwand einer solchen Terroroperation nämlich niemals bewältigen können, auch zwei oder drei Täter wären zu wenig gewesen. Man hätte, so UN-Prozessbeobachter Köchler, mindestens "ein Dutzend" Beteiligte gebraucht. Gut möglich, dass es eine Art Terror-Kooperation zwischen dem Iran, Libyen, Syrien und den Palästinensern war. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der verurteilte El-Megrahi möglicherweise doch in irgendeiner Art und Weise daran beteiligt war. Doch für eine Verurteilung reichten die Beweise nach modernen rechtsstaatlichen Standards eben keineswegs aus - und das ist ein ganz gewichtiger Punkt. Denn in einem modernen rechtsstaatlichen Verfahren muss immer der Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten" gelten. Die Suppe bei der Verurteilung El-Megrahis war extrem dünn, viele Fragen offen. Oder um den UN-Prozessbeobachter, Universitätsprofessor Hans Köchler, zu zitieren: "Wenn dieses Urteil bei mir jemand als Seminararbeit eingereicht hätte, wäre es ein glattes Nicht genügend wegen Inkonsistenz des Arguments gewesen." Bumm. Das sitzt.

"Man hat offenbar einer Erwartungshaltung entsprochen. Die Entscheidung war auch unlogisch im Hinblick auf den Text der Anklage. Die beruhte ja auf zwei Libyern, die sich verschworen hätten. Im Urteil wurde einer schuldig gesprochen, der zweite freigesprochen. Das ergibt von der Logik des Arguments her keinen Sinn. Wenn dieses Urteil jemand bei mir als Seminararbeit eingereicht hätte, dann wäre das ein Nichtgenügend gewesen, wegen Inkonsistenz des ganzen Argumentes. Und einer der fünf Richter im Berufungsgericht hat ja die Malta-Theorie auch kritisiert. Wenn er das so lächerlich machte, dann hätte er das Urteil nicht mittragen dürfen."
UN-Prozessbeobachter Professor Hans Köchler zur Verurteilung El-Megrahis, zitiert aus einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse" vom 20. August 2008

Auch darauf weist die Netflix-Serie mit keinem Wort hin.

Dass Dr. Jim Swire (seine Tochter Flora wurde durch den Anschlag auf Pan Am 103 getötet) ebenfalls von der Unschuld El-Megrahis überzeugt war und zwischen den beiden Männern sogar eine Freundschaft entstand, verschweigt Netflix auch. Dr. Swire kommt gar nicht erst vor (oder nur so kurz und unbedeutend, dass ich es wohl übersehen haben muss), obwohl er einen wichtigen zur Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen im Nachgang der Katastrophe geleistet hatte. Dass Dr. Jim Swire seit Jahrzehnten auf die Spuren, die in den Iran führen, hinweist und die schottische Justiz auffordert, entsprechend tätig zu werden, erfährt man in der Netflix-Serie "The Bombing of Pan Am 103" ebenfalls nicht. Ebenso verschweigt Netflix, dass sich im Jahr 2003 sogar der südafrikanische Friedensnobelpreisträger und Präsident Nelson Mandela öffentlich dafür aussprach, den Fall neu zu untersuchen, da die Verurteilung El-Megrahis ein "eindeutiger Justizirrtum" gewesen sei. Mit keinem Wort erwähnt Netflix, dass der Hauptbelastungszeuge der Anklage, der maltesische Ladenbesitzer Tony Gauci und sein Bruder Paul, wohl mehrere Millionen US-Dollar "Belohnung" nach der Verurteilung El-Megrahis erhielten. Es gäbe noch viele weitere Beispiele für Dinge, die Netflix dem Zuseher einfach unterschlägt.

Wie gesagt, das US-Unternehmen Netflix übernimmt die für die USA und Großbritannien "komfortabel" Darstellung der Ereignisse. Rechtlich legitim, ethisch möge das jeder für sich selbst beurteilen. Aus den USA war zuvor wiederholt Kritik an der Arbeit von Dr. Jim Swire gekommen und so ist es kein Wunder, dass das US-Unternehmen Netflix die für die USA "unbequemen" Kritikpunkte von Swire nicht erwähnt. Ganz generell konnte ich bei meinen jahrelangen Recherchen feststellen, dass bei einem großen Teil (aber keineswegs bei allen!) der Hinterbliebenen in den USA die Tendenz überwiegt, den Fall als juristisch abgeschlossen zu betrachten (nach dem Motto: "Das Gericht hat sicher keinen Fehler gemacht"), während die britischen und anderen europäischen Opfer-Angehörigen durchaus kritischer sind und auf die vielen Ungereimtheiten und bis heute ungeklärten Fragen hinweisen - und von behördlicher Seite Antworten darauf fordern.

Müsste man die Netflix-Serie "The Bombing of Pan Am 103" nach dem Schulnotensystem bewerten, so wäre mein ganz persönliches Urteil im besten Fall ein "Genügend" und auch das nur, weil die ersten fünf Teile solide und gut produziert sind. Würde ich lediglich die sechste Folge bewerten, so wäre meine Einstufung ein glattes "Nicht genügend".

Für alle, die sich für diesen komplexen Fall interessieren, habe ich an dieser Stelle - neben meinem eigenen Buch - zwei Link-'Empfehlungen:

  1. The Lockerbie Case (Blog von Professor Robert Black, Schottland)
  2. Video-Dokumentation "The Maltese Double Cross" des amerikanischen Filmmachers Allan Francovich († 1997); die öffentliche Aufführung des Filmes wurde von Großbritannien und den USA massiv behindert, weshalb er keine weite Verbreitung fand; in den USA wurde er überhaupt noch nie öffentlich gezeigt

Somit kann sich jeder Leser sein eigenes Bild von dieser Causa machen und davon, wie er die Netflix-Serie "The Bombing of Pan Am 103 für sich persönlich einordnet. 

Text: Patrick Huber

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.