In den 15 Jahren, die ich intensiv an meinem im Jänner dieses Jahres erschienen Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkastastrophe" gearbeitet habe, hörte ich viele sehr persönliche (Lebens-)Geschichten von Freunden und Familienangehörigen, die geliebte Menschen an Bord des Unglücksfluges verloren hatten. Jede dieser Geschichten ist einzigartig, wertvoll, besonders - und tragisch gleichermaßen. Sie alle haben mich bewegt und zeitweise musste die Arbeit am Buch (eine Rezension des früheren "COCKPIT-Chefredakteurs" zu meinem Buch finden Sie hier) unterbrochen werden, weil es mitunter einfach "zu viel" war.

Eine dieser Geschichten war eine romantische, die mir besonders gut in Erinnerung geblieben ist, die aber leider kein Happy End hatte. Sie handelt von Siliva Olah und Richard Stierand, zwei jungen Menschen, die dank ihres Jobs als Flugbegleiter bei Lauda Air schon in jungen Jahren die weite Welt sahen.
Richard Stierand war im Februar 1988 im Alter von 22 Jahren zur Lauda Air gekommen und hatte sich rasch zum "Senior"-Flugbegleiter hochgearbeitet. Damit war er auf Langstreckenflügen auf der Boeing 767-300ER für den korrekten Serviceablauf in der Economy Class verantwortlich. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter wäre dann "Purser" gewesen.

Silvia Olah, eine ausgebildete Krankenschwester, wurde ziemlich genau ein Jahr nach Richard Stierand Flugbegleiterin bei Lauda Air. Da war sie 25 Jahre alt. Silvia und Richard lernten sich bei der Arbeit kennen - und lieben. Bei der kleinen Fluggesellschaft waren Partnerschaften unter Kollegen keine Seltenheit und so kam es, dass Richard und Silvia öfter zusammen Dienst versahen, das gemeinsame Reisen genossen und das Leben auskosteten.

