Reportagen

Lauda Air Absturz: Die Geschichte des Ersten Offiziers Josef Thurner

Die OE-LAV "Mozart" stürzte am 26. Mai 1991 als Flug NG 004 auf dem Weg von Hongkong via Bangkok nach Wien ab - Foto: Werner Fischdick.

Heute in exakt einer Woche jährt sich Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe, der Absturz der Lauda Air Boeing "Mozart" am 26. Mai 1991, zum 35. Mal. Unter den 223 Toten befand sich auch Co-Pilot Josef Thurner, ein liebevoller Familienvater und Fluglehrer aus dem Burgenland. Dies ist seine Geschichte.

Seit mehr als 30 Jahren befasse ich mich mit dem Thema Lauda Air Absturz, in den vergangenen 15 Jahren habe ich an meinem im Jänner 2026 erschienenen Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkastastrophe" gearbeitet. Eine Rezension meines Buches vom ehemaligen Chefredakteur des Fachmagazins COCKPIT finden Sie hier.

Im Zuge der Recherchen dazu konnte ich viel über die Lebensgeschichten einiger Passagiere und Crewmitglieder in Erfahrung bringen. Eine davon war die Geschichte von Josef Thurner, einem leidenschaftlichen Flieger und liebevollen Familienvater aus dem beschaulichen Donnerskirchen im Burgenland. Josef Thurner, von Freunden und Fliegerkameraden einfach nur Sepp genannt, hatte sich seinen Traum vom Fliegen erfüllt - deshalb war er der Co-Pilot von Lauda Air Flug 004 am 26. Mai 1991 und kam bei dem Absturz ebenfalls ums Leben.

Josef Thurner aus Donnerskirchen wurde im Jänner 1949 geboren und arbeitete als Fleischhauer. Ein fleißiger, bodenständiger Mann, ein "patenter Kerl", wie immer wieder zu hören ist. Die Fliegerei begeisterte ihn und er beschloss, dieser Faszination zu folgen und sie zu seinem Beruf zu machen. Sukzessive erwarb der Burgenländer auf eigene Kosten verschiedene Pilotenlizenzen und trat 1977 in den Sportfliegerclub Austria (SFCA) auf dem traditionsreichen Flugplatz Wiener Neustadt Ost (LOAN) ein. Beim SFCA engagierte sich Thurner unter anderem als Fluglehrer für angehende Privatpiloten und leitete die Sektion Kunstflug. Fliegerkameraden beschreiben ihn noch heute als herzensguten Kerl, als verlässlichen Kameraden, auf den man jederzeit zählen konnte. Ein Fliegerkamerad mit Handschlagqualität wie es sein soll. Denn in der Luftfahrt ist Teamwork alles.

Hier auf dem Flugplatz Wiener Neustadt Ost flog Josef Thurner in seiner Freizeit, war ein beliebter Fliegerkamerad.

Nach dem erfolgreichen Erwerb der Berufspilotenlizenz inklusive der Berechtigung, mehrmotorige Maschinen zu fliegen, heuerte Thurner bei Niki Laudas erster Lauda Air an, die ab 1979 mit Fokker 27 operierte, den Betrieb aber 1983 einstellen musste. Mit seiner ersten Frau Franziska hatte Josef Thurner drei Töchter, mit seiner zweiten Frau Regina eine weitere Tochter. Nach dem Aus der ersten Lauda Air setzte Thurner seine fliegerische Ausbildung fort und erhielt am 24. April 1985 seine Verkehrspilotenlizenz (ATPL) ausgestellt.

Im Jahr 1988 stieg Thurner dann bei Niki Laudas "zweiter" Lauda Air, die 1985 den Betrieb aufgenommen hatte, wieder als Pilot ein. Die Flotte bestand jetzt aus Boeing 737 und Boeing 767. Rasch wurde der Burgenländer Erster Offizier auf dem ganzen Stolz der Lauda Flotte - der Boeing 767-300ER, mit der die private österreichische Fluggesellschaft Destinationen auf der ganzen Welt bediente. Während die AUA-Piloten in ihren DC-9 und MD-80 nach Frankfurt, Zürich, London oder Rom flogen, sahen die Lauda Air Langstreckenflieger exotische Ziele wie Sydney, Miami, Hongkong oder Bangkok und genossen dort teils lange Aufenthalte zwischen ihren Flügen. Das entschädigte sie für die vergleichsweise harten Arbeitsbedingungen und das unterdurchschnittliche Gehalt bei Lauda Air.

Bis Frühjahr 1991 hatte Thurner etwa 6.500 Flugstunden Erfahrung auf zahlreichen Flugzeugmustern angesammelt. Am 18. Mai 1991 flog er als Erster Offizier im Cockpit einer Boeing 767-300ER der Lauda Air von Wien nach Bangkok und genoss dort einige freie Tage. Dann führte er als Co-Pilot einmal die Rotation Bangkok-Hongkok-Bangkok durch und hatte danach wieder einen kurzen Aufenthalt in Thailand. Am 26. Mai 1991 startete er dann schließlich gemeinsam mit Kapitän Thomas Welch und der achtköpfigen Kabinencrew in Bangkok zum Rückflug nach Österreich - Lauda Air NG 004, auf dem 213 Passagiere gebucht waren.

15 Minuten nach dem Start öffnete sich aufgrund eines Konstruktionsfehlers - wohl begünstigt durch Wartungsmängel bei Lauda Air - in rund 7.500 Metern Flughöhe die Schubumkehr des linken Triebwerks und riss die Boeing 767-300ER (OE-LAV) "Mozart" in die Tiefe. Thurner und sein Kapitän versuchten alles, um das Unglück zu vermeiden, doch die beiden Männer waren chancenlos. Alle 223 Menschen an Bord der OE-LAV starben.

Inmitten anderer verdienter Piloten, die auf dem Flugplatz Wiener Neustadt wirkten, hängt im Fliegerstüberl ein großes Bild von Josef Thurner.

Josef Thurner konnte relativ zeitnah nach dem Absturz durch die Arbeit des österreichischen Gerichtsmediziners Prof. Dr. med. Christian Reiter identifiziert und nach Österreich überstellt werden. Er fand seine letzte Ruhe im Familiengrab auf dem idyllischen Dorffriedhof von Donnerskirchen - dort, wo die Flugzeuge beim Anflug auf die 34 über dem Neusiedler See einkurven. Auch, wenn Josef Thurner eines der 223 Opfer von Österreichs größter Flugzeugkatastrophe wurde - in den Herzen seiner Familie, seiner ehemaligen Kollegen und Freunde lebt er weiter. Selbst auf dem Flugplatz Wiener Neustadt und beim SFCA ist Josef Thurner 35 Jahre nach seinem Tod unvergessen. Sobald in Gesprächen das Thema auf das Lauda Air Unglück kommt, gibt es immer irgendeinen Piloten, der stolz verkündet: "Ja, der Thurner Sepp, der ist bei uns geflogen." Und im Fliegerstüberl hängt seit Jahrzehnten ein Foto, das einen glücklichen Josef Thurner im Cockpit einer Boeing 767-300ER zeigt und ihm so ein Denkmal für die Ewigkeit setzt.

Text & Bildmaterial (sofern nicht anders angegeben): Patrick Huber