Punktlandung

"Mit Sicherheit bedenklich?" Exit Row "Komfort-Aufpreis" nun auch auf AUA-Mittelstrecke

Flugbegleiter, Piloten und Fachleute üben deutliche Kritik
AUA betont Eigenverantwortung der Passagiere

Vor etwas mehr als zwei Jahren bot die AUA erstmals in ihrer Geschichte Plätze bei den Notausstiegen gegen Aufpreis an. Bisher gab es diese Möglichkeit nur auf den Langstreckenjets vom Typ Boeing 767 und Boeing 777, wo die Notausstiege im Ernstfall eigentlich von Flugbegleitern bedient werden sollten, sofern diese dazu noch in der Lage sind. Doch schon damals löste dieses Praxis bei Flugbegleitern und Fachleuten heftige Kritik aus.

Der Journalist, Pilot und Buchautor Tim van Beveren etwa zeigte sich im Gespräch mit Austrian Wings "schockiert" ob dieser “verqueren Marketingstrategie”. Dies sei "ein enormer Schmarrn" und "nicht nur gefährlich, sondern absoluter Blödsinn" - lesen Sie dazu auch unser Interview zum Thema mit Herrn van Beveren.

Nun weitete die AUA dieses Angebot auf die Kurz- und Mittelstrecke, konkret auf die A319/A320/A321-Flotte aus.

Aufgrund des laut AUA "großen Erfolges" des als "redlegroom" bezeichneten Produkts "auf der Langstrecke und der steigenden Nachfrage unserer Fluggäste" nach reservierten Sitzen in der 'Exit Row' sei das Angebot "erweitert" worden, heißt es bei der AUA in einem internen Schreiben an die Mitarbeiter.

Dieses Service ist ab sofort um 40 Euro pro Strecke auf Flügen von Wien nach Amman, Astana, Bagdad, Baku, Erbil, Jerewan, Kairo, Tel Aviv und retour erhältlich.

Doch gerade auf den hier eingesetzten Flugzeugmustern A319/A320 kommen so genannte "Self-helping Exits" zum Einsatz, welche die Passagiere im Ernstfall nach Einweisung durch einen Flugbegleiter selbst bedienen müssen.

Fachmann über AUA "verwundert"

"Ich bin verwundert, dass sich eine renommierte Airline wie die AUA mit einer langjährigen und gewachsenen Sicherheitskultur auf so etwas einlässt und den am Notausgang vorgeschriebenen, größeren Sitzabstand so noch in bare Münze verwandeln" wolle, erklärte der Fachmann Tim van Beveren schon 2010 gegenüber Austrian Wings.

Entweder teilt man bei der AUA die Bedenken des Luftfahrtexperten nicht, oder die profitablen Zusatzeinnahmen wiegen für das Management die statistisch geringe Wahrscheinlichkeit eines Unfalls eben entsprechend auf. So oder so - allein das direkte aufpreispflichtige Anbieten von "Self-helping Exit-Sitzen" vermittelt nach Meinung zahlreicher Fachleute ein völlig falsches Bild solcher Sicherheitseinrichtungen.

Self-helping Exit - Foto: Austrian Wings Media Crew
Self-helping Exit - Foto: Austrian Wings Media Crew

Im ungünstigsten Fall, so Pilot Beveren, blieben beispielsweise gerade bei den Overwing Exits "nur sieben bis zehn Sekunden Zeit", um diese zu öffnen - wenn man eine statistisch relevante Überlebenschance haben möchte, sollte es zu einem dramatischen Szenario kommen. Dies habe die US-Luftaufsichtsbehörde FAA schon vor Jahren in zahlreichen Tests unter Beweis gestellt, erinnert der Experte.

Sein Fazit: "Man kann nur hoffen, dass die Aufsichtsbehörden diesen Umtrieben schnellstmöglich ein Ende setzen, bevor etwas passiert."

AUA: "Sicherheit hat oberste Priorität!"

