Reportagen

7. Jänner 1997: Die (fast vergessene) Entführung der AUA 104 nach Berlin Tegel

MD-87 der AUA, Symbolbild - Foto: Pedro Aragão via Wiki Commons CC BY-SA 3.0

Ende 2020 wurde der Flughafen Berlin-Tegel geschlossen. Anfang 1997 konnte die Entführung einer in Tegel gestarteten Maschine der Austrian Airlines nach kurzer Zeit unblutig beendet werden.

Am 8. November 2020 endete ein Stück deutsche Geschichte: Als um 15.39 Uhr ein Flugzeug der Air France vom Flughafen Berlin-Tegel nach Paris abhob, war dies der letzte Linienflug vor der Schließung des legendären Hauptstadt-Flughafens mit dem Kürzel TXL. 2019 waren am viertgrößten deutschen Airport hinter Frankfurt, München und Düsseldorf noch über 24 Millionen Fluggäste abgefertigt worden. Eine Formation von Helikoptern der deutschen Bundespolizei überflog die Air France-Maschine, während sie auf dem Rollfeld stand; Fahrzeuge von Einsatzorganisationen bildeten ein Spalier.

Knapp 24 Jahre zuvor erhielt ein anderer Flug, der von Berlin-Tegel startete, hohe mediale Aufmerksamkeit: Am 7. Jänner 1997 gelang es dem 39-jährigen Bosnier Salko Loncaric, bewaffnet mit einem Messer und zwei Holzknüppeln, an Bord des Austrian Airlines-Linienfluges OS 104 nach Wien zu kommen und die Maschine zu entführen. Schon während des Boardings der Maschine des Typs McDonnell Douglas (MD) 87 mit dem Namen „Bregenz“ war der angetrunkene und lärmende Mann anderen Fluggästen aufgefallen. Bei der Sicherheitskontrolle entdeckten die Kontrolleure mehrere Schlüsselbunde, verschiedene Autoschlüssel und kleine Steine, fanden aber weder Knüppel noch Messer. Das Messer hatte eine neun Zentimeter lange Klinge und hätte nach den damaligen Sicherheitsvorschriften grundsätzlich an Bord mitgenommen werden dürfen.

Die MD-87 war nur mit 28 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern besetzt und startete um 11.20 Uhr Richtung Wien. Salko Loncaric hatte einen Sitz in der 1. Klasse gebucht, bestellte Sekt und Weinbrand und fiel durch sein gesamtes Verhalten unangenehm auf. Als die Maschine gegen 12.20 Uhr Prag überflog, hatte sich Loncaric offensichtlich genügend Mut angetrunken. Er verließ seinen Sitz und war mit wenigen Schritten im Cockpit, dessen Türe offenstand: Durch Drohungen mit Messer und Knüppel wollte Loncaric den Piloten zur Änderung der Flugroute zwingen.

Cockpit einer MD-87 der AUA, Symbolbild - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Da sein ursprünglicher Plan, nach New York zu fliegen, mit diesem Maschinentyp unrealistisch gewesen wäre, nötigte der Entführer den Piloten, nach Berlin-Tegel zurückzukehren. Die Verständigung war schwierig; der Entführer verstand kaum Deutsch oder Englisch und sprach nur Serbokroatisch. Er schrie und schlug mit dem Holzknüppel auf die Wand und die Instrumente des Cockpits. Angesichts dieser Umstände meldete der Pilot dem Tower in Tegel die Entführung und ersuchte um Landeerlaubnis. Die Passagiere informierte er in einer englischen Durchsage vom Kidnapping, nachdem er zuerst auf Deutsch nur allgemein angekündigt hatte: „Wir haben ein Problem und kehren nach Berlin zurück.“ Als die Maschine um 12.48 Uhr wieder in Tegel aufsetzte, wurde das Flugzeug von den Sicherheitskräften in eine Lärmschutzhalle etwas abseits vom Hauptgebäude gelotst.

Zu den ersten Beamten am Tatort gehörte Polizeihauptkommissar Klaus-Dieter Müller. Er war stellvertretender Leiter des für den Flughafen zuständigen Polizeireviers, des „Abschnitts 14“, der Berliner Polizei und der Einsatzleiter. Er traf etwa zeitgleich mit der entführten Maschine in Tegel ein. Müller und weitere Kräfte der Flughafenwache nahmen Kontakt mit dem Flugzeugentführer auf. Zuerst sprachen sie mit Salko Loncaric durch eines der Fenster beim Piloten, aufgrund von Verständigungsschwierigkeiten öffnete der Täter die Bordtür neben dem Cockpit. Um besser verhandeln zu können, entschied sich Müller dazu, vom Landeskriminalamt einen Dolmetscher für Serbokroatisch anzufordern.

Polizeihauptmeister Burghard Schmidt vom Abschnitt 14 war mit einer Kollegin auf Streifenfahrt, als ihn der Funkspruch zur Abholung des Dolmetschers erreichte. „Wir haben ihn in den Funkwagen gesetzt und sind mit ihm über das Rollfeld bis zum Flugzeug gefahren“, erinnert sich Schmidt. Der Entführer stand in der vorderen Türe des Flugzeugs und gestikulierte heftig mit einem Gegenstand. „Er war sehr erregt und man hat keinen wirklichen Kontakt zu ihm bekommen. Sein Deutsch war einfach zu schlecht.“

Rasches Handeln
Das Sondereinsatzkommando (SEK) der Berliner Polizei war angefordert. Die primäre Aufgabe der Polizeikräfte am Flughafen sollte es sein, den Entführer bis zum Eintreffen des SEK zu beruhigen und zu beschäftigen, um eine Eskalation zu verhindern. Salko Loncaric wurde allerdings immer aufgebrachter und unberechenbarer. Während der Dolmetscher noch versuchte, mit dem Entführer Kontakt aufzunehmen, fällte Hauptkommissar Müller eine weitreichende Entscheidung. „Er hat gesagt, dass er ins Flugzeug hinein müsse, um Schlimmeres zu verhindern“, schildert Schmidt. „Ich wollte ihn dabei nicht alleine lassen und habe ihn begleitet.“ Da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass noch ein Komplize an Bord war, ließen die beiden Polizisten ihre Waffen im Fahrzeug.

