Österreich

Das gebrochene Versprechen um die 27 nicht identifizierten Opfer des Lauda Air Absturzes

Die Tafel mit den Namen der 27 nicht identifizierten Absturzopfer auf dem Lauda Air Friedhof in Suphan Buri - das Gemeinschaftsgrab befindet sich unmittelbar dahinter; im Hintergrund sind auf zwei Gedenksteinen die Namen aller 223 Opfer verzeichnet - Foto: Österreichische Botschaft Bangkok / Ewald Widi

Ein Konstruktionsfehler an der Schubumkehr und wohl auch schwere Wartungsmängel, die dazu führten, dass der Konstruktionsfehler auf tödliche Art und Weise schlagend wurde, besiegelten den Tod der 223 Insassen der Lauda Air Boeing "Mozart", die am 26. Mai 1991 kurz nach dem Start in Bangkok abstürzte. 27 (26 Passagiere, 1 junge Flugbegleiterin) von ihnen wurden 1991 nicht identifiziert. Wenige Jahre später wäre das möglich gewesen, geschah aber nicht.

213 Passagiere und 10 Besatzungsmitglieder befanden sich am 26. Mai 1991 an Bord, als die Lauda Air Boeing 767-3Z9ER, OE-LAV "Mozart" vom Flughafen Bangkok mit dem Ziel Wien startete. Doch dort kam das Flugzeug nie an. Denn 15 Minuten nach dem Start öffnete sich die Schubumkehr des linken Triebwerks und riss die Maschine in die Tiefe. Begünstigt wurde der dafür zweifelsfrei verantwortliche Konstruktionsfehler an der Schubumkehr wohl durch Wartungsmängel bei Lauda Air (der ehemalige Wartungschef hatte lange vor dem Absturz davor gewarnt), wie ein Gutachter im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien bereits in den 1990er Jahren nachwies - doch die Öffentlichkeit erfuhr davon nichts, denn das Gutachten liegt bis heute in den Archiven des Wiener Landesgerichts. Lediglich Angehörige der Opfer und ihre Anwälte haben das Recht auf Akteneinsicht und gaben die Information an einige ausgewählte Journalisten weiter. So berichtete Mitte der 1990er Jahre als einziges österreichisches Medium das "PROFIL" einige Male darüber, die breite Masse der Öffentlichkeit nahm davon jedoch keine Notiz, denn in den großen Tageszeitungen war darüber nichts zu lesen.

Die Menschen an Bord der "Mozart" hatten keine Überlebenschance, obwohl die beiden erfahrenen Piloten nicht aufgaben, sie kämpften um ihr Flugzeug und das Leben aller Menschen an Bord, bis der Jet schließlich auseinanderbrach. Obwohl neben thailändischen Gerichtsmedizinern auch österreichische und deutsche Kriminalisten, Zahnmärzte und Gerichtsmediziner an der Identifizierung der Opfer arbeiteten, konnten 27 der Unglücklichen am Ende nicht identifiziert werden. Denn eine DNA-Analyse - heute Standard - war damals noch nicht möglich.

Diese 27 Opfer - 26 Passagiere und 1 junge Flugbegleiterin aus Salzburg - wurden auf dem eigens angelegten Lauda Air Friedhof in Suphan Buri in einem Gemeinschaftsgrab bestattet. Die Lauda Air informierte die Angehörigen schriftlich darüber, dass die Beisetzung extra in Einzelsärgen erfolge, damit ggf. eine spätere Identifizierung leichter möglich sei. Das gab den Hinterbliebenen Hoffnung.

Während der Recherchen zu meinem Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe" (Eine Rezension des früheren COCKPIT-Chefredakteurs finden Sie hier, auch das Linzer Stadtmagazin LINZA berichtete bereits darüber) erzählten mir mehrere Angehörige unabhängig voneinander, dass darüber hinaus Airlinechef Niki Lauda bei der Gedenkfeier im September 1991 in Thailand persönlich versprochen habe, dass man die Identifizierung vornehmen wird, wenn die forensischen Möglichkeiten dazu einmal existieren sollten - Stichwort DNA-Analyse.

