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Flugtagunglück von Ramstein 1988: Interview mit Kameramann Detlev Hosser

Außerhalb der Air Base erinnert seit 1995 ein Gedenkstein an die namentlich bekannten 70 Opfer des Flugtagunglücks sowie an alle, die an den Folgen verstorben sind; das Mahnmal wurde von den Hinterbliebenen und Überlebenden gegen massive Widerstände der Politik auf eigene Kosten errichtet - Foto: Huber / Austrian Wings Media Crew

Am 28. August 1988 starben beim Flugtagunglück von Ramstein nach offiziellen Angaben 70 Menschen, wahrscheinlich jedoch deutlich mehr. Zum 31. Jahrestag der Tragödie sprach Austrian Wings mit Kameramann Detlev Hosser. Seine Bilder von der Katastrophe gingen damals in den Nachrichten um die Welt.

Bis zu 350.000 Besucher aus Deutschland und anderen Ländern Europas strömten am 28. August 1988 zum "Flugtag 88" auf den US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt im deutschen Ramstein. Um 15:44 Uhr kollidierte der Solopilot der italienischen Kunstflugstaffel Frecce Tricolori mit zwei anderen Maschinen. Die Solomaschine stürzte brennend ins Publikum - mindestens 70 (namentlich bekannte) Menschen starben, rund 1.000 wurden verletzt, etwa 400 davon schwer.

"Der Körper fühlte sich an wie gekocht."
Detlev Hosser

Bis heute leiden Überlebende und Hinterbliebene zum teil an schweren körperlichen und seelischen Narben. Unterstützung finden sie in der von Sybille und Hartmut Jatzko sowie Heiner Seidlitz ins Leben gerufenen Nachsorgegruppe - um den Bedarf an entsprechender Betreuung nachhaltig langfristig zu sichern, haben sie mittlerweile die Stiftung Katastrophen Nachsorge gegründet.

"Wenn wir alle dazuzählen, die an den Folgen gestorben sind, dann kommen wir mit Sicherheit auf über 100 Tote - durch körperliche und seelische Schäden."
Therapeutin Sybille Jatzko

Kameramann Detlev Hosser (DH) war damals mit seiner Schwester als Kameraassistentin und einem weiteren Kollegen für den Südwestfunk (heute SWR) vor Ort. Austrian Wings (AW) schildert er, wie er diesen historischen Tag erlebt hat.

AW: Herr Hosser, wie lange waren Sie 1988 schon in Ihrem Beruf tätig?

DH: Damals war ich bereits seit circa zwölf Jahren als Kameramann für den damaligen Südwestfunk im Einsatz.

AW: Wie kam es, dass Sie am 28. August 1988 auf der Air Base in Ramstein im Einsatz waren?

DH: Als freies Kamerateam waren wir sehr oft in Ramstein, da es räumlich sehr nah an unserem Heimatort gelegen ist und es damals auch noch nicht so viele Kamerateams gab.

AW: Waren Sie am 28. August 1988 das erste Mal auf dem Militärstützpunkt Ramstein oder haben Sie auch schon von früheren Flugtagen berichtet?

DH: Nein, es war nicht das erste Mal. Ich schätze mal, dass wir dort insgesamt etwa zehn Flugtage mit der Kamera begleitet haben.

AW: Waren Sie am Tag des Unglücks von Beginn an auf der Air Base, oder erst ab zu Mittag, als die Flugvorführungen begannen?

DH: Unsere Reportage über den Flugtag begann bereits am frühen Morgen. Das "Durchstoßene Herz" der italienischen Staffel Frecce Tricolori war als Hauptattraktion für unseren Beitrag natürlich wichtig und somit war ein voller Drehtag dort eingeplant.

Detlev Hosser (Foto: https://foto-hosser.de)

AW: Können Sie kurz Ihre Eindrücke vom Tag schildern, sprich wie war die Stimmung auf dem Gelände vor dem Unfall?

DH: Es war ein enorm heißer Tag. Am Morgen haben wir Demonstrationen gegen den Flugtag aufgenommen. Wegen des penetranten Geruchs von Kerosin hatte ich aber schon den ganzen Tag ein mulmiges Gefühl, wobei ich nicht sagen kann weshalb. Es war einfach so ein Bauchgefühl, wie es vermutlich jeder Mensch im Leben schon einmal in irgendeiner Situation gehabt hat. Bis zum Zeitpunkt des Unglücks war die Stimmung bei den Befürwortern ausgelassen und fröhlich. Die Menschen freuten sich über tolle Flugvorführungen, aßen Hamburger und amerikanische Ice Cream, konnten in Kampfflugzeuge steigen oder mit Waffen posieren. Es war einfach ein richtiger Familientag nach dem sprichwörtlichen Motto: "American Way of Life".  Für uns war es alles in allem ein normaler Drehtag bis zur Katastrophe. Gleichzeitig war es aufgrund der langen Dauer und der Hitze für unser Team aber auch sehr anstregend.

AW: Einige Besucher und Fotografen schilderten, dass sie beim "Durchstoßenen Herz" der Frecce Tricolori entweder schon ein „ungutes Gefühl" hatten oder, so ein Polizist in einem Interview, „ganz klar" gesehen hatten, dass sich „das nicht ausgehen" würde. Wie war es bei Ihnen? Haben Sie ebenfalls „früh" erkannt, dass es zur Kollision kommen würde, oder wurden Sie völlig überrascht von dem Crash?

