Lesern von Austrian Wings ist der Name Thomas Friesacher längst ein Begriff. Denn der langjährige ehemalige Flugkapitän einer renommierten Fluggesellschaft arbeitet auch als Ermittler für Flugunfälle und war in dieser Eigenschaft sogar bereits als Experte in der bekannten Doku-Reihe "Air Crash Investigation" (Deutsch: "Mayday, Alarm im Cockpit") zu sehen. Heute startet er gemeinsam mit Maximilian Kunz das Portal www.maydayfiles.com - Austrian Wings Urgestein Patrick Huber hat hinter die Kulissen geblickt.
Mit den "Mayday-Files" schaffen die beiden Fachleute ein neues deutschsprachiges Format im Podcast-Stil. Ihr Ziel ist es, sicherheitsrelevante Ereignisse in der Luftfahrt und die dahinterliegenden Untersuchungsprozesse eben nicht boulevardesk, sondern professionell für die Allgemeinheit aufzubereiten. Neben der eigentlichen Webseite gibt es auch einen YouTube-Kanal sowie einen Instagram-Auftritt.
Austrian Wings: Herr Friesacher, Herr Kunz, was war Ihre ganz persönliche Motivation, "Mayday-Files" zu launchen?
Thomas Friesacher: Wir leben in einer immer mobileren Gesellschaft. Mayday Files ist aus der Überzeugung entstanden, das Thema Flugverkehr und Flugsicherheit einem breiten Publikum niederschwellig näherzubringen – mit spannenden Geschichten und Insights. Damit wollen wir ein Format schaffen, das die Welt des Flugverkehrs professionell, verständlich und zugleich inhaltlich belastbar vermittelt – ausgehend von der Flugunfalluntersuchung. Dabei geht es uns nicht um Spekulation oder Dramatisierung, sondern um Einordnung, Analyse und den Sicherheitsgewinn, der aus Untersuchungen entsteht. Der Kernansatz ist: Wir führen unser Publikum hinter die Kulissen der Flugunfalluntersuchung. Dorthin, wo technische Fakten, menschliche Faktoren, organisatorische Zusammenhänge und systemische Fragen ineinandergreifen. Genau daraus ist auch unser Claim entstanden: „Hinter den Kulissen der Flugunfalluntersuchung.“
Maximilian Kunz: Tom ist Flugunfallermittler. Ich habe Flugangst. Ein Format, das fachliche Tiefe mit Storytelling vereint, soll sohin auch Aufschluss über typische Ängste und Mythen der Luftfahrt geben. Viele Menschen interessieren sich zwar für Luftfahrt, verstehen aber die Mechanismen hinter vielen Prozessen und Voränzen. Ich bin einer davon – und möchte genau hier zu mehr Verständnis beitragen – mit Tom als Experte. Gemeinsam übersetzen wir komplexe Inhalte in eine Sprache, die verständlich bleibt, ohne inhaltlich an Substanz zu verlieren. Das ist kein reines Nischenprodukt für Ermittler — sondern ein Format für Luftfahrtinteressierte, Fachleute, Crews, Vielflieger und alle, die verstehen wollen, wie Sicherheit in der Luftfahrt tatsächlich entsteht.
Austrian Wings: Es gibt sowohl im deutsch- als auch im englischsprachigen Raum viele Podcast- und Videoformate zum Thema Flugunfälle, eines der bekanntesten ist sicherlich der Kanal des schwedischen 737-Kapitäns "Mentour Pilot" Warum denken Sie, ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für ein solches Format und warum wird es erfolgreich sein?
Thomas Friesacher: Weil sich die Erwartungen an Sicherheitskommunikation fundamental verändert haben. Fachwissen muss heute nicht nur vorhanden sein, sondern auch zugänglich gemacht werden. Wir sehen weltweit ein wachsendes Interesse an hochwertigen Formaten, die komplexe Sachverhalte fundiert erklären. In der Luftfahrt gibt es hier eine Lücke: Es gibt viele Berichte über Ereignisse, aber deutlich weniger Formate, die sauber, strukturiert und mit echter Untersuchungsperspektive erklären, warum etwas passiert ist und was daraus gelernt wurde. Mayday Files ist unsere Antwort darauf. Wir sind überzeugt, dass diese Form von Wissensvermittlung die Zukunft der Sicherheitskommunikation ist — professionell, multimedial, international anschlussfähig und gleichzeitig für ein breiteres Publikum verständlich.
