Reportagen

Lamia 2933 - mit leeren Tanks nonstop ins Verderben

Die Unglücksmaschine

Am 28. November stürzte ein Avro RJ-85 der kleinen privaten bolivianischen Fluggesellschaft LAMIA kurz vor der Landung in Medellin ab. 71 der 77 Menschen an Bord starben. Die Ursache war nach bisherigem Erkenntnisstand grobe Fahrlässigkeit des Kapitäns, seines Zeichens zugleich (Mit-) Besitzer der Fluglinie. Wir zeichnen den Ablauf von Flug LMI 2933 nach.

Am 29. November 2016 sollte der brasilianische Fußballclub Chapecoense in Medellin zu einem großen Spiel antreten. Für die Reise nutzte die Mannschaft die bolivianische Fluggesellschaft Lamia Bolivia. Ein dubioses Unternehmen, das 2009 gegründet wurde und hochtrabende Pläne hatte – mit bis zu 12 Flugzeugen wollte man operieren. Doch dazu kam es nie. Zuletzt besaß das Unternehmen gerade einmal drei Avro RJ-85, mit einem Durchschnittsalter von über 17 Jahren. Flugfähig soll nur noch die Unglücksmaschine mit der Kennung CP-2933 gewesen sein. Die Besitzverhältnisse der Airline waren verworren, es gibt Indizien, dass politische Kreise und China mit im Boot saßen. Als einer der offiziellen (Mit-) Eigentümer galt jedenfalls Miguel „Micky“ Alejandro Quiroga Murakami, 36, Pilot, verheiratet, dreifacher Familienvater. Er warb damit, dass „seine“ Airline „der Spezialist“ für Transporte von Sportmannschaften sei.

Unternehmens(mit)besitzer Miguel Quiroga mit zwei Flugbegleiterinnen; die rechte der beiden Stewardessen, Ximena Suarez Otterburg, befand sich auch an Bord des Unglücksfluges und überlebte den Crash

Airline als "Spezialist" für Sport-Charter
Ursprünglich hätte der Flug auch direkt von Brasilien nach Kolumbien führen sollen, doch die brasilianischen Behörden hatten die Durchführung des Fluges verboten. Ein solcher Charter dürfe nur von einer kolumbianischen oder brasilianischen Airline durchgeführt werden, hieß es. Doch die Fußballer bestanden darauf, mit Lamia, dem vermeintlichen "Spezialisten", zu fliegen und reisten daher zunächst noch mittels Linienflug von Brasilien nach Bolivien. Auf dem Flughafen Santa Cruz bestiegen die Sportler, ihre Manager und mehr als 20 ausgewählte Journalisten schließlich den Avro RJ-85 von Lamia.

Vor dem Abflug wurden noch munter Selfies geschossen, Passagiere und Crew gaben Medien Interviews – und waren sichtlich in bester Laune.

Als die Türen des Avro geschlossen wurden, befanden sich 68 Passagiere und 9 Mitarbeiter von Lamia an Bord. Kommandant des Fluges war "Micky" Quiroga, ein ehemaliger Militärpilot. Als Co-Pilot fungierte laut den von den Untersuchungsbehörden bisher veröffentlichten Dokumenten Ova Goytia, als dritter Pilot war die 29-jährige Sisy Arias eingetragen. Die zweifache Mutter arbeitete früher als Model und absolvierte eine Berufspilotenausbildung. Sie dürfte sich als Observer an Bord befunden haben. Zusätzlich flogen noch die Techniker Erwin Tumiri und Angel Lugo sowie die Verwaltungsmitarbeiter Alex Quisepe und Gustavo Encina mit. Als Flugbegleiter fungierten Ximena Suarez Otterburg und Romel Vacaflores.

Sisy Arias und Kapitän Miguel Quiroga starben beim Crash, Flugbegleiterin Xiamena Suaraz Otterburg überlebte als eines von zwei Crewmitgliedern.

