Birgit Wiesinger aus der steirischen Region Mürztal trat 1988 in die Lauda Air ein. Zunächst flog sie als Flugbegleiterin auf der Kurz- und Mittelstrecke auf Boeing 737. Als dann die Boeing 767-300ER (zuerst die OE-LAU "Johann Strauß", kurz darauf die OE-LAV "Mozart") zur Flotte stieß, ging sie auch auf die Langstrecke und machte schnell Karriere. Mit ihrer Akribie und ihrer Kundenorientiertheit setzte sie Servicestandards, wurde zunächst Senior-Flugbegleiterin, später Purserin (Kabinenchefin). Wiesinger definierte regelmäßig ein "Ziel des Monats", um ihre Kolleginnen und Kollegen in der Kabine anzuspornen. Am 1. Mai des Jahres 1990 ‒ rund ein Jahr vor dem Absturz der "Mozart" ‒ war beispielsweise die korrekte Anwendung der Cocktailservietten beim Bordservice das Monatsziel. Sie rief den anderen Flugbegleitern in Erinnerung, dass "das Logo auf der Serviette, also der Engel, in Richtung Passagier" gerichtet sein müsse. Es dürften außerdem nur Servietten verwendet werden, die "in Ordnung", also nicht "kaputt oder verschmutzt", seien. Denn: "Damit sind wir unserer Perfektion wieder ein Stück näher und ich wünsche Euch many perfect services", so Wiesinger auf dem Schriftstück.
Auch privat lief es für die attraktive Steirerin bestens. Sie war mit Dietmar N., einem Mitarbeiter eines Printmediums liiert. Das Paar plante bereits seine Hochzeit, die auf der Trauminsel Aruba stattfinden sollte - es war Birgit Wiesinger Lieblings-Reiseziel. Um mehr Zeit für ihre Beziehung zu haben, wollte Wiesinger die Fliegerei auf der Langstrecke aufgeben. „Der Flug am 26. Mai von Bangkok nach Wien wäre Birgits letzter Flug auf der Langstrecke gewesen, danach hätte sie nur noch auf der Boeing 737 fliegen sollen“, schilderte Otti Wegrostek (geborene Charistos), damals als Cabin Crew Managerin bei der Lauda Air, mir bei meinen Recherchen für mein Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe". Ich bin Frau Wegrostek für ihre Unterstützung meiner Arbeit zu großem Dank verpflichtet.

Eigentlich wäre Wiesinger für eine andere Rotation eingeteilt gewesen, doch weil die ursprünglich vorgesehene Kollegin andere Verpflichtungen hatte, wies die Crew Control der Lauda Air Birgit Wiesinger diesen Flug zu. Damit flog die 29-Jährige am 18. Mai 1991 erst einmal von Wien nach Bangkok, hatte dann dort einige Tage frei, arbeitete danach einmal auf der Strecke Bangkok-Hongkong-Bangkok. Dann gab es erneut ein paar freie Tage und am 26. Mai 1991 sollte es schließlich als Purserin nach Wien zurück gehen.
Als Wiesinger die Maschine mit der Kennung OE-LAV am Abend des 26. Mai 1991 als Purserin übernahm, führte sie ein Übergabegespräch mit ihrer Kollegin Andrea Sch. - bei dieser Konversation ging es unter anderem um eine spezielle rosarot verzierte Torte für eine Reisende auf Platz 7G, die Geburtstag hatte. Doch die Torte erreichte ihre Empfängerin nicht mehr.
Denn 15 Minuten nach dem Start öffnete sich die Schubumkehr des linken Triebwerks der "Mozart" und riss die Maschine sowie alle 223 Menschen an Bord ins Verderben. Dabei hätte die "Mozart" seit Jänner gar nicht mehr fliegen dürfen, wie ein staatsanwaltschaftlicher Gutachter im Nachgang der Katastrophe feststellte. Ihr Verlobter Dietmar N. kam nie über den Verlust der 29-Jährigen hinweg, wie ehemalige Lauda Air Mitarbeiter schilderten. Auch in seinem Job veränderte N. sich, isolierte sich selbst - und war eines Tages verschwunden. Danach verlor sich seine Spur.

Birgit Wiesingers Leichnam konnte identifiziert werden und nach Österreich überstellt werden. Sie ruht in einem von ihrer Familie gepflegten Grab auf einem idyllischen Friedhof im steirischen Mürztal.
Text: Patrick Huber