Die Leser meiner Berichte auf Austrian Wings kennen die Vorgeschichte dieses Unfalls vor rund einem Monat genau. Um 03:13 Uhr UTC am 10. Juli 2026 startete die Boeing 737-800, 9H-QEU, als Flug Ryanair 1879 (operated by Malta Air, einer Ryanair-Tochter) auf dem Flughafen Thessaloniki. Das Ziel der Maschine war das deutsche Memmingen.
Nur acht Minuten nach dem Start brach in einer Höhe von circa 16.000 Fuß (etwa 4.800 Meter) bei einer Geschwindigkeit von circa 300 Knoten (etwa 555 Stundenkilometer) eine Scheibe der Passagierkabine. Der am Fensterplatz befindliche Reisende, ein 61-jähriger serbischer Staatsbürger, wurde mit dem Kopf aus der Kabine gesaugt. Mitreisende hielten den Betroffenen an den Beinen fest und zogen ihn zurück ins Flugzeug. Durch den rapiden Druckverlust lösten auch die Sauerstoffmasken in der Kabine aus.
Die Piloten leiteten sofort einen Sinkflug auf 6.000 Fuß sowie eine Umkehrkurve ein, um nach Thessaloniki zurückzukehren. In niedriger Höhe flog das beschädigte Flugzeug mehrere Warteschleifen, ehe es um um 04:08 Uhr UTC - eine knappe Stunde nach dem Start - wieder in der griechischen Stadt aufsetzte. Der verletzte 61-Jährige wurde noch an Bord vom griechischen Rettungsdienst erstversorgt und anschließend in ein Krankenhaus eingeliefert. Es war noch das sprichwörtliche Glück im Unglück, dass sich dieser Unfall in verhältnismäßig niedriger Flughöhe mit einer eher "geringen" Geschwindigkeit ereignete. Wäre der Passagier auf Reiseflughöhe bei -50 Grad Celsius in sauerstoffarmer Luft bei gut 800 Stundenkilometern aus dem Fenster gesogen worden und/oder mit dem Kopf gegen die Rumpfverkleidung geschlagen, wären wohl schwerste oder gar tödliche Verletzungen die Folge gewesen. Das Verhalten der Piloten gab damals Anlass zur Kritik. Angesichts eines verletzten Passagiers wäre die sofortige Landung geboten - und technisch trotz des höheren Gewichtes möglich - gewesen.
Mehr als fragwürdige Kommunikationspolitik von Ryanair
Ryanair bestätigte damals grundsätzlich die geplatzte Scheibe, gab aber keine weiteren Informationen preis. Aus Pilotenkreisen war zu vernehmen, dass eines der beiden Triebwerke der Boeing 737 von Ryanair/Malta Air zuvor einen schweren Defekt hatte. Deshalb hätten sich Teile von der Turbine gelöst und das Fenster zum Zerbersten gebracht. Diese Aussagen werden durch bereits in Fachkreisen kursierende Videoaufnahmen gestützt, die mittlerweile auch vom Portal "Flightradar24" veröffentlicht wurden. Ryanair äußerte sich dazu nicht. Diese intransparente unprofessionelle Kommunikationspolitik bei für die Airline unangenehmen Zwischenfällen war nicht zum ersten Mal zu beobachten. Sie scheint Methode zu sein. Als beispielsweise vor vier Jahren (2022) ein Jet der Ryanair-Tochter LaudaMotion/Lauda Europe Teile der Verkleidung verlor, verweigerte Ryanair überhaupt jeden Kommentar.
NTSB bestätigt: Schwere Beschädigungen am Triebwerk
Jetzt - rund einen Monat nach dem Unfall - bestätigte das National Transportation Safety Board, dass sich während des Steigfluges eine der Turbinenschaufeln von Triebwerk Nummer 2 gelöst hatte. Das Teil durchschlug die Triebwerksverkleidung und Trümmer zerstörten anschließend das Fenster, durch das der Passagier aufgrund des rapiden Druckverlustes in der Kabine ins Freie gesaugt wurde. Trümmerteile führten außerdem zu weiteren Schäden am Flugzeugrumpf. Warum die Turbinenschaufel wegbrach, ist unklar. Laut NTSB hatte das rechte Triebwerk (Nummer 2) mindestens vier Vogelschläge (Bird strikes) in den 12 Monaten vor dem Zwischenfall.
"Die Untersuchung des Triebwerks und der Gondel ergab, dass eine Turbinenschaufel (Nr. 10) gebrochen und (...) abgerissen war. Bei zwei weiteren Schaufeln (Nr. 16 und 21) waren die äußeren Spitzen gebrochen und abgerissen. Alle übrigen Schaufeln waren in voller Länge vorhanden, wiesen jedoch unterschiedlich starke Aufprallverformungen auf. Drei lose Fragmente von Gebläseschaufeln wurden aus dem Triebwerk geborgen. Die Triebwerkseinlassverkleidung, die sich vor dem Gebläsegehäuse befindet, wies Anzeichen von Durchschlägen auf."
Aus dem NTSB-Zwischenbericht
Laut dem britischen "Guardian" blieb Ryanair seiner fragwürdigen Kommunikationspolitik bei Zwischenfällen treu. Demnach wollte der Billigflieger den Zwischenbericht nicht kommentieren und sich auch nicht zu möglichen Schadenersatzzahlungen an das Opfer äußern.
Der gesamte Zwischenbericht - samt Fotos - kann hier von der NTSB-Homepage heruntergeladen werden.
Text & Foto: Patrick Huber