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Potentiell gefährlich? Ryanair-Flug nach Wien startete augenscheinlich mit Eis auf Tragfläche

Ohne zu Enteisen führte die Besatzung des Ryanair-Fluges FR 1662 am 15. November den Flug von Danzig nach Wien durch - Foto: ZVG

Eis und Schnee auf den Tragflächen eines Flugzeuges können den Auftrieb empfindlich stören. Vereisung war deshalb schon für zahlreiche tödliche Abstürze verantwortlich. Als besonders kritisch gilt laut Piloten das Tragflächenprofil der Boeing 737, des meistverkauften Verkehrsflugzeugs der Welt. Deshalb gibt es ausgesprochen strenge Richtlinien für die Pflicht zur Enteisung, nach denen sich der Pilot richten muss. Schließlich gilt in der Luftfahrt grundsätzlich: "Safety first!" Am 15. November dieses Jahres startete der Pilot eines Ryanair-Fluges vom pommerschen Danzig (Polen) zu einem Flug nach Wien mit mindestens einer augenscheinlich durch Eis kontaminierten Tragfläche seiner Boeing 737. Eine Meldung über diesen Zwischenfall liegt der Austro Control bereits vor. Das Prozedere sieht nun vor, dass die Austro Control den Bericht an die polnischen Behörden weiterleitet. Ryanair antwortete erst nach vier Werktagen auf eine Austrian Wings Anfrage und bestätigte, dass das Flugzeug nicht enteist wurde. Allerdings habe laut Ryanair keine Notwendigkeit dafür bestanden. Die Sicherheit sei nie in Gefahr gewesen und stehe bei Ryanair stets an erster Stelle, wird betont.

Am 15. November dieses Jahres führte die in Ryanair-Farben bemalte Boeing 737-800, SP-RSV den Flug mit der Ryanair Flugnummer FR 1662 vom polnischen Danzig nach Wien Schwechat durch. Betrieben wird die knapp sechs Jahre alte Boeing 737-800 de jure von der polnischen Ryanair-Tochter "Buzz". Werden die Arbeitsbedingungen und der Druck auf das Personal schon bei der Muttergesellschaft Ryanair seit Jahren immer wieder kritisiert und mitunter auch als Sicherheitsrisiko dargestellt, so schneidet die polnische Ryanair-Tochter "Buzz" im "Social Rating" der europäischen Fluglinien besonders schlecht ab.

Tragfläche laut Experten kontaminiert, deshalb  Enteisung zwingend erforderlich
Jedenfalls boardeten die Passagiere an jenem Abend des 15. November die kurz zuvor aus dem britischen Leeds angekommene Boeing 737 in Danzig. Zumindest auf der linken Tragfläche, so ist es durch Fotoaufnahmen eindeutig belegt, befand sich zu diesem Zeitpunkt eine laut Piloten deutlich erkennbare Eisschicht, die sogar Teile der Vorflügel und der Steuerflächen bedeckte. Die Annahme, dass sich auch die rechte Tragfläche in einem ähnlichen Zustand befand, wenngleich diesbezüglich unserer Redaktion keine Fotodokumentation vorliegt, ist damit zumindest nicht ganz abwegig. Dass es sich bei der Kontamination um Eis oder Schnee gehandelt habe, wurde Austrian Wings schriftlich von mehreren Verkehrsflugzeugführern auf Anfrage und wiederholte Nachfrage bestätigt. Schnee erscheint allerdings aufgrund des Umstandes, dass es zum Zeitpunkt der Aufnahme keinen Niederschlag in Danzig gab, eher unwahrscheinlich.

Der Zustand der linken Tragfläche machte, so wurde es "Austrian Wings" unabhängig von fünf verschiedenen Verkehrspiloten bestätigt, jedenfalls eine Enteisung vor dem Start zwingend notwendig. Doch das geschah nicht, wie ein Fluggast gegenüber unserer Redaktion schildert.

