Österreich

Lauda Air Absturz 1991: Bis heute fehlt in Österreich eine Gedenkstätte für die 223 Opfer der "Mozart"

Die Unglücksmaschine der Lauda Air. Es handelte sich um eine Boeing 767-3Z9ER mit dem Kennzeichen OE-LAV und den Namen "Mozart" - Foto: Werner Fischdick

Mit 223 Todesopfern ist der Absturz der Lauda Air Boeing "Mozart" (OE-LAV) am 26. Mai 1991 die schwerste Katastrophe in der Geschichte von Österreichs Luftfahrt. Von den 223 Insassen des Unglücksfluges NG 004 stammten etwas mehr als 100 aus Österreich beziehungsweise Südtirol, als dessen völkerrechtlich verankerte Schutzmacht Österreich agiert. Bei den Recherchen von Patrick Huber (www.der-rasende-reporter.info) zu seinem 25. Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der Mozart - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe" schilderten Angehörige der Toten dem Autor wiederholt, wie sehr sie das Unglück heute noch beschäftigt. Ein stets wiederkehrender Punkt, der zur Sprache kam, war das Fehlen einer Gedenkstätte für die Toten in der Heimat.

Der Autor steht für Rückfragen (zB für Angehörige oder Freunde der Verunglückten sowie für Journalisten, die anlässlich des bevorstehenden 35. Jahrestages über das Thema berichten wollen und eine fachliche Expertise und/oder weitere Unterlagen für ihre eigene Recherche benötigen) gerne zur Verfügung: patrick (at) der-rasende-reporter.info

In weniger als drei Wochen jährt sich der Absturz der Lauda Air Boeing 767-300ER, OE-LAV, "Mozart" zum 35. Mal. Das zweistrahlige Langstreckenflugzeug der privaten österreichischen Fluggesellschaft Lauda Air befand sich auf dem Weg von Hongkong nach Wien. In Bangkok erfolgte eine Zwischenlandung, bei der neue Passagiere zustiegen und die Maschine für den langen Flug nach Österreich neu betankt wurde. Die Boeing 767-300ER der Lauda Air war etwa 15 Minuten nach dem Start in Bangkok abgestürzt, nachdem sich in einer Höhe von rund 24.700 Fuß und einer Geschwindigkeit von Mach 0,78 die Schubumkehr des linken Triebwerks wegen eines Konstruktionsfehlers ohne Zutun der Piloten geöffnet und das Flugzeug in die Tiefe gerissen hatte. Der Absturz wäre aber dennoch wohl vermeidbar gewesen, denn dass der Konstruktionsfehler überhaupt zum Öffnen der Schubumkehr führte, das war "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" auf beschädigte Leitungen im Bereich des "Strut" zurückzuführen - wie ein hochqualifizierter Gutachter im Auftrag der Staatsanwaltschaft Wien feststellte. Die "Mozart" hatte bereits seit gut einem halben Jahr Probleme mit der Schubumkehr des linken Triebwerks gehabt und hätte am Unglückstag deshalb gar nicht mehr fliegen dürfen. Bei der Wartung der Lauda Air an der Unglücksmaschine wurde auf Druck des Managements geschlampt und teilweise massiv gegen Wartungsvorschriften von Boeing verstoßen, wie die Staatsanwaltschaft Wien zweifelsfrei ermittelte. Sogar der qualitativ bei Weitem nicht so hochwertige Abschlussbericht der thailändischen Untersuchungskommission, in dem - anders als in der Expertise des österreichischen Gutachters - die Ursache für das Öffnen der Schubumkehr überhaupt nicht ermittelt werden konnte, stellte fest, dass Lauda Air bei der Wartung Fehler gemacht hatte.

Die Einvernahme des früheren Wartungschefs von Lauda Air, Hanns Pekarek (†), durch die Staatsanwaltschaft Wien bestätigt: Bei Lauda Air wurde enormer Druck auf das technische Personal ausgeübt; das hatte zur Folge, dass teils schwere Wartungsfehler gemacht und Flugzeuge in einem Zustand eingesetzt wurden, in dem sie nicht mehr hätten abheben dürfen.