Austrian Wings: Herr Kunz, Sie haben vorhin geschildert, dass Sie Flugangst haben. Da mutet es doch etwas ungewöhnlich an, dass Sie sich an einem Podcast-Projekt über Flugunfälle beteiligen. Wie kam es dazu?
Maximilian Kunz: Als Kommunikationsexperte versuche ich, den dramaturgischen Aspekt einzubringen. Tom ist professionell auf einer rein technischen und eher trockenen Ebene – und das soll in seinem Beruf auch so sein. Das in eine unterhaltsame Sprache zu übersetzen und jene Fragen zu stellen, die sich nicht nur Fluginteressierte, sondern auch Hinz und Kunz stellen, sehe ich als meine Aufgabe. Kurzum: Komplexe Sachverhalte gemeinsam mit Thomas so aufzubereiten, dass sie nicht nur fachlich korrekt, sondern auch erzählerisch stark und zugänglich werden. Ich verstehe mich als Brückenbauer zwischen der sperrigen Expertenwelt und den Fragen, die sich jeder von uns stellt.
Austrian Wings: Wie ich zuvor schon sagte - es gibt viele verschiedene Formate zu Flugunfällen, den "Mentour Pilot", "Flugforensik.de" von Andreas Spaeth und Benjamin Denes, "Fehlereins.de" des ehemaligen Flugkapitäns Eckhard Jann, zum Beispiel. Um erfolgreich zu sein, muss man sich heutzutage von Bestehendem abheben. Was unterscheidet Ihrer Meinung nach Ihr Projekt "Mayday-Files" von anderen Formaten über Flugunfälle?
Thomas Friesacher: Ein ganz wesentlicher Punkt ist unsere thematische Herangehensweise. Wir sind nicht primär fallorientiert bzw. erzählen Unfälle nicht einfach nach. Wir schauen, welche Prinzipien, Mechanismen und Muster hinter verschiedenen Ereignissen stehen. Deshalb sprechen wir über Themen wie Beweismittelsicherung, Human Factors, Entscheidungsfindung, Organisationsversagen, Sicherheitskultur oder den Ablauf einer Untersuchung. Die Folgenübersicht ist auf unserer Website nachzulesen und bestätigt genau diese Positionierung: Die Pilotfolge „Konzept, Crew, Crashkurs“ führt in die Arbeitsweise der Flugunfalluntersuchung ein, weitere Folgen behandeln etwa den Weg der Untersuchung oder die Spurensuche am Unfallort. Das zeigt bereits, dass das Format auf Systemverständnis und nicht nur auf reine Fallnacherzählung setzt.
Maximilian Kunz: Dazu kommt, dass wir als Audio- und Videopodcast auftreten. Das ist strategisch wichtig, weil unterschiedliche Zielgruppen Inhalte unterschiedlich konsumieren. Manche hören beim Pendeln, andere sehen lieber Videoformate auf YouTube. Dass Mayday Files parallel über Website, Podcast-Kanäle und YouTube aufgebaut wird, ist bereits öffentlich sichtbar.
Austrian Wings: Welchen Schwerpunkt werden Sie setzen? Geht es eher um Unfälle der Allgemeinen Luftfahrt oder legen Sie den Fokus auf "bekannte" Unfälle im Bereich der Verkehrsluftfahrt?
Thomas Friesacher: Das Spektrum ist bewusst breit angelegt. Wir sprechen über Kleinflugzeuge, Hubschrauber, Business Aviation, Linienflugzeuge, über schwere Unfälle ebenso wie über sicherheitsrelevante Vorfälle und Beinaheereignisse. Uns geht es um die ganze Breite der Luftfahrt. Entscheidend ist immer die Frage: Was können wir daraus lernen? Außerdem wird es von Zeit zu Zeit Specials geben, ebenso wie ausgewählte Gäste aus der internationalen Luftfahrt- und Ermittlungswelt. Unser Ziel ist, mittelfristig eine Plattform aufzubauen, auf der aktuelle Ermittler, Fachleute und internationale Stimmen sichtbar werden.
Austrian Wings: Die Produktion eines Podcasts ist in vielerlei Hinsicht aufwendig - zunächst muss man das Thema recherchieren und dann praktisch umsetzen, das alles neben dem Hauptberuf. Haben Sie sich ein Ziel gesetzt, mit welcher Regelmäßigkeit die "Mayday-Files" erscheinen sollen?
