Zur Einleitung - was sind Tragschrauber?
Tragschrauber sind weder Flugzeug noch Hubschrauber, sondern eine eigene Gattung Luftfahrzeug. Man nennt sie auch Gyrocopter. Moderne Tragschrauber werden in der Regel von einem Druckpropeller hinter der Kabine/Fluggastzelle angetrieben. Durch die Vorwärtsgeschwindigkeit des Luftfahrzeuges wird der Rotor in Bewegung (Autorotation) versetzt. Tragschrauber benötigen nur eine sehr kurze Start- und Landestrecke, sind verhältnismäßig günstig zu betreiben und haben - anders als Flächenflugzeuge - keine Überziehgeschwindigkeit. Sie können daher enorm langsam fliegen. Dafür gibt es fliegerisch einige andere Besonderheiten zu beachten. Manöver mit negativer G-Belastung sind tabu und haben in der Vergangenheit (aerodynamisch bedingt) zu zahlreichen tödlichen Unfällen geführt. Bei richtiger Handhabung durch den Piloten
Der Unfall
Gestern befand sich ein zweisitziger Tragschrauber auf einem Flug durchs Antrona-Tal beim Campliccioli-See. Dabei dürfte der Pilot eine querverlaufende Materialseilbahn übersehen haben. Der Gyrocopter flog frontal mit verhältnismäßig hoher Vorwärtsgeschwindigkeit in die Stahlkabel. Durch die Kollision brach unmittelbar der Rotormast, das Fluggerät wurde unsteuerbar. Nur eine Sekunde danach entzündete sich der Kraftstoff explosionsartig und das Fluggerät stürzte brennend ab.

Die beiden Insassen - der 62-jährige Alessandro Muscinelli aus Premeno und die 63-jährige Antonella Pagliarani aus Mailand - hatten keine Überlebenschance.
Stromleitungen und (nicht oder unzureichend gekennzeichnete) Heuseile/Materialseilbahnen haben im alpinen Gelände in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu schweren und tödlichen Unfällen geführt. So stürzte im Jahr 1992 nach der Kollision mit einer nicht in den Luftfahrkarten verzeichneten Heuseil der Notarzthubschrauber Christophorus 5 in Tirol ab. Die am Tau hängende junge Notärztin starb, Pilot und Sanitäter wurden schwer verletzt. Und im Mai 2017 verunglückte ein privater Bell 47 nach der Kollision mit dem Kabel einer Materialseilbahn - ebenfalls in Tirol.
Weshalb die Piloten des Tragschraubers in Italien die Hochspannungsleitungen nicht erkannten (auf den Amateur-Videoaufnahmen vom Unfall ist keinerlei Ausweichmanöver zu sehen) wird möglicherweise nie geklärt werden können.
Italienische Medien berichteten unter Berufung auf den lokalen Bürgermeister, dass sich die Materialseilbahn mit welcher der Gyrocopter kollidierte, seit "sechzig Jahren an dieser Stelle" befinde.
Text: Patrick Huber