Obwohl die besagte DNA-Analyse bereits wenige Jahre später soweit ausgereift war und ab 1997 - also nur sechs Jahre nach dem Absturz - in Österreich sogar Standard wurde, kümmerte sich die Lauda Air nicht um ihr Versprechen, das sie im Jahr 1991 den trauernden Angehörigen schriftlich und mündlich (durch ihren Gründer und Chef) gegeben hatte. Es gab keinerlei Anstalten, den 27 bis dato nicht identifizierten Insassen der "Mozart" ihre Identität zurückzugeben. Auch als die AUA die konkursreife Lauda Air Anfang der 2000er Jahre als Gesamtrechtsnachfolgerin übernahm geschah - nichts. Die Republik Österreich machte ebenfalls keinerlei Anstalten, eine DNA-Analyse in die Wege zu leiten, obwohl gut die Hälfte der in Suphan Buri bestatteten Absturzopfer österreichische Staatsbürger beziehungsweise Südtiroler sind.

Die Uhr ist abgelaufen
Heute - gut 35 Jahre nach dem Unglück - wäre eine DNA-Analyse an den sterblichen Überresten der in Thailand bestatteten Opfer noch immer „theoretisch möglich“, die Erfolgschancen aber "eher gering", wie das deutsche Bundeskriminalamt in Wiesbaden auf meine Anfrage mitteilte. Da 1991 nämlich keine DNA-Vergleichsproben der Verstorbenen gesichert wurden, müssten alle 27 Leichen zur Probenentnahme exhumiert werden. Eine solche Exhumierung allein wäre schon ethisch problematisch und für noch lebende Angehörige (deren Einverständnis vorausgesetzt) belastend. Dieses Genmaterial müsste man dann mit den DNA-Proben noch lebender Blutsverwandter (in manchen Fällen gibt es wahrscheinlich überhaupt keine nahen Angehörigen mehr) der Toten abgleichen, wobei völlig unklar ist, ob sich nach der langen Liegezeit im tropischen thailändischen Klima überhaupt noch verwertbare Proben aus den sterblichen Überresten gewinnen ließen. Aber selbst wenn das gelänge, wäre eine Analyse - so das österreichische Innenministerium - wohl nur in ganz wenigen Speziallabors mit horrenden Kosten möglich - Erfolgsaussichten absolut ungewiss. 

Der im Jahr 2025 generalsanierte Lauda Air Friedhof in Suphan Buri - Foto: Österreichische Botschaft Bangkok

Praktisch bedeutet das nichts anderes als dass es keine Möglichkeit mehr gibt, die 27 im Jahr 1991 nicht identifizierten Absturzopfer heute noch nachträglich zu identifizieren. Während sich manche Angehörige mittlerweile damit abgefunden haben, ist dieser Umstand für andere nach wie vor belastend. Das Verhalten von Lauda Air - die ihr Versprechen einer nachträglichen Identifizierung nicht einlöste - war jedenfalls für die Betroffenen ein weiteres mal ausgesprochen enttäuschend. Dass es bis heute auch keine Gedenkstätte in Österreich gibt, macht die Situation für sie nicht besser.

Auf dem Lauda Air Friedhof in Suphan Buri haben ihre letzte Ruhe gefunden:

  • Georg Aschaber (40 Jahre)
  • Reinhild Aschaber (34 Jahre)
  • Yahya Kemal Aydin (34 Jahre)
  • Walter Brunner (58 Jahre)
  • Hei Man Chan (25 Jahre)
  • Johann Däuber (41 Jahre)
  • Teresita Domingo (24 Jahre)
  • Walter Fenner (38 Jahre)
  • Sai On Fung (34 Jahre)
  • Yuen Ping Amy Fung (28 Jahre)
  • Bernhard Götzinger (34 Jahre)
  • Hubert Hofer (andere Namensschreibweisen Hubert Hoefer oder Hubert Höfer)
  • Barbara Kammerer (23 Jahre)
  • Wilhelm Franz Kaufmann (32 Jahre)
  • Hermine Laditsch (49 Jahre)
  • Josef Laditsch (51 Jahre)
  • Imre Papp (34 Jahre)
  • Tadeusz Piechocki (38 Jahre)
  • Richard Polt (34 Jahre)
  • Christine Quehenberger (26 Jahre, Flugbegleiterin; sie war das einzige Mitglied der 10-köpfigen Crew der „Mozart“, das nicht identifiziert werden konnte und fand deshalb fern der Heimat ihre letzte Ruhestätte)
  • Elisabeth Richter (38 Jahre)
  • Po Po Shiu (29 Jahre)
  • Suk Chun Holly Sin (29 Jahre)
  • Mirko Suton (37 Jahre)
  • Franz Wagner (44 Jahre)
  • Siu Sim Wong (28 Jahre)
  • Friedrich Höbart (41 Jahre)

Text: Patrick Huber