Sprecherin Sandra Bijelic von der AUA erklärte, dass die Reisenden vor Buchung der Notausstiegsreihe entsprechende Erklärungen abgeben müssten: "Unsere Passagiere bestätigen im Web drei Mal, dass sie aufgrund ihrer geistigen beziehungsweise körperlichen Verfassung und des Alters, die Voraussetzung für einen Sitzplatz in der Exit Row erfüllen. Darüber hinaus überprüfen wir unsere Passagiere beim Check-in auf ihre Eignung, sollten diese online einchecken, dann beim Boarding. Sollten die erforderlichen Voraussetzungen nicht erfüllt sein, können wir auch trotz einer Buchung, den Platz im Nachhinein verweigern. Sicherheit hat bei Austrian Airlines oberste Priorität."

AUA-Personal skeptisch

Von Austrian Wings befragte Bodenpersonalmitarbeiter der AUA zeigten sich skeptisch, ob dieser Aussage der Pressestelle. Aufgrund von Personalmangel sei es mittlerweile üblich, selbst Gates mit vielen Passagieren alleine abzufertigen. "Da sehe ich den Passagier vielleicht 2 bis 3 Sekunden lang, da kann ich unmöglich seine Eignung für einen Platz in der Notausstiegsreihe einschätzen", erklärte ein Mitarbeiter. "Nehme ich mir mehr Zeit, halte ich die ganze Schlange auf und riskiere im schlimmsten Fall eine Verspätung des Fluges, die dann auf meine Kappe geht und sogar dienstrechtliche Konsequenzen für mich haben kann."

Auch Angehörige des fliegenden Personals der AUA zeigen sich angesichts dieser neuen Marketingstrategie wenig begeistert und haben ernste Bedenken. Eine Flugbegleiterin sagte im Gespräch mit Austrian Wings:

"Wie soll beispielsweise eine schwangere Frau - und nicht immer ist das erkennbar - oder eine ältere Person mit künstlichen Hüftgelenken oder einem erst kürzlich ausgeheilten Knochenbruch eine bis zu 30 Kilogramm schwere Notausstiegstüre öffnen und dann noch anderen Personen bei der Evakuierung helfen können? Deshalb ist es enorm wichtig, dass geschulte Mitarbeiter des Bodenpersonals sich einen persönlichen Eindruck über die Eignung des Passagiers, an einem solchen Platz zu sitzen, verschaffen. Alles andere geht meiner Meinung nach auf Kosten der Sicherheit, denn viele Passagiere verheimlichen auch ganz bewusst Einschränkungen oder Probleme, nur um zu diesen komfortableren Sitzplätzen zu kommen. Hier ist es besonders wichtig, dass die Mitarbeiter am Check in das bereits verhindern, denn auf die Ehrlichkeit vieler Passagiere können wir hier leider nicht bauen."

Aus aktuellem Anlass nachgefragt, erklärte sie, dass ihre ausgesprochene Kritik von vor zwei Jahren nach wie vor uneingeschränkte Gültigkeit habe und aktueller denn je sei.

Auf Rückfrage bestätigten auch Mitarbeiter des Check-In Personals der AUA, dass "Passagiere jeden erdenklichen Trick nutzen" um einen Platz in der Notausstiegsreihe zu bekommen. Darauf zu hoffen, dass ein ungeeigneter Passagier so ehrlich sei, sich das einzugestehen und auf den Platz mit mehr Komfort zu verzichten, sei "scheinheilig" vom Management, so die Kritik.

"Leider ist vielen Gästen gar nicht bewusst, dass es hier im Ernstfall um Menschenleben geht", seufzt ein Passenger Service Agent.

"Da kommen Leute mit Krücken und erklären sie müssen unbedingt beim Notausstieg sitzen, weil sie die Beine nicht abwinkeln können. Und so jemand soll dann im Ernstfall Leute evakuieren? Leider werden die meisten auch noch ungehalten, wenn man ihnen dann erklärt, dass sie gerade wegen ihrer Beeinträchtigung dort nicht sitzen können. Ich befürchte wirklich, dass mit dieser Schnapsidee unserer Führung, die Plätze gegen Aufpreis zu verkaufen, jetzt noch mehr ungeeignete Passagiere in den Notausstiegsreihen dort sitzen werden als das bisher schon der Fall war."