Grobe Fahrlässigkeit bei der Spritkalkulation
Mit leichter Verspätung hob der vierstrahlige Regionaljet schließlich ab und nahm Kurs Richtung Norden. Die Flugzeit in das rund 1.600 nautische Meilen entfernte Medellin war mit rund viereinhalb Stunden kalkuliert. Da diese Entfernung für einen sicheren Nonstopflug zu weit war, plante die Besatzung ursprünglich einen Tankstopp in Cobija, das etwa 500 Meilen vom Startflughafen entfernt war. Doch dieser Platz verfügt über keine Pistenbefeuerung und durch die Verspätung konnte Flug LMI 2933 den Flughafen nicht mehr bei Tageslicht erreichen. Dennoch entschieden sich die Piloten, den Flug fortzusetzen, wobei unklar ist, welchen Druck der Kapitän – zugleich Firmenchef – hier womöglich auf die beiden anderen Flugzeugführer ausübte. Denn die sichere Reichweite (ohne, dass die final fuel reserve von 30 Minuten Flugzeit benötigt wird) eines Avro RJ-85 liegt je nach Zuladung bei etwa 1.200 bis 1.500 nautischen Meilen und einer Flugzeit von 3 bis maximal 4 Stunden.

Chance für Tankstopp vertan
Als weitere Möglichkeit für einen Tankstopp hätte sich Bogota angeboten. Der Flughafen liegt rund 116 nautische Meilen vor dem Zielflughafen Medellin und damit 1.490 Meilen vom Startflughafen entfernt. "Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Crew kurz davor, die final fuel reserve von 30 Minuten Flugzeit nutzen zu müssen, wenn sie zu diesem Zeitpunkt nicht sogar schon damit flog", meint ein erfahrener Pilot im Gespräch mit Austrian Wings. Nach internationalen Vorschriften muss jedoch spätestens dann, wenn absehbar ist, dass die Landung auf dem nächstgelegenen Flughafen nur unter Ausnutzung der Final fuel reserve erfolgen wird, eine Luftnotlage erklärt werden. Doch obwohl den Piloten im Cockpit der niedrige Treibstoffstand sowohl optisch durch die Tankuhren als auch optisch und akustisch durch die "Master Caution"-Warnung und eventuell auch durch den Flight Management Computer angezeigt worden sein muss, unternahm sie nichts. Weder erklärte sie eine Luftnotlage, noch landete sie in Bogota um die zu diesem Zeitpunkt beinahe leergeflogenen Tanks aufzufüllen. Stattdessen setzten sie den Flug durch die dunkle Nacht mit Kurs auf Medellin unbeirrt fort. Eine weitere fatale Fehlentscheidung in einer Kette von aufgrund ihrer Unprofessionalität kaum zu fassenden Handlungen der Crew.

Bei einer verbleibenden Treibstoffmenge, die noch für 30 bis 45 Minuten Flug ausreicht (je nach Flugzeugtyp) erhalten die Piloten über die "Master Caution" eine optische und akustische Warnung, die durch Drücken des Schalters bewusst deaktiviert werden muss; es ist daher unmöglich, dass der Crew die Treibstoffsituation nicht bewusst war.

Rund 80 nautische Meilen vom Flughafen Medellin entfernt – um 02:34 Uhr Zulu-Zeit – verließ die Maschine nach mehr als vier Stunden Flugzeit ihre Reiseflughöhe von 30.000 Fuß und sank auf 21.000 Fuß. Zu diesem Zeitpunkt musste das Flugzeug selbst nach optimistischen Berechnungen selbst bereits den Großteil der final fuel reserve aufgebraucht haben, immerhin liegt der Treibstoffverbrauch eines Avro RJ-85 bei 2.000 bis 2.400 Kilogramm pro Flugstunde. Der maximal ausfliegbare Tankinhalt (inklusive final fuel reserve) beträgt etwas mehr als 9.300 Kilogramm. Geht man von einem durchschnittlichen Verbrauch von 2.200 Kilogramm pro Stunden aus so wären nach vier Stunden bereits fast 9.000 Kilogramm Sprit verbraucht gewesen!