Der Pilot der Austrian-Airlines-Maschine hatte beim Hineinrollen in den Hangar die Heckklappe des Flugzeugs geöffnet. Während der Entführer im vorderen Bereich durch die Verhandlungen beschäftigt war, kletterte Müller, gefolgt von Schmidt, über die Hecktreppe in den Innenraum der Maschine. Durch den Temperaturunterschied beschlugen sich Müllers Brillen, es dauerte kurz, bis er sich im Flugzeug orientieren konnte. „Eine Stewardess hat uns unterstützt. Da die Economy-Klasse von der 1. Klasse mit einem Vorhang getrennt war, konnten wir unbemerkt bis fast nach vorne kommen“, sagt Schmidt. Bei vielen Passagieren sei Nervosität und Unsicherheit erkennbar gewesen, rekapituliert er die damaligen Eindrücke. Das Schreien des Täters und seine Bewaffnung wirkten bedrohlich. Schließlich trennten die Polizisten und Loncaric nur noch wenige Meter. Klaus-Dieter Müller, der 2020 verstarb, hatte im Gerichtsverfahren zu Protokoll gegeben, keine Angst gehabt zu haben. Es sei alles „ganz rational“ abgelaufen. Als er den Entführer sah, habe er nur überlegt, wie er „die Sache schnell beenden kann.“ Als Loncaric kurz abgelenkt war, pirschten sich die Beamten hinter ihn und Müller gab ihm einen Stoß. Loncaric stürzte durch die geöffnete Tür auf das Rollfeld, blieb dort leicht verletzt liegen und wurde sofort von den Polizisten des Abschnitts 14 festgenommen

Der Flughafen Berlin Tegel, Symbolbild - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Geglückter Einsatz
Rund 30 Minuten nach der Landung der Maschine war die Entführung beendet. Passagiere und Crew wurden ärztlich untersucht und traten nach einer kurzen Pause mit einem Ersatzflug die Rückreise nach Wien an. „Das war sicher der spektakulärste Tag meiner Polizeikarriere“, betont Burghard Schmidt. Seit 2018 ist er im Ruhestand; 1991, kurz nach der Schaffung der Gesamtberliner Polizei, war der ehemalige DDR-Volkspolizist nach Tegel gekommen. Seine gesamte Dienstzeit arbeitete er im für den Flughafen zuständigen Polizeiabschnitt.

Die Entführung wurde polizeiintern analysiert, Einsatzpläne wurden überarbeitet und Telekommunikationswege angepasst. Gegenüber kritischen Stimmen aus den eigenen Reihen argumentierte Hauptkommissar Müller als Einsatzleiter damals, dass das SEK des Landeskriminalamts noch nicht vor Ort war und daher sein Polizeiabschnitt verantwortlich gewesen sei. Die Umstände hätten aus seiner Sicht eine sofortige Intervention erforderlich gemacht. Kurzfristig sei zwar über eine Anklage der Beamten wegen „Körperverletzung im Amt“ diskutiert worden. „Da blieb aber nichts übrig“, sagt Burghard Schmidt.

Die beiden mutigen Polizisten wurden ausgezeichnet. Die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Reinickendorf, Marlies Wanjura, dankte Hauptkommissar Klaus-Dieter Müller und Hauptmeister Burghard Schmidt im Februar 1997 für ihren Einsatz; für ihre besonderen Leistungen bekamen sie eine Ehrenmedaille des Stadtbezirks, in dem der Flughafen lag. Im Oktober 1998 wurden die Beamten von der Republik Österreich ausgezeichnet. Schließlich handelte es sich bei der Austrian Airlines-Maschine um österreichisches „Hoheitsgebiet“. Gesandter Dr. Herbert Kraus von der österreichischen Vertretungsbehörde in Berlin überreichte Klaus-Dieter Müller das „Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich“, Burghard Schmidt das „Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich“. „Diese Wertschätzung war für uns eine große Ehre“, betont Burghard Schmidt.

Beim Gerichtsverfahren im Juli 1997 wurde Salko Loncarics Motiv rekonstruiert: Er hatte in Deutschland Asyl beantragt, musste aber mit einer Abschiebung rechnen. Seine Rückführung nach Bosnien wäre für den 15. Jänner 1997 vorgesehen gewesen. Mit der Flugzeugentführung wollte er eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung erpressen. Das gekaperte Flugzeug hätte an Bosnien übergeben werden sollen, um „eine direkte Verbindung zwischen Berlin und Sarajewo“ herzustellen. Vor Gericht erklärte der Täter, sein „Psycho-Motor sei durcheinander gewesen.“ Loncaric wurde für zurechnungsfähig erklärt und zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Im Dezember 1997 erhängte er sich in der Justizvollzugsanstalt Tegel.

Text: Gregor Wenda
(Dieser Beitrag ist Teil einer Reportage, die zunächst in „Öffentlichen Sicherheit 3-4/2021" erschien. Austrian Wings dankt dem Autor für die Genehmigung zur Veröffentlichung.)