Kritik am Verkauf von Sitzplätzen in den Notausstiegsreihen gegen Aufpreis übten ebenfalls von Austrian Wings konsultierte Piloten. Es wäre grundsätzlich sinnvoller, auf diese Plätze ganz gezielt außerdienstlich mitfliegendes Flugbegleiter- oder Cockpitpersonal zu setzen, als gewöhnliche Passagiere:

"Auf fast jedem Flug gibt es PAD's oder Deadhead-Crews, und niemand wird bestreiten können, dass diese Kolleginnen und Kollegen im Ernstfall kompetenter und rascher reagieren könnten als ein zahlender Passagier, der noch nie in seinem Leben am Mock-up das Öffnen des Notausstieges trainiert hat. Genau deshalb setzen zahlreiche US-Carrier seit Jahren grundsätzlich eigenes Personal zu den Notausstiegen, aber unserem Management sind 40 bis 70 Euro Mehreinnahmen für einige Sitzplätze scheinbar wichtiger als die Sicherheit im Ernstfall", ärgert sich ein Kapitän.

"Über Jahre hinweg konnten die Plätze in den Notausstiegsreihen nicht einmal von den AUA-Mitarbeitern im System vorreserviert werden, sondern wurden erst im Check-In direkt vergeben. Dafür ausschlaggebend waren ganz offiziell Sicherheitsgründe, das wurde den Gästen auch nach außen hin so kommuniziert und führte zu teils heftigen Diskussionen, weil ältere und in ihrer Mobilität eingeschränkte Passagiere nicht einsehen wollten, dass sie dort nicht sitzen können. Und jetzt soll das alles keine Gültigkeit mehr haben und man verlässt sich darauf, dass der Passagier bei drei Mausklicks im Internet ehrlich ist?", fragt sich ein ehemaliger Mitarbeiter des Austrian Airlines "Special Cases Desk".

Auch Austrian Wings-Redakteur Gerald Aigner erinnert sich an ein spezielles Flugsicherheitstrainig, bei welchem unter anderem der korrekte Umgang mit "Self-helping Exits" im Mittelpunkt steht:

"Selbst für einen vollkommen gesunden Menschen bei guter Fitness ist das Hantieren mit einem solchen Notausstieg, vor allem in der Stresssituation, eine gewisse Herausforderung. Die Türe hat ein beachtliches Gewicht und man trägt durch sein Handeln die Mitverantwortung dafür, ob die Kabine schnell genug evakuiert werden könnte. Es geht also keineswegs um bloßen Komfort durch ein paar Zentimeter mehr Beinfreiheit, sondern tatsächlich um die Sicherheit an Bord! Dessen sollte sich jeder bewusst sein, der in einer Notausstiegsreihe Platz nimmt - und allen voran die Fluglinie selbst."

Kontrollelement fehlt

Werden Notausstiegsplätze vorab verkauft, anstatt erst direkt am Check In-Counter zugewiesen, fehlt ein wichtiges Kontrollinstrument hinsichtlich der Eignung des dort sitzenden Passagiers.

Zwar liegt die Letztverantwortung (und eine allenfalls nötige Umplatzierung) schließlich beim Kabinenpersonal selbst, doch im Anlassfall wohl aufkeimende Diskussionen über die vorab reservierte "Komfortreihe" und die Modalitäten der Rückerstattung für den bezahlen Mehrpreis dürften kaum im Sinne des Erfinders sein - und selbst bei konsequenter Durchsetzung durch die Cabin Crew erneut eine Management-Entscheidung umrahmen, deren größte Schwachstelle auf dem Rücken der Reisenden, vor allem aber jenem der Airline-Angestellten ausgetragen wird.

(red PA, Aig, CvD / Titelbild: Austrian Airlines Airbus A320, Symbolbild - Foto: Chris Jilli)

Hinweis: „Punktlandungen” sind Kommentare einzelner Autoren, die nicht zwingend die Meinung der Austrian Wings-Redaktion wiedergeben.