Dass der gebührenfinanzierte öffentlich rechtliche Rundfunk Österreichs, der ORF, mit einem staatlichen BIldungsauftrag eine Produktion ausstrahlt, die von so gut wie allen Experten (darunter der "Spiegel" oder die "Stuttgarter Zeitung", die den Mann hinter der Sky-Produktion als "Außenseiter" bezeichnete) wegen Verschwörungs-Tendenzen scharf kritisiert wird, ist verwunderlich.
Die Fakten liegen auf der Hand: Ein psychisch kranker Pilot namens Andreas Lubitz tötete am 24. März 2015 sich selbst und 149 Menschen, als er den Kapitän aus dem Cockpit seines Flugzeuges aussperrte und den A320 der Germanwings gegen einen Berg steuerte. Dieser Absturzhergang ist forensisch zweifelsfrei bewiesen, wie die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr im großen Austrian Wings Interview noch einmal bekräftigte.
In den vergangenen Jahren allerdings machte sich der Österreicher Simon Hradecky daran, dubiose Theorien zu entwickeln und zu verbreiten. Er kontaktierte mehrere Journalisten/Medien und versuchte sie, davon zu überzeugen. So gut wie alle seriösen Medien lehnten ab, nachdem sie mit den Gedanken Hradeckys zum Absturzgeschehen konfrontiert wurden, weil sie völlig "wirr und unplausibel" sind, wie Austrian Wings Urgestein Patrick Huber, Autor des Standardwerkes zum Germanwingsabsturz ("Germanwings Flug 9525 - Absturz in den französischen Alpen") weiß. Auch Huber wurde mit Hradeckys "Beweisen" überhäuft, verweigerte aber eine Berichterstattung: "Das war absolut substanzlos, auch Piloten und Juristen, denen ich das gezeigt habe, fragten mich ob ich das ernst meine, weil es so ein Unsinn war."

Einzig und allein Sky hatte am Ende scheinbar Interesse daran, Hradeckys Theorien eine Bühne zu bieten. Das Ergebnis ist aus Hubers Sicht eine Mischung aus "oberflächlichem Pseudo-Investigativjournalismus und dem Streuen von Zweifeln, wie es Verschwörungstheoretiker tun, Antworten oder tatsächliche Fakten liefert der Beitrag keine". Huber schrieb schon im vergangenen Jahr eine vernichtende Kritik über die Sky-Sendung, die der ORF jetzt ausstrahlen will.
"Das, was Sky da auf Basis von Simon Hradeckys Theorien zum Thema Germanwings 9525 produziert hat, würde ich nicht einmal Dokumentation nennen. Es hat seine guten Gründe, dass große seriöse Medien in Deutschland und Österreich bisher die Finger davon gelassen haben. Es ist aus meiner Sicht der Versuch, mit dem Leid der Opfer und der Verbreitung völliger wirrer Theorien Aufmerksamkeit zu erregen. Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass der ORF so etwas eine Bühne bietet. Ich kann mir nur vorstellen, dass sich die Verantwortlichen im Vorfeld nicht gründlich über die Inhalte informiert haben. Wenigstens bietet mit Andreas Spaeth ein renommierter deutscher Luftfahrtjournalist dem Unsinn, der da sonst verbreitet wird, gekonnt Paroli, aber das ist nur ein schwacher Trost. Ganz ausgezeichnet und auf Fakten basierend ist dagegen der sechsteilige WDR-Podcast zum Thema oder der Video-Podcast von Mentour Pilot über den Absturz."
Austrian Wings Autor Patrick Huber, Verfasser von 25 Büchern zum Thema Luftfahrt,
darunter mehrere Standardwerke, unter anderem zum Absturz der Germanwings oder zum Absturz der Lauda Air vor 35 Jahren
Mit seiner Meinung war Huber nicht alleine. Etliche Medien "zerrissen" die nicht einmal ansatzweise Hand und Fuß habenden Gedanken von Hradecky zu Germanwings 9525. Die deutsche Stiftung Katastrophennachsorge (kümmert sich um die Hinterbliebenen der Absturzopfer) wies Hradeckys via Sky verbreitete Theorien ebenso zurück wie Flugkapitän Petter Hörnfeldt, ein angesehener Luftfahrt-Influencer. Die deutsche "Welt" sprach von einer "Ausschlachtung des Massenmordes" durch Simon Hradeckys Theorien. Die Leser von Hradeckys Homepage "Aviation Herald" zeigten sich schockiert über das offensichtliche Abdriften des Betreibers in die Verschwörungstheoretiker-Szene und äußerten diese Kritik deutlich online. Das führende deutsche Luftfahrtportal, "Airliners.de" kommentierte kopfschüttelnd, dass Simon Hradecky zum Germanwings-Absturz "Kauderwelsch" verbreite und sich dabei auch noch selbst widerspreche. Die Kritik von "Airliners.de"-Herausgeber David Hasse war gleichsam absolut vernichtend. Das "Hauptargument" jener Menschen, die die offizielle und forensisch bewiesene Version des Absturzes bezweifeln ist, dass der Co-Pilot Andreas Lubitz die Höheneinstellung angeblich nicht so schnell verändert haben könne, wie das die Ermittler in ihrem Bericht schreiben. Dass es möglich ist, das wies Patrick Huber schon voriges Jahr in einem exklusiven Videobeitrag auf Austrian Wings nach. Damit fiel auch dieses "Argument" (das nie eines war) in sich zusammen.
"Als Fachjurist bin ich nach Sichtung aller mir vorliegenden Unterlagen und forensischen Beweise davon überzeugt, dass an der Verantwortlichkeit von Andreas Lubitz kein berechtigter Zweifel bestehen."
Professor Elmar Giemulla im autorisierten Interview im Buch "Germanwings Flug 9525 - Absturz in den französischen Alpen", zitiert von Seite 200
Das alles sollte man wissen, bevor man die Sky-Produktion zum Germanwings-Absturz ansieht. Vielleicht überdenken die Zuständigen beim ORF ihre Entscheidung ja noch einmal.
(red TT, CvD, Mitarbeit/Unterstützung: Patrick Huber)