In den vergangenen 15 Jahren arbeitete ich intensiv an meinem im Jänner dieses Jahres erschienen Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkastastrophe" (eine Rezension des früheren "COCKPIT-Chefredakteurs" zu meinem Buch finden Sie hier, das Linzer Stadtmagazin "LINZA" berichtete kürzlich ebenfalls darüber) und ging dabei auch der Frage nach, an welchen Orten die Hinterbliebenen, Freunde und ehemaligen Kollegen der 223 Toten eigentlich trauen (können). Die Antwort war ebenso überraschend wie erschütternd. Es gibt selbst heute - 35 Jahre nach dem Absturz - in ganz Österreich keine einzige offizielle Gedenkstätte für die 223 Menschen (213 Passagiere, darunter einige Kinder, und 10 Besatzungsmitglieder), die an Bord des Lauda Air Fluges NG 004 am 26. Mai 1991 ihr Leben verloren. 27 von ihnen - darunter etliche österreichische Staatsbürger und Südtiroler - konnten nie identifiziert werden und fanden in einem Gemeinschaftsgrab in Thailand ihre letzte Ruhe. Das ist ein Umstand, der für die Hinterbliebenen und Freunde - neben der fehlenden Betreuung durch die Lauda Air unmittelbar nach dem Absturz - eine weitere Belastung darstellt. Etliche Betroffene schilderten in persönlichen Gesprächen oder schriftlicher Korrespondenz, dass sie sich einen solchen Ort des Gedenkens dringend wünschen würden.

In meinem mehr als 450 Seiten starken Sachbuch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der Mozart - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe" stecken rund 15 Jahre intensive Arbeit. Für die großartige Unterstützung, die ich dabei von Angehörigen, Freunden und ehemaligen Kollegen der Opfer erfuhr, möchte ich mich herzlich bedanken.

Offizielle Gedenkstätten sind international üblich - in Österreich fehlt sie
Es liegt in der Natur der Sache, dass Hinterbliebene einen solchen Ort benötigen, um den Verlust ihrer Lieben zu verarbeiten - das hat sich bei anderen großen Katastrophen gezeigt, etwa beim Flugtagunglück im deutschen Ramstein (wo die Nachsorgegruppe gegen alle Widerstände der Politik einen solchen Gedenkstein "erkämpfen" musste; Tipp: Podcast von "tatsache" zum Thema), beim Absturz eines Pan Am Jumbos im Dezember 1988 über Lockerbie (Flug PA 103) oder beim Absturz von Germanwings Flug 9525, der vom psychisch kranken Co-Piloten Andreas Lubitz (allen unseriösen Verschwörungstheorien zum Trotz ändert sich an den forensischen Fakten nun einmal nichts, die klar die Verantwortung von Andreas Lubitz belegen) vorsätzlich herbeigeführt wurde. Auch beim in Österreich kaum bekannten Absturz (Bombenanschlag) einer DC-10-30 der französischen UTA (Flug 772) wurden anschließend Denkmäler erreichtet und zwar - wie auch bei den zuvor genannten Fällen - gleich mehrere: eines an der Absturzstelle in der Wüste und eines in Paris, dem Zielort, den die Maschine nie erreichte.

Im Fall von Ramstein gibt es einen Gedenkstein (ohne Namen) auf der Air Base (nicht öffentlich zugänglich) und eine weitere Gedenkstätte mit den Namen aller bekannten Opfer (70) außerhalb der Air Base.

Im Fall von Flug Germanwings 9525 (149 unschuldige Opfer) gibt es sogar zahlreiche Gedenkstätten ‒ unter anderem nahe dem Flughafen Barcelona (wo die Maschine gestartet war), auf dem Flughafen Düsseldorf (dem Zielort, den der Airbus A320 nie erreicht hatte) und in Le Vernet, wo in einem Gemeinschaftsgrab menschliche Überreste bestattet wurden, die keinem der Opfer (wobei alle 150 Insassen identifiziert wurden) mehr zugeordnet werden konnten. Auch in den Heimatgemeinden der Toten wurden zum Teil Erinnerungsstätten errichtet.

Nach dem erwähnten Absturz von Pan Am 103 (270 Tote) wurden in Großbritannien und den USA verschiedene Plätze zur Erinnerung an die Opfer gestaltet. In Lockerbie gibt es unter anderem den Garden of Remembrance.

Nach dem Crash von Swissair Flug SR 111 (1998) mit 229 Toten vor der Küste Neuschottlands wurden dort zwei Gedenkstätten errichtet ‒ eine weitere für die verunglückte
Besatzung befindet sich im ehemaligen Crewgebäude der Swissair, das heute von der Lufthansa-Tochter SWISS genutzt wird.