Fluglotsen ahnungslos
Doch nach wie vor erwähnte die Crew ihre hochgefährliche Treibstoffsituation mit keinem Wort. Wenige Minuten später wurde Flug LMI 2933 von der Flugverkehrskontrolle ins Holding geschickt, da eine andere Maschine wegen eines vermuteten Treibstofflecks eine Sicherheitslandung durchführte. Doch selbst jetzt hüllte sich die Crew in Schweigen; niemand am Boden wusste, dass dem Avro innerhalb weniger Minuten der Sprit ausgehen würde. Hätten die Piloten spätestens an dieser Stelle sofort eine Luftnotlage erklärt, wäre der rettende Flughafen per Direktanflug mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch erreichbar gewesen.

Panischer Sturzflug
Um 3 Uhr Zulu-Zeit (22 Uhr Lokalzeit) versagten nach und nach alle vier Triebwerke. An Bord fiel dadurch der Strom aus, ebenso der Transponder. Das Funkgerät wurde über eine Batterie mit Energie gespeist. Doch anstatt der Fluglotsin wenigstens jetzt reinen Wein einzuschenken, meldete die Crew von LMI 2933 "elektrische Probleme und Treibstoffprobleme", ein Notfall wurde nach wie vor nicht erklärt. In Panik leitete die Crew einen Sinkflug an und verlangte über Funk nach Vektoren zu Piste – doch diese Information konnte die Fluglotsin der Besatzung nicht geben, da sie kein Transpondersignal mehr empfing.

Der Funkverkehr (Spanisch mit englischen Untertiteln)

Etwa 40 bis 50 Sekunden nach dem durch Treibstoffmangel bedingten Stromausfall schlug der Avro RJ-85 auf einem Berg auf. 70 Menschen waren sofort tot, 7 weitere wurden Stunden später lebend geborgen. Ein zunächst noch lebender Sportler erlag wenig später seinen Verletzungen.

Unter den Geretteten befanden sich auch die Stewardess Ximena Suarez Otterburg sowie ein mitfliegender Techniker der Gesellschaft, Erwin Tumiri. Alle Mitglieder der Cockpitbesatzung und die übrigen Angestellten der Airline starben.

In Pilotenkreisen wird vielfach die Ansicht vertreten, dass die Piste oder zumindest eines der freien Felder davor im kontrollierten Gleitflug erreicht werden hätte können. Doch auch diesen allerletzten Funken einer Chance vergab die Crew, deren Verhalten von Professionalität so weit entfernt war, wie es die Erde vom Mars ist. So hart muss man es leider formulieren. Übrigens warb die Gesellschaft auf ihrer Webseite noch am Tag nach dem Crash damit, jeden Flug zu einem, Zitat, "einzigartigen Erlebnis" zu machen. Mittlerweile ist die Homepage weitgehend offline und man erhält beim Aufruf nur ein Kontaktformular.

Das völlig zerstörte Wrack an der Absturzstelle

Betriebserlaubnis entzogen
Gegenwärtig befinden sich der Cockpit Voice Recorder und der Flight Data Recorder zur Auswertung in Großbritannien. Obwohl menschliches Versagen als Absturzursache in diesem Fall so offensichtlich ist wie selten zuvor bei einem Unglück, erhoffen sich die Ermittler dennoch wichtige Informationen von den Aufnahmen, unter anderem darüber, ob der Kapitän die verhängnisvollen Entscheidungen alleine getroffen und aufgrund seiner Autorität die beiden anderen Crewmitglieder "overruled" hat, oder ob der Entschluss, den Flug auf Biegen und Brechen trotz akuter Treibstoffknappheit fortzusetzen von der Besatzung gemeinsam getroffen wurde. In Bolivien, wo die Lamia ihren Sitz hatte, gab es übrigens schon erste Konsequenzen: Der Airline wurde das AOC entzogen und mehrere Mitarbeiter der Luftfahrtaufsicht wurden suspendiert. Allein, das macht die 71 Opfer dieser Tragödie, die so einfach zu vermeiden gewesen wäre, auch nicht wieder lebendig ...

Text: HP