DH: Normalerweise haben wir an solchen Flugtagen in Ramstein viel weiter vorne, näher zur Absturzstelle, gestanden. An diesem Tag hatte ich aber - auch auf Grund einer Vorwarnung meines Vaters - ein sehr ungutes Gefühl und habe den Reporter und meine Schwester, die als Kameraassistentin fungierte, überredet an einen Standort zu gehen der weiter hinten lag und diese Tatsache hat uns wohl vor Schlimmerem oder gar dem Schlimmsten bewahrt. Persönlich glaube ich nicht daran, dass jemand hätte es so hervorsehen können. Vielleicht sind das eher Gedanken im Nachhinein, es ist alles in einem Bruchteil einer Sekunde passiert, für mich unmöglich es vorherzusehen.

AW: Können Sie genau schildern, wie sie die letzten Sekunden vor dem Crash erlebt haben?

DH: Ich habe die Flugzeuge sehr dicht verfolgt, hatte mein linkes Auge geschlossen um mich voll und ganz auf meinen Ausschnitt im Schwarz-Weiß-Sucher der Kamera zu konzentrieren. Plötzlich merkte ich, dass etwas komisch war, irgendetwas gehörte in diesem Moment nicht dorthin. Ich riss mein linkes Auge auf und merkte was da auf uns zukam. Reflexartig ging ich per Zoom in den Weitwinkel und erwischte so den Moment des Aufpralls.

AW: Wenn man sich Ihre Aufnahmen ansieht, hat man das Gefühl, dass Sie trotz ihres Standortes "weiter hinten" immer noch in der Gefahrenzone waren. Wie haben Sie das empfunden und wurden Sie verletzt?

DH: Als die Feuerwalze immer näher kam, löste ich meine Hände von der Kamera, warf mich auf meine Schwester und war mir sicher, dass unser Leben hier und jetzt enden würde. Der Redakteur war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an unserer Seite weil er mit dem ersten Material schon Richtung Mainz aufgebrochen war. Die Gewichtseinstellung des Stativs hatte ich so eingestellt, dass die Kamera immer Richtung Himmel geneigt war ohne meine Zutun um mir die Arbeit etwas zu erleichtern. Durch diese Tatsache schwenkte die Kamera nach oben und zeigte zum Glück nur die Rauchsäule und nicht das Elend der Verletzten und sterbenden Menschen. Als wir auf dem Boden lagen rollte eine unglaubliche Hitzewelle über uns hinweg. Man hat da wirklich die Phase in der man mit dem Leben abschließt und denkt an die banalsten Dinge, von wem hast du dich nicht verabschiedet, wem wolltest du noch etwas sagen ... Irgendwann denkst du, du bist nicht tot, du lebst noch und als Journalist fängst du wieder an deiner Arbeit nachzugehen. Natürlich habe ich nur die Bilder gezeigt die menschlich und moralisch verantwortbar waren, es ging rein um die nachrichtenrelevante Berichterstattung im Sinne der öffentlich-rechtlichen Denkweise und nicht um "Bildzeitungsjournalimus". Der Körper fühlte sich zwar an wie gekocht aber zum Glück haben wir keine Verletzungen davongetragen.

AW: Die Amerikaner haben ja die Basis sofort nach dem Unglück abgeriegelt. Wie ging es für Sie weiter und wie haben Sie es überhaupt geschafft, Ihr Material, das ja am Abend noch in den Nachrichten gesendet wurde „rauszubringen"? Heutzutage würde das ja einfach per Laptop und mobilem Internet funktionieren.

DH: Das Material wurde durch einen sowieso bestellten Motorradfahrer abgeholt, der es durch dieses ganze Chaos zum Sender nach Mainz schaffte, wodurch die Aufnahmen dann am gleichen Abend in der Tagesschau gezeigt werden konnten. Wie ihm das genau gelungen ist, weiß ich nicht, denn wie Sie richtig sagen, es war ja alles abgesperrt. Meine Schwester und ich haben uns dann den Weg rausgesucht, dafür allerdings etwa drei Stunden benötigt.

AW: Die Überlebenden und Hinterbliebenen sind ja nach dem Unglück völlig unterschiedlich mit dem Erlebten umgegangen. Es gab solche, die körperlich unversehrt waren, aber deren Seele so verletzt war, dass sie sogar Suizid verübt haben. Dann gibt es welche, die bis heute Schwierigkeiten haben, überhaupt nur ein Flugzeug zu besteigen. Andere wiederum gehen weiterhin leidenschaftlich gerne auf Airshows. Wie ist das bei Ihnen? Wie lange haben Sie gebraucht, um das Geschehen zu verarbeiten und wie geht es Ihnen heute?

DH: Wir hatten den Vorteil durch unseren abwechslungsreichen Beruf schon am nächsten Tag wieder unterwegs zu sein und somit hatte man gar keine Zeit den Tag über irgendwelchen negativen Gedanken nachzugehen. Nachts holten einen die Bilder natürlich noch des Öfteren ein aber nach einiger Zeit war dieser Umstand glücklicherweise auch vorüber. Durch meine Arbeit musste ich auch immer mal wieder in ein Flugzeug aber das stellte für mich auch eher kein Hindernis dar.

AW: Wie stehen Sie eigentlich zu Airshows generell?

DH: Ich persönlich kann Flugshows nicht gutheißen und würde alle Veranstaltungen dieser Art verbieten.

AW: Herr Hosser, wir danken für das Gespräch.

(red HP)