Viele Angehörige und Freunde der Lauda Air Absturzopfer fühlen sich von allen Seiten im Stich gelassen
Auf dem Flughafen Wien Schwechat, wo die "Mozart" der Lauda Air in den frühen Morgenstunden des 27. Mai 1991 landen hätte sollen und wo die Fluggesellschaft Lauda Air ihren Sitz hatte, erinnert dagegen bis heute rein gar NICHTS an die Besatzung und/oder die Passagiere von Flug Lauda Air NG 004. Dabei hätte der Flughafen Wien die Möglichkeit, zumindest in seinem Andachtsraum im Terminal 3 (ehemals Skylink) mit einer Gedenktafel an die Katastrophe zu erinnern. Auch in der Bundeshauptstadt Wien gibt es keinerlei Denkmal für sie, ebenso wenig wie an einem anderen Ort in Österreich. Dieses Fehlen einer würdigen Gedenkstätte auf heimischem Boden für die Opfer der schwersten österreichischen Luftfahrtkatastrophe (mehr als 100 der Toten waren österreichische Staatsbürger oder Südtiroler) ist ein Punkt, der von Hinterbliebenen und auch ehemaligen Mitarbeitern der Lauda Air immer wieder scharf kritisiert und/oder als besonders schmerzlich empfunden wird. Zwar hoffen einige, dass vielleicht zum 35. Jahrestag eine solche Gedenkstätte realisiert wird, doch tatsächlich haben die meisten keine Hoffnung mehr, dass sie das noch erleben.

Die Lauda Air existiert nicht mehr. Von der AUA als Gesamtrechtsnachfolgerin (so der juristische Terminus), welche die Marke Lauda Air bis vor einigen Jahren noch aktiv im Ferienflugsegment ("Lauda - the Austrian way to Holidays") nutzte und die noch heute Destinationen aus dem früheren Lauda Air Streckennetz mit einstigen Lauda Air Flugzeugen (Boeing 767 und Boeing 777) bedient, ist diesbezüglich mit Sicherheit nicht das geringste Engagement zu erwarten. Sie kümmert sich ja - obwohl sie laut Juristenansicht dazu verpflichtet wäre - noch nicht einmal um den Erhalt des Friedhofes in Suphan Buri (Thailand), der einzigen Gedenkstätte, die für die Unglücksopfer überhaupt existiert.

Jahrelang ließ die AUA als Rechtsnachfolgerin der Lauda Air den Friedhof in Suphan Buri verkommen, obwohl sie verpflichtet ist, für die Instandhaltung zu sorgen. Nachdem sich empörte Angehörige der dort Bestatteten an die österreichische Regierung gewandt hatten, wurde die Botschaft in Thailand einschaltet und zusammen mit den thailändischen Behörden wurde der Friedhof wieder in einen ausgezeichneten Zustand versetzt. Der ehemalige österreichische Botschafter Wilhelm Donko hat sich hierbei große Verdienste erworben und auch seiner Nachfolgerin Katharina Wieser ist das Thema ein großes Anliegen. Die AUA leistete im Jahr 2025 zwar auf medialen Druck hin (mehrere Journalisten hatten nach Hinweisen verärgerter Angehöriger in der Causa nachgefragt) eine niedrige Einmalspende, weigert sich aber weiterhin, ihrer Verpflichtung, die monatlichen Kosten für den Erhalt des Friedhofs zu tragen, nachzukommen - Foto: Österreichische Botschaft Bangkok

Dort sind jene 27 Opfer bestattet, die trotz aller Bemühungen der Kriminalisten und Gerichtsmediziner aus Österreich und Deutschland nicht identifiziert werden konnten. Obwohl die AUA als Rechtsnachfolgerin der Lauda Air laut Juristen außerdem verpflichtet wäre, den Angehörigen der dort bestatteten Opfer kostenlose Tickets zur Anreise zum Friedhof zur Verfügung zu stellen, verweigert die AUA das seit dem Jahr 2020 - nachdem sie es zuvor gut 20 Jahre lang getan hatte. Sie behauptet, dass sie das in den Jahren zuvor nur "freiwillig" gemacht habe - Juristen widersprechen dieser Haltung klar und sprechen von einer "Ausrede" der AUA. Angehörige kritisieren das Verhalten der AUA als "schäbig" und "unethisch".

Damit bliebe nur noch die Republik Österreich für die Umsetzung einer Gedenkstätte für die Opfer des Lauda Air Absturzes übrig. Angesichts der klammen Staatskasse und des Sparzwanges erscheint es aber mehr als unwahrscheinlich, dass sich die Republik Österreich für die Errichtung einer Gedenkstätte für die 223 Opfer der vermeidbaren Lauda Air Katastrophe stark macht. Und so werden die Angehörigen, Freunde und ehemaligen Kollegen der Verunglückten auch weiterhin keinen offiziellen öffentlichen Ort haben, an dem sie ihrer Lieben gedenken können.

Text: Patrick Huber