Österreich

Auch AUA verkauft nun Plätze in Notausstiegsreihen gegen Aufpreis

Letzte Aktualisierung: 21. Dezember 2010 / 23:01 Uhr

 

Neben anderen Airlines wie Air France, SunExpress, Air Berlin oder Niki, beginnt nun auch Austrian, Plätze bei den Notausstiegen gegen Aufpreis zu verkaufen; Fachleute beurteilen diese Praxis skeptisch - Foto: Austrian Wings Media Crew

70 Euro für einen Sitzplatz in der Notausstiegsreihe
Einfach beim Web Check-in mitbuchen

Kritik von Fachleuten an dieser immer weiter verbreiteten Praxis

 

Passagiere können ab sofort auf Austrian Airlines Langstreckenflügen mehr Beinfreiheit in der Economy Class kaufen. Beim Web Check-in ab 23 Stunden vor Abflug können sich Kunden die begehrten Plätze in der Notausstiegsreihe um 70 Euro pro Sitzplatz sichern. Voraussetzung ist, dass der Passagier den Richtlinien zur Vergabe von Sitzen in der Notausgangsreihe entspricht.

Aus Sicherheitsgründen würden diese Plätze nur an "Reisende, die mindestens 15 Jahre alt sind, uneingeschränkt körperlich mobil sind, nicht mit Babys unter zwei Jahren und ohne Tiere in der Kabine reisen", vergeben, teilte die AUA in einer Presseaussendung mit.

Experten, Flugbegleiter und Piloten sehen den zunehmenden gezielten Verkauf von Plätzen in den Notausstiegsreihen dennoch skeptisch.

Gerade in Zeiten, in denen der Passagier über das Internet bucht, über das Internet eincheckt und sich anschließend direkt zum Gate begibt, ohne nochmals von einem Airlinemitarbeiter darauf überprüft zu werden, ob er im Notfall auch tatsächlich geeignet ist, beim Notausstieg zu sitzen, könnte dies im Ernstfall zu Problemen führen.

Es sind der Austrian Wings Redaktion mehrere Fälle bekannt, in denen komplett ungeeignete Personen auf diesen Sitzen gereist sind.

Besonders Touristen und Wenigflieger sind sich der enormen Verantwortung, die sie auf einem solchen Sitzplatz tragen, nämlich oft gar nicht bewusst.

Der internationale Luftfahrtjournalist, Flugsicherheitsexperte und Pilot Tim van Beveren zeigte sich "geschockt" ob dieser "verqueren Marketingstrategie".

Das sich eine "renommierte Airline wie die AUA mit einer langjährigen und gewachsenen Sicherheitskultur" auf so etwas einlasse und "den am Notausgang vorgeschriebenen, größeren Sitzabstand so noch in bare Münze verwandeln" wolle, verwundert ihn sehr.

Im ungünstigsten Fall, so Beveren gegenüber Austrian Wings, blieben gerade bei den Overwing Exits "nur sieben bis zehn Sekunden Zeit", um diese zu öffnen. Dies habe die US-Luftaufsichtsbehörde FAA "schon vor Jahren in zahlreichen Tests unter Beweis gestellt".

Sein Fazit:

"Man kann nur hoffen, dass die Aufsichtsbehörden diesen Umtrieben schnellstmöglich ein Ende setzen, bevor etwas passiert."

Der Luftfahrtexperte Tim van Beveren zur Praxis der Vergabe von Notausstiegsplätzen gegen Bezahlung

Auch das Personal selbst zeigt sich angesichts dieser neuen Marketingstrategie wenig begeistert und hat ernste Bedenken. Eine Flugbegleiterin, die ungenannt bleiben möchte, sagte im Gespräch mit Austrian Wings:

"Wie soll beispielsweise eine schwangere Frau - und nicht immer ist das erkennbar - oder eine ältere Person mit künstlichen Hüftgelenken oder einem erst kürzlich ausgeheilten Knochenbruch eine bis zu 30 Kilogramm schwere Notausstiegstüre öffnen und dann noch anderen Personen bei der Evakuierung helfen können? Deshalb ist es enorm wichtig, dass geschulte Mitarbeiter des Bodenpersonals sich einen persönlichen Eindruck über die Eignung des Passagiers, an einem solchen Platz zu sitzen, verschaffen. Alles andere geht meiner Meinung nach auf Kosten der Sicherheit, denn viele Passagiere verheimlichen auch ganz bewusst Einschränkungen oder Probleme, nur um zu diesen komfortableren Sitzplätzen zu kommen. Hier ist es besonders wichtig, dass die Mitarbeiter am Check in das bereits verhindern, denn auf die Ehrlichkeit vieler Passagiere können wir hier leider nicht bauen."

Deutliche Worte zum Thema Flugsicherheit

Austrian Wings-Redakteur Gerald Aigner bestätigt aus eigener Erfahrung:

"Selbst körperlich gesunde Menschen mit guter Fitness werden überrascht sein, welches Gewicht eine solche Notausstiegstüre hat. Kommt im tatsächlichen Evakuierungsfall dann auch noch die Aufregung hinzu, kann man definitiv nicht mehr von einer Situation sprechen, die man 'ganz nebenbei' bewältigt. Als Passagier, aber umso mehr als Airline, sollte man sich bewusst sein, dass die 'Exit Row' keine bloße Extra-Komfortreihe ist, sondern im Fall des Falles den dort sitzenden Fluggästen ein hohes Maß an Verantwortung zukommt." Aigner wurde auf speziellen Seminaren eingehend darauf geschult, wie im Notfall an Bord eines Flugzeuges zu handeln ist, und erinnert sich: "Wenn man selbst in der Übungssituation plötzlich völlig überrascht ist, dass das Öffnen eines solchen Notausstieges eines weitaus höheren Kraftaufwandes bedarf als vielleicht vorher angenommen, beginnt man, umzudenken."

Pimp your Economy Class Ticket

Austrian Airlines haben in den vergangenen Monaten verschiedene zusätzliche Services vorgestellt, die ihren Economy Class Passagieren das Reisen angenehmer machen. So können Fluggäste mit einem Economy Class Ticket vor Abflug in Wien um 35 Euro pro Person einen Lounge Zutritt kaufen und ein umfangreiches Speisen- und Getränkeangebot von DO&CO, kostenlose W-LAN-Verbindung, Internetzugang, nationale und internationale Zeitungen und Fernsehen genießen. Economy Reisende haben außerdem die Möglichkeit, beim Einchecken im Web kurzfristig ein Upgrade für die Business Class zu kaufen.

Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren:

Letzter Ausweg Notausstieg? - Ein Interview mit Tim van Beveren (23. Dezember 2010)

(red / Austrian Airlines)