Maximilian Kunz: Wir arbeiten aktuell mit einer zweiwöchentlichen Frequenz. Das ist aus unserer Sicht die optimale Balance zwischen Produktionsqualität und inhaltlicher Tiefe. Wir wollen nicht möglichst viel, sondern möglichst nachhaltig liefern.
Austrian Wings: Der Podcast startet auf Deutsch, planen Sie auch ein Angebot auf Englisch, das ja bekanntlich DIE Sprache in der internationalen Luftfahrt ist?
Thomas Friesacher: Der Start erfolgt bewusst im deutschsprachigen Markt, weil hier eine klare Lücke besteht und wir das Format zunächst in unserer stärksten inhaltlichen und kulturellen Flughöhe etablieren wollen. Gleichzeitig ist das Projekt von Anfang an international gedacht. Die Website ist bereits auch auf Englisch verfügbar, was den internationalen Rollout vorbereitet. Im nächsten Schritt wollen wir im Herbst in den amerikanischen Markt und generell stärker in die internationale Sichtbarkeit gehen. Das ist naheliegend, weil unsere Welt vernetzt ist, das Thema ist in USA nicht weniger bristant als in Europa oder anderswo – und wir zielen mitterlfristig auf Reichweite ab.
Austrian Wings: Herr Friesacher, mit Ihrem Unternehmer AeroXpert Visuals tragen Sie aktiv zur Aufklärung von Flugunfällen bei. Können Sie mit dem Podcast hier Synergien nutzen?
Thomas Friesacher: Mayday Files ist in gewisser Weise eine logische Erweiterung unserer Arbeit bei AeroXpert Visuals. Dort beschäftigen wir uns seit Jahren mit Visualisierung, Rekonstruktion und hochwertiger Sicherheitskommunikation. Der Podcast ist die publizistische und mediale Verlängerung dieses Ansatzes. Wir nennen das intern Next Level Safety Communication: also Inhalte so aufzubereiten, dass sie nicht nur korrekt sind, sondern tatsächlich verstanden, erinnert und weitergetragen werden.
Austrian Wings: Heute, am 24. März 2026, geht es also los. Was dürfen sich Ihre Zuseher und künftigen Follower erwarten?
Maximilian Kunz: Zum Launch geht die erste Pilotfolge online. Sie heißt „Konzept, Crew, Crashkurs“ und setzt die Basis für alles, was folgt. Darin legen wir dar, wer wir sind, wie wir arbeiten, wie Flugunfalluntersuchung funktioniert und warum wir dieses Format gestartet haben. Tom würde sagen „Damit wollen wir eine saubere Onboarding-Strecke schaffen“. Parallel dazu können Interessierte über die Website, Instagram und YouTube direkt in die Welt von Mayday Files einsteigen. Auf YouTube ist die Preview-Folge „Konzept, Crew, Crashkurs“ bereits auffindbar, ebenso Promo-Material zum Start.
Austrian Wings: Sie blicken schon jetzt auf eine erfolgreiche Karriere in der Luftfahrt zurück. Was ist Ihre ganz persönliche langfristige Vision für die "Mayday-Files"?
Thomas Friesacher: Wir wollen Mayday Files als führende deutschsprachige Marke an der Schnittstelle von Luftfahrt, Flugunfalluntersuchung und Sicherheitskommunikation etablieren — und in einem zweiten Schritt international skalieren. Unser Anspruch ist, dass dieses Format nicht nur gehört oder gesehen wird, sondern echten Mehrwert liefert: für Fachleute, für Crews, für Entscheider, für Medien und für Menschen mit echtem Interesse an Luftfahrtsicherheit. Wenn es uns gelingt, komplexe Sicherheitszusammenhänge so zu vermitteln, dass daraus Verständnis, Aufmerksamkeit und letztlich Sicherheitsbewusstsein entstehen, dann erfüllt "Mayday Files" genau seinen Zweck.
Austrian Wings: Recherche, Tonaufnahmen, etc ..., das alles kostet Zeit und mitunter auch Geld. Welches Finanzkonzept haben Sie für "Mayday-Files" entworfen?
Thomas Friesacher: Wir haben das Projekt aus eigener Kraft ins Leben gerufen. Sobald Launch und erste Etablierungsphase vorbei sind, möchten wir mit strategischen Partnern und Sponsoren zusammenarbeiten und so zeitnahe in eine Refinanzierung kommen.
Patrick Huber, Austrian Wings