"Wir rollten von der Parkposition los und ich dachte natürlich, dass es jetzt zur Enteisungsposition gehen würde, achtete aber nicht weiter darauf. Doch als ich das nächste Mal aus dem Fenster in die Dunkelheit blickte, bogen wir schon auf die Startbahn ein und die Triebwerke heulten auf. Es war ein unbehagliches Gefühl, ich habe mich nicht mehr sicher gefühlt und gehofft, dass wir nicht abstürzen."
Ein Passagier gegenüber "Austrian Wings"

Während des Startlaufs habe es zudem noch einen lauten dumpfen Knall gegeben, der sogar die Flugbegleiter ängstlich dreinschauen ließ, so ein Zeuge aus dem vorderen Bereich der Passagierkabine. Die Ursache des Knalls konnte nicht mit Sicherheit eruiert werden. Eine Möglichkeit wäre jedoch, dass sich allfällig vorhandenes Eis von einer Stelle der Maschine gelöst und eine andere getroffen hat. Der weitere Flug nach Wien und die Landung in Schwechat verliefen den uns vorliegenden Informationen zufolge ereignislos.

Kapitän soll Passagier angeschrien haben
Nachdem die Maschine ihre Parkposition erreicht hatte und die Triebwerke abgestellt waren, bestand mindestens ein Passagier darauf, den Kapitän zu sprechen und teilte dies einem Mitglied des Kabinenpersonals mit. Als die Flugbegleiterin die Cockpittüre öffnen wollte, sei sie vom Kapitän lautstark daran gehindert worden. Der Pilot kam dann etwas später heraus und sprach auf Englisch mit dem Passagier. Ryanair bestreitet das, mehr dazu weiter unten.

"Als ich den Kapitän auf die kontaminierte Tragfläche ansprach und wissen wollte, warum er nicht enteist hatte, wurde der Mann laut, schrie mich an und warf mich mit den Worten: "This is my aircraft!" regelrecht aus dem Flugzeug."
Ein Passagier gegenüber "Austrian Wings"

In einem Telefonat mit "Austrian Wings" bestätigte der Passagier alle gemachten Angaben und seine Erlebnisse noch einmal explizit.

Piloten kritisieren Verhalten des Ryanair-Kollegen
Unsere Redaktion legte das Foto der nach Pilotenansicht kontaminierten linken Tragfläche im Zuge der Recherchen zu diesem Bericht fünf unterschiedlichen Verkehrspiloten in Österreich und Deutschland mit der Bitte um eine Beurteilung vor. Alle konsultierten Berufsluftfahrzeugführer verfügen über umfangreiche Flugerfahrung und sind auch auf Boeing-Flugzeugen geflogen. Das Urteil war einhellig. Alle waren nach Ansicht des Fotos der Auffassung, dass die Maschine ohne Enteisung keinesfalls hätte starten dürfen.

"Prinzipiell verfolgt man ein Clean Wing Konzept, welches keinerlei Vereisungen auf der Oberseite der Tragfläche erlaubt. Es gibt im engen Rahmen zwar einige wenige Ausnahmen, doch dieses Flugzeug hätte auf jeden Fall enteist werden müssen, ein Start war meiner Einschätzung nach in diesem Zustand nicht zulässig."
Ein Pilot gegenüber "Austrian Wings"

"Da hat der Kollege aber ganz schön Bockmist gebaut. Gerade die B737 ist ziemlich kritisch was Icing betrifft."
Ein weiterer Pilot gegenüber "Austrian Wings"

"So wie ich dieses Bild beurteile war ein Start ohne Enteisung ein absolutes NO GO! Ich erkenne darin eine potentielle Gefährdung von Mensch und Flugzeug."
Ein pensionierter Verkehrsflugzeugführer und Ausbilder gegenüber "Austrian Wings"