Am 18. Mai 1991 flogen sie zusammen mit der restlichen am 26. Mai 1991 verunglückten Crew "on duty" auf Lauda Air Flug NG 003 von Wien nach Bangkok. Nach Ende ihres Dienstes checkte die gesamte Besatzung im Hotel Rama Gardens ein, verbrachte einige wundervolle Tage in Thailand.
Dann hieß es für Silvia, Richard und ihre Kollegen einmal "on duty" das Teilstück Bangkok-Hongkong-Bangkok zu fliegen, ehe sie erneut ein paar Tage Freizeit in Bangkok genießen konnten. "Diese Flüge waren damals wie bezahlter Urlaub, es war toll, wir kamen herum, während unsere Altersgenossen daheim in Österreich saßen" - solche und ähnliche Zitate hörte ich während der Recherchen zu meinem Buch immer wieder von früheren Lauda Air Flugbegleitern.
Dazu muss man wissen, dass Lauda Air für die Rotation Wien-Hongkong-Wien via Bangkok drei Besatzungen benötigte. Die erste flog von Wien nach Bangkok, hatte dort dann gut eine Woche Aufenthalt. Eine zweite Crew (das war eine wenige Tage zuvor in Bangkok angekommene) flog dann das Teilstück Bangkok-Hongkong-Bangkok und eine dritte Crew (das war jene, die rund eine Woche zuvor von Wien nach Bangkok geflogen war) führte dann den Flug Bangkok-Wien durch. Das Teilstück zwischen Bangkok und Hongkong war besonders beliebt bei den Flugbegleitern, denn auf dieser Strecke war die Maschine meistens relativ leer, das Arbeitspensum überschaubar.
Am 26. Mai 1991 sollte es für Silvia, 27 Jahre, und Richard, 26 Jahre, - gemeinsam mit ihren Kollegen - schließlich als diensthabende Besatzung wieder zurück nach Österreich gehen. Das junge Paar hatte bereits Hochzeitspläne geschmiedet, war voller Vorfreude auf die Zukunft, sein gemeinsames Leben. Doch es sollte auf tragische Weise anders kommen.
Die OE-LAV "Mozart" war am Abend des 25. Mai 1991 von einer ersten Besatzung von Wien nach Bangkok (Ankunft am 26. Mai 1991) geflogen worden. Dort übernahm eine zweite Crew die Boeing 767 und flog das Teilstück Bangkok-Hongkong-Bangkok. Im Cockpit der Maschine saß auf dieser Strecke auch Peter K. - der 25-Jährige war als Techniker der Lauda Air in Bangkok stationiert und hatte die Piloten Jürgen B. (46) und Albrecht Z. (38) spontan gefragt, ober er auf dem Jump Seat mitfliegen dürfe. Im Hongkong kaufte Peter K. im Duty Free Shop einige Waren ein. Nach der Landung in Bangkok verließ er die "Mozart" wieder und fertigte sie technisch für den Weiterflug nach Wien ab.
Für diesen Flug bestiegen die beiden Piloten Tom Welch, Josef Thurner sowie die 8-köpfige Kabinenbesatzung - darunter Silvia Olah und Richard Stierand - den Jet, um "on duty" nach Wien Schwechat zu fliegen. Von den 243 Sitzplätzen der "Mozart" waren an diesem Tag 213 besetzt, eine Auslastung von rund 88 Prozent. Unter den 213 Passagieren befand sich auch Richard Stierands Mutter Rosa. Die 51-Jährige war stolz auf ihren Sohn, der als "Senior" bei der Lauda Air arbeitete. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn beschreiben frühere Freunde und Kollegen als ausgesprochen eng.
Doch rund 15 Minuten nach dem Start nahm Flug NG 004 ein jähes Ende - in etwa 24.000 Fuß Höhe öffnete sich im Steigflug die Schubumkehr des linken Triebwerks, der Jet stürzte ab, alle 223 Menschen starben. Der Crash war und ist bis heute die größte Katastrophe in der jüngeren österreichischen Geschichte.
Obwohl die Hauptursache für das ungewollte Ausfahren der Schubumkehr ein Konstruktionsfehler an der Boeing 767 war (nach dem Crash musste das System weltweit modifiziert werden), wäre der Absturz wohl vermeidbar gewesen - denn die "Mozart" hatte seit einem halben Jahr Probleme mit der Schubumkehr gehabt, die niemals behoben worden waren.
Und schon lange bevor die ersten Probleme an der OE-LAV überhaupt aufgetreten waren, hatte der frühere Wartungschef der Lauda Air, Hanns Pekarek, ein Unglück kommen sehen und Niki Lauda gewarnt - doch der hatte die Warnungen seines Technikleiters wiederholt einfach in den Wind geschlagen.
Ein Gutachter der Staatsanwaltschaft Wien stellte nach dem Absturz fest, dass Lauda Air schwere Wartungsfehler an der Schubumkehr der "Mozart" gemacht und sogar gegen Vorschriften des Herstellers Boeing verstoßen hatte. Deshalb hätte die "Mozart" zum Zeitpunkt ihres Absturzes überhaupt nicht mehr fliegen dürfen. Der wohl einzige Grund weshalb die Staatsanwaltschaft Wien trotzdem keine Anklage gegen Verantwortliche bei Lauda Air erhob, war, dass der Zerstörungsgrad des Wracks zu groß war und sie deshalb nicht mit der für ein Strafverfahren erforderlichen Sicherheit hätte nachweisen können, dass es tatsächlich ausschließlich jene in den Unterlagen dokumentierten Wartungsfehler waren, die zum Öffnen der Schubumkehr geführt hatten. So äußerte sich jedenfalls Staatsanwalt Ernst K. bereits 1994 auf Anfrage. Heute ist die Causa juristisch ohnedies verjährt.
Silvia und Richard - im Leben und Sterben vereint, im Tod für immer getrennt
Silvia Olah gehörte zu den ersten fünf österreichischen Opfern des Absturzes, die identifiziert werden konnten. Trotzdem dauerte es noch einige Zeit, bis sie in die Heimat überführt werden konnte. Unter großer Anteilnahme von Familienmitgliedern, Freunden und Lauda Air Kollegen wurde die 27-jährige Krankenschwester am 17. Juni 1991 in Wien-Simmering zur letzten Ruhe gebettet.

Ihr Partner Richard Stierand dagegen wurde gemeinsam mit seiner Mutter Rosa auf dem Friedhof Großjedlersdorf im Norden von Wien am 1. August 1991 zu Grabe getragen. Da es offenbar schon wenige Jahre danach keine lebenden Verwandten mehr gab, erlosch das Nutzungsrecht des Grabes von Richard und Rosa Stierand (Gruppe 6PL, Nummer 134) bereits 2006. Im Jahr 2014 wurde es dann neu belegt und erhielt einen anderen Grabstein, sodass dort heute leider nichts mehr an Richard und Rosa Stierand erinnert.

Eine Sprecherin der "Wiener Friedhöfe" dazu: "Bei einer Neubelegung eines Erdgrabes bleiben die sterblichen Überreste der zuvor Beigesetzten im Grab erhalten. Sie werden unterhalb der Grabsohle tiefergelegt, um Platz für eine neue Bestattung zu schaffen. Dies erfolgt unter Einhaltung aller gesetzlichen und ethischen Vorgaben sowie mit größtem Respekt gegenüber den Verstorbenen.“ Die sterblichen Überreste von Richard und Rosa Stierand befinden sich also nach wie vor auf dem Friedhof Großjedlersdorf.
Text & Fotos (sofern nicht anders angegeben): Patrick Huber