Es war im Herbst vergangenen Jahres, als mein lieber Freund Rudi Ster von der Interessengemeinschaft Luftfahrt Fischamend zu mir sagte: "Patrick, Tanja Chraust hat ein Buch über den Flughafen Innsbruck geschrieben. Hättest Du nicht Lust, es zu rezensieren?" Natürlich hatte ich das, denn der Name Tanja Chraust ist wohl jedem der sich mit der Tiroler Luftfahrt auch nur ansatzweise befasst, ein Begriff. Ster, Mitinitiator des Fischamender Jubiläums-Flugtages von 2009 und ein Mann mit Handschlagqualität, der mich auch bei meinem eigenen Buch über den Absturz der Lauda Air großartig unterstützte, sorgte dafür, dass ich das neueste Buch von Tanja Chraust wenig später in meinen Händen hielt. Schon dieser erste Eindruck war ausgesprochen positiv. Das Buch wurde im Format A4 (Querformat) ausschließlich als hochwertiges Hardcover veröffentlicht und hat über 360 Seiten. Die Texte sind alle auf Deutsch und Englisch, wodurch das Buch auch Käufer außerhalb des deutschsprachigen Raumes explizit anspricht. Die Übersetzung von Deutsch auf Englisch erfolgte durch Kathrin Oberhofer.
Schon die erste Doppelseite zog mich in ihren Bann - ein historisches s/w-Bild mit zwei Doppeldeckern und einem damals hochmodernen Wellblech-Eindecker der Firma Junkers. Tanja Chraust strukturierte ihr Werk, an dem sie bestimmt enorm lange gearbeitet hat (nach 26 selbst veröffentlichten Büchern weiß ich wie nur zu gut viel Herzblut und jahrelange Arbeit in jedem einzelnen Buch stecken) sehr gut und gliederte es in etliche Kapitel. Denn "den" einen Flughafen Innsbruck gibt oder gab es nicht. Der Flughafen wie wir ihn heute kennen, wurde nämlich erst 1948 eröffnet, doch bereits ab 1925 gab es in der Tiroler Landeshauptstadt einen Flughafen. Doch Tanja Chraust blickt noch weiter zurück in die Geschichte - denn schon vor der Errichtung des ersten Flughafens im Jahr 1925 wurde in Innsbruck fleißig geflogen.

So heißt das erste Kapitel auch folgerichtig "Das Fluggeschehen vor der Errichtung des Flughafens" und beginnt mit dem Innsbrucker Flugtag von 1912. Damals herrschte noch Österreichs ikonischer Kaiser Franz Joseph I. (an den im nordböhmischen Reichenberg/Liberec noch heute das ehemalige "Kaiser Franz Joseph Bad" - mittlerweile eine Kunstgalerie - erinnert)über den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn mit seinen rund 51 Millionen Einwohnern und das Werbeplakat für diese Veranstaltung zierte die berühmte Taube des sudetendeutschen österreichischen Flugzeugkonstrukteurs Igo Etrich, nach dem noch heute ein Verein von Flugzeugbauern benannt ist. In diesem Kapitel berichtet die Autorin außerdem vom ersten Luftangriff auf Innsbruck im Jahr 1918 und von der Landung der "Rückzugsmaschinen" im November 1918, als der Krieg verlorenging - und damit das Ende der k.u.k. Monarchie einläutete. Die für ihre akribische Recherche bekannte Tanja Chraust übertraf sich mit dem von ihr aus den Archiven für dieses Buch zu Tage geförderten Lichtbildmaterial selbst. Es müssen wohl dutzende, wenn nicht hunderte Stunden gewesen sein, die Frau Chraust alleine in die Bildrecherche investierte.


Das nächste Kapitel ("Der erste Flughafen in Innsbruck") befasst sich mit dem ersten Innsbrucker Flughafen, der von 1925 bis 1947 existierte und während des Zweiten Weltkrieges auch von der deutschen Luftwaffe genutzt wurde. Doch zurück zu den Anfängen des Innsbrucker Flughafens. Man lernt nie aus. Diese alte Weisheit traf wieder einmal zu, als ich dieses Buch durchlas, denn von "Höhentransporten" per Flugzeug hatte ich noch nie etwas gehört, ja mir war - ich muss es zugeben - sogar der Begriff fremd. Tanja Chraust erklärt es anschaulich. Bereits 1926 (Hubschrauber zur Versorgung hochalpiner Regionen gab es noch nicht) waren in Innsbruck gestartete Flugzeuge wichtige Bedarfsgüter in schwer zugänglichen Teilen Tirols ab. Der erste derartige Flug fand am 18. April 1926 (also vor circa 100 Jahren) statt - über dem Alpengasthof Kühtai in mehr als 2.000 Meter Seehöhe wurde Gefrierfleisch abgeworfen ... Zur Unterbringung der Luftfahrzeuge wurden zwei hölzerne Hangars errichtet, die später auf den neuen Flughafen Kranebitten übersiedelt wurden und noch heute genutzt werden!

Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 1948 in Kranebitten der heutige Flughafen errichtet. Seine Anfänge waren bescheiden, doch schon bald flogen hier neben Militärflugzeugen auch wieder zivile Flugzeuge und die neu gegründete Flugpolizei des Innenministeriums nutzte den Standort als Ausgangspunkt für Rettungs- und Überwachungsflüge - zunächst mit Flächenflugzeugen, später mit Hubschraubern.

Mit pedantischer Genauigkeit beleuchtet Tanja Chraust die Entwicklung der gesamten Luftfahrt (behördlich und zivil), erzählt die weitgehend unbekannte Geschichte der Innsbrucker Flugplatzrennen (ja, auch die gab es - wie einst in Aspern) und hat sogar die Notlandung mehrere amerikanischer A-10 wegen Treibstoffmangels in Innsbruck im Jahr 1979 dokumentiert - natürlich samt Lichtbild. Auch davon hatte ich als Ostösterreicher noch nie etwas gehört.
Eine bedeutende Rolle spielte der "neue" Innsbrucker Flughafen auch für die 1980 gegründete Tyrolean Airways - deren Geschichte ist untrennbar und eng mit jener des Flughafens verwoben und diese gemeinsame Historie wird textlich und bildlich umfassend dargestellt. Legendär sind auch die Flüge von Tyrolean mit Dash 7 zum Ski-Ort Courchevel in den französischen Alpen.



Es ist wohl keineswegs übertrieben zu sagen, dass Tanja Chraust mit ihrem Buch "100 Jahre Flughafen Innsbruck", das unter anderem direkt bei der Stadt Innsbruck oder (beispielsweise) in der "Wagner'schen Buchhandlung" erhältlich ist, das Standardwerk zur Geschichte des Flughafens der Tiroler Landeshauptstadt geschaffen hat. Damit hat sie die Messlatte für denjenigen, der im Jahr 2125 dann hoffentlich das Buch "200 Jahre Flughafen Innsbruck" herausgeben wird (hoffentlich) ausgesprochen hoch gelegt.
Ich danke Rudi Ster, dass er mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat und Tanja Chraust bzw. ihrem Verlag dafür, dass sie mir das Buch für meine Rezension zur Verfügung stellte.
Text: Patrick Huber
Fotos: ZVg Tanja Chraust, konkret: Stadtarchiv Innsbruck, Frischauffoto,Tanja Chraust