Viele offene Fragen
Der Umstand, dass der Pilot auf eine Enteisung, die laut mehrfacher Expertenmeinung erforderlich gewesen wäre, verzichtet hat, wirft gleich mehrere Fragen auf - auch zur Sicherheitskultur bei Ryanair. Denn jeder Pilot ist vor dem Flug verpflichtet, einen "Outside-Check" durchzuführen und dabei (vor allem bei winterlichen Wetterbedingungen) auch den Zustand der Tragflächen besonders penibel zu überprüfen. Dabei muss dem Kapitän eigentlich aufgefallen sein, dass mindestens die linke Tragfläche augenscheinlich, wie auf dem Foto ersichtlich, kontaminiert war. Es ist unklar, weshalb sich der Kommandant trotzdem gegen eine Enteisung entschieden hat. Es ist auch nicht klar, ob er sich diesbezüglich, wie in einem professionellen Arbeitsumfeld eigentlich üblich, mit seinem First Officer besprochen hat und warum dieser gegebenenfalls nicht auf eine Enteisung bestanden hat.

Austrian Wings bat Ryanair über seine für Österreich und Deutschland zuständige Medienagentur deshalb um eine Stellungnahme und übermittelte unter anderem folgenden Fragenkatalog:

  • ist Ryanair der geschilderte Zwischenfall vom 15. November dieses Jahres betreffend Flug FR 1662 bereits bekannt?
  • Falls ja, welche Konsequenzen gab es für die Piloten respektive den verantwortlichen Kommandanten?
  • Falls der Vorfall noch nicht bekannt war, welche Maßnahmen wird Ryanair jetzt gegen die Piloten respektive den verantwortlichen Kommandanten einleiten?
  • Ist Ryanair bzw. sind den Ryanair-Piloten die jeweils geltenden Vorschriften in Bezug auf Enteisung (speziell für das betriebene Muster Boeing 737) bekannt?
  • Bitte um ein Statement zu dem Umstand, dass ein Ryanair-Kommandant eine offenbar notwendige Enteisung nicht durchgeführt hat
  • Der Fall wirft auch Fragen nach der generellen Sicherheitskultur von Ryanair auf, nämlich wieso der F/O im konkreten Fall nicht gegen den Willen seines Kommandanten auf eine Enteisung bestanden hat. Ganz konkrete Frage: Weshalb ist der F/O nicht eingeschritten?
  • Wird dieser Vorfall für den F/O Konsequenzen haben, falls ja, welche?

Die Bitte um eine Stellungnahme wurde der Medienagentur am 29. November übermittelt und darauf hingewiesen, dass die Veröffentlichung dieses Beitrags am Nachmittag des 2. Dezember erfolgt. Somit hatte Ryanair fast vier Tage Zeit für eine Antwort. Am Morgen des 2. Dezember erfolgte eine weitere Urgenz mit Hinweis auf den Veröffentlichungstermin. Doch obwohl die Medienagentur den Eingang unserer Anfrage bestätigt hat, hüllt sich Ryanair bis zum Redaktionsschluss in Schweigen.

Ryanair sieht Enteisung als nicht notwendig an: "Sicherheit hat oberste Priorität"
Erst am Abend des 2. Dezember (Werktag Nummer 4 nach unserer Anfrage) traf gegen 18 Uhr, sechs Stunden nach der Deadline (obwohl Ryanair die Deadline bekannt und die Deadline seitens der deutschen Agentur von Ryanair bestätigt worden war), das Statement von Ryanair ein. Darin wies die Fluglinie eine Kontamination der Tragflächen ihres Flugzeuges zurück und betonte, dass Sicherheit stets an oberster Stelle stehe. Es seien alle sicherheitsrelevanten Maßnahmen beachtet worden, zudem verwies die Airline darauf, dass es in ihrer 37-jährigen Geschichte noch nie einen Absturz gegeben habe. Es sei im konkreten Fall nicht enteist worden, weil dies nicht erforderlich gewesen sei. Das von einem an Bord befindlichen Passagier schriftlich und mündlich gegenüber Austrian Wings wiederholt geschilderte Verhalten des Kapitäns, wonach der Pilot den Passagier mit den Worten "This is my aircraft" verwiesen habe, bezeichnete Ryanair in dem aggressiv gehaltenen Schreiben als "Fiktion" bzw. "Erfindung". Außerdem behauptet Ryanair, es sei für einen Passagier überhaupt nicht möglich gewesen, mit den Piloten Kontakt aufzunehmen. Wörtlich: "Ryanair operates a locked cockpit door policy and accordingly there is no opportunity for any passenger at any time to interact with the flight crew." Damit unterstellt der irische Billigflieger einem Zeugen, der sich selbst an Bord befand, mehr oder weniger direkt, zu lügen. Die Aussagen der von Austrian Wings konsultierten Berufsluftfahrzeugführer bezeichnete Ryanair ebenfalls wörtlich als "verleumderisch" und berief sich darauf, dass die Boeing 737 mit so genanntem Cold Soak Fuel Frost auf der Tragflächenoberseite starten dürfe.

