Punktlandung

Bitte warten … aus der Sicht Ihres Piloten

Symbolbild Flugkapitän - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Derzeit erleben wir eine ganz spezielle Zeit in der Fliegerei in Europa. Es herrscht so etwas wie Aufbruchstimmung nach Corona. Allerdings ist diese gedämpft durch die Probleme, die wir derzeit systembedingt in Europa haben. Ein persönlicher Bericht aus der Sicht eines langjährigen A320-Kapitäns einer europäischen Qualitätsairline zur Thematik.

Ich rolle in London pünktlich zu meiner Parkposition. Ein Einwinker weist mir die richtige Position. Ich setzte die Parkbremse und dann passiert … nichts! Der Einweiser läuft davon. Und es passiert weiter nichts! Ich erkläre meinen Gästen über die Bordlautsprecher, dass sie nicht aussteigen können, weil gerade – was soll ich denn sagen – einfach nichts passiert. Ich weiß es meist selbst nicht und ich kann es nicht ändern. Ein Bild unserer derzeitigen Situation in der Europäischen Luftfahrt.

Nach 10 Minuten kommt derselbe Einweiser die Fluggastbrücke heruntergelaufen und fährt die Brücke an unser Flugzeug. Die Gäste können aussteigen. Der Mann betritt mein Cockpit und entschuldigt sich. Er sei alleine, er habe keine Ahnung, wann das Personal eintrifft, das unseren Flieger reinigt, belädt und betankt. Die Stiege zu unserer Fluggastbrücke sei seit Tagen kaputt und es ist niemand da, der sie repariert. Er musste zum nächsten Flugsteig laufen, um letztlich zu uns zu gelangen. Am liebsten würde ich ihn anschreien, aber eigentlich tut er mir leid. Er kann wirklich nichts dafür. Mehr noch: Jene Menschen, die unser Flugzeug reinigen, betanken und beladen, müssen derzeit enorm viel leisten. Sie müssen all jene Arbeit verrichten, für die einfach zu wenig Personal da ist. Jedem von ihnen gilt mein höchster Respekt und meine Anerkennung. Sie halten das System noch irgendwie aufrecht.

So warten wir auf die Leute, die unseren Flieger abfertigen. Wir versäumen unsere vorgegebene Startzeit, den sogenannten Slot. Dann warten wir auf unsere Passagiere und versäumen auch unseren nächsten Slot. Dann warten wir auf unseren übernächsten Slot. Ich stelle mich in die Kabine und versuche, es unseren Gästen zu erklären: Sie mögen ihr Handy zücken und auf Google „Eurocontrol“ und „Public“ eingeben. Damit kommen sie auf die Seite der Europäischen Flugsicherungsbehörde, dem Network Operational Portal. Dort – für alle einsehbar – befindet sich eine „Staukarte“ von Europa. Vereinfacht gesagt: Der Luftraum über Europa ist dicht. Und ich stecke tagtäglich mittendrin fest.

Die Europäische Süd-Ost-Tangente der Luftfahrt zieht sich von England über Nord Frankreich Deutschland, Österreich und dem Balkan nach Griechenland. Durch die Sperre des Luftraums über Russland und der Ukraine drängt immer mehr Verkehr Richtung Westen auf die Süd-Ost – als wäre die S1 gesperrt und noch mehr Verkehr drängt sich auf die A23. Wenn dann noch Gewitterfronten, Streiks oder militärische Luftraumsperren dazu kommen, bricht das System zusammen. Unsere Flugzeuge können nicht in der Luft stehenbleiben. Daher rechnet sich ein großer Computer in Brüssel für jeden Flug eine Startzeit aus – einen Slot, damit es in der Luft nicht zu eng wird. Wenn ich jetzt endlich den Flieger betankt, das Flugzeug gereinigt, alle Passagiere an Bord, das Gepäck verladen, das Handgepäck verstaut und ich den Beladeplan in Händen habe – ja dann muss ich nur noch warten, dass ein Platz auf den Luftstraßen für mich frei ist. Wenn ich heimkomme, wird die Hälfte meiner Passagiere ihren Anschlussflug versäumt haben und meine Kinder werden schon lange schlafen.

Aber ich versuche, nicht zu resignieren. Gestern wartete ich zwei Stunden in Amsterdam, am Tag davor eine Stunde in Paris. Am verspäteten Weiterflug nach Zürich beschimpft mich ein Business Passagier: „Immer am Freitag fliegt meine Fluglinie zu spät!" Er habe für einen pünktlichen Flug bezahlt und wir erzählen stets nur faule Ausreden. Ich versuche zu erklären, obwohl mir eher nach Weinen zumute ist. Ich fühle mich meinen Passagieren gegenüber verpflichtet. Ich will sie pünktlich, aber vor allem sicher an ihr Ziel bringen. Die Sicherheit steht über allem. Aber bei der Pünktlichkeit habe ich einfach keinen Einfluss mehr. Ich kann schreien, weinen, brüllen und im Kreis hüpfen (sofern das der Platz im Cockpit zulässt) – aber ich werde keine Startfreigabe bekommen. Also müssen meine Passagiere, meine Crew und ich warten.

Die Ursachen sind inzwischen wohl hinreichend bekannt: Wegen der Pandemie wurde Personal eingespart und nun kann es nicht rechtzeitig eingestellt bzw. eingeschult werden. Wien ist dabei auf Grund der Kurzarbeit noch relativ gut aufgestellt, aber das hilft uns nur zum Teil. Jeder zweite Abflug findet nicht in Wien statt. So warten wir und bringen die Verspätung heim nach Wien, wo schon die nächsten Gäste warten.

Und jeden Tag stehe ich wieder in der Kabine und entschuldige mich. Ich entschuldige mich und weiß eigentlich nicht recht wofür. Ich entschuldige mich für eine verspätete Abfertigung, für einen überfüllten Luftraum, für fehlendes Personal. Der wahre Grund für meine Entschuldigung ist aber die Sorge um meine Kabinenbesatzung und unser Bodenpersonal. Denn diese bekommen den meisten Ärger ab und sie können am wenigsten dafür. Die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter sind es, die tagtäglich versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Und auch sie wollen eigentlich gerne pünktlich heim zu ihren Familien und Freunden. Stattdessen bekommen sie den Unmut der Passagiere zu hören.

In den letzten Jahren wurde die Europäische Luftfahrt coronabedingt zu Tode gespart. Das Ergebnis erleben wir jetzt. Es fehlt überall an den nötigen Ressourcen – sei es bei den Fluglotsen, dem Bodenpersonal, dem Sicherheitspersonal oder den Ladern, aber natürlich auch beim fliegenden Personal in vielen Unternehmen. Jene, die noch da sind, leisten tolle Arbeit und ernten dafür oft nur Unmut über die entstandenen Verspätungen. Das ist frustrierend. Es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bis die nötigen Personalressourcen wieder aufgebaut sind. Bis dahin bitte ich um etwas Nachsicht und entschuldige mich präventiv für alle Unzulänglichkeiten! Wir geben jeden Tag unser Bestes – das ist mein Versprechen!

Der Autor ist seit einem Vierteljahrhundert als Berufspilot tätig. Aktuell fliegt er als Kapitän und Fluglehrer bei einer großen europäischen Airline auf der A320-Familie. Da er ohne Freigabe der Pressestelle seines Unternehmens diesen Text nicht namentlich zeichnen darf, veröffentlichen wir ihn mit Genehmigung des Autors ohne Autorenangabe. Der Name des Autors und sein Arbeitgeber sind der Redaktion jedoch bekannt.

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.