Austrian Wings leitete das Statement von Ryanair an die bereits zuvor konsultierten Verkehrsflugzeugführer mit der Bitte um (erneute) Einschätzung und Beurteilung weiter. Sämtliche von Austrian Wings konsultierten Berufspiloten hielten ihre uns bereits zuvor gegenüber gemachten Aussagen vollinhaltlich aufrecht, auch nachdem sie den Standpunkt von Ryanair kannten.

Liste mit Unfällen wegen Vereisung ist lang
Dass Schnee und Eis eine ernste Bedrohung für die Luftfahrt sind, die man keinesfalls unterschätzen darf, beweist ein Blick in die Unfallstatistiken. Nicht nur unzählige Kleinflugzeuge und ihre Insassen sind dem "Vereisungs-Tod" zum Opfer gefallen, sondern auch etliche große Verkehrsmaschinen.

Ein (bei weitem unvollständiger) Auszug von Unfällen mit Verkehrsflugzeugen, die auf Vereisung zurückzuführen waren aus der jüngeren Vergangenheit:

  • Am 13. Januar 1982 stürzte eine Boeing 737 (jener Typ, den auch Ryanair in einer moderneren Version betreibt) der Air Florida kurz nach dem Start in Washington in den Potomac - 78 Menschen starben
  • Am 12. Dezember 1985 stürzte eine DC-8 der Arrow Air kurz nach dem Start in Gander ab - 256 Menschen verloren ihr Leben
  • Am 15. November 1987 stürzte eine DC-9-14 der Continental Airlines beim Start vom Stapleton International Airport in Denver ab - 28 Tote
  • Am 10. März 1989 stürzte eine Fokker 28 der Air Ontario kurz nach dem Start vom Dryden Regional Airport (Kanada) ab - 24 Menschen starben
  • Am 27. Dezember 1991 verunglückte eine MD-81 der SAS kurz nach dem Start in Stockholm. Eis, das sich von den Tragflächen löste, geriet in die Triebwerke und führte dazu, dass beide Turbinen an Leistung verloren. Den Piloten gelang eine Notlandung im Segelflug. Es gab zwar einige zum Teil schwerverletzte Insassen, doch alle Passagiere und Besatzungsmitglieder überlebten. Der Unfall ging als das "Wunder von Stockholm" in die Luftfahrtgeschichte ein.
  • Am 22. März 1992 stürzte eine Fokker 28 der US Airways unmittelbar nach dem Start vom New Yorker Flughafen La Guardia ab - 27 Menschen verloren ihr Leben
  • Am 21. November 2004 verunglückte ein CRJ der China Eastern Airlines beim Start in Baotou Erliban Airport (Mongolei) - 53 Todesopfer
  • Am 2. April 2012 stürzte eine ATR72 der russischen Fluggesellschaft UTAir nach dem Start vom Flughafen Tjumen (Russland) ab - 33 Tote

Luftfahrtbehörde liegt Meldung über Verhalten des Ryanair-Piloten vor
Wie "Austrian Wings" im Zuge der Recherchen erfuhr wurde betreffend das Verhalten des verantwortlichen Ryanair-Piloten bei der Austro Control bereits Meldung erstattet. Die übliche Vorgehensweise in so einem Fall ist, dass die Austro Control die Meldung an die polnische Luftaufsichtsbehörde weiterleitet, da es sich um ein ein Polen registriertes Flugzeug handelt und der Abflug auch von einem polnischen Flughafen erfolgte.

(red)