Das Unglücksflugzeug, die Boeing 767-3Z9ER, OE-LAV, "Mozart", flog zunächst am 25. Mai 1991 von Wien nach Bangkok, wo sie in den frühen Morgenstunden des 26. Mai 1991 ankam. Dort verließ die Crew die Maschine, eine neue (bereits seit einigen Tagen in Thailand befindliche) Besatzung übernahm die "Mozart" und führte die Rotation Bangkok-Hongkog-Bangkok durch. Der in Bangkok stationierte Lauda Air Techniker Peter K. begleitete den Flug spontan auf dem Jumpseat im Cockpit. Als die OE-LAV am Abend des 26. Mai 1991 wieder in Bangkok landete, endete für die Piloten und Flugbegleiter der Dienst. Sie hatten nun wieder einige Tage frei und blieben in Bangkok. Auch Techniker Peter K. stieg aus und ging in Bangkok wieder seiner Arbeit nach. Eine ausgeruhte 10-köpfige Besatzung, bestehend aus zwei Piloten, sieben weiblichen und einem männlichen Flugbegleiter, sollte die "Mozart" nun als Flug NG 004 von Bangkok nach Wien fliegen. Ihr Kommandant war der Amerikaner Thomas Welch, kurz Tom genannt, der mit seiner Crew am 18. Mai 1991 in Thailand angekommen war und jetzt nach Österreich zurückkehren sollte, wie für mein Buch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe" (erhältlich unter anderem beim Falter Buchshop, bei Manz.at oder Freytag & Berndt sowie grundsätzlich allen österreichischen und deutschen Buchhandlungen) recherchiert habe.

Welch war 48 Jahre alt und konnte auf eine jahrzehntelange Karriere in der zivilen Luftfahrt zurückblicken. Vor seiner Zeit bei Lauda Air war er bei Eastern Airlines in den USA geflogen, einer Fluglinie, die damals in einem Atemzug mit klingenden Größen wie Pan Am, United Airlines oder American Airlines genannt wurde. Dort war Welch unter anderem als Kapitän auf Boeing 727 und Boeing 757 im Einsatz. Die Boeing 757 ist die "kleinere Schwester" der Boeing 767. Piloten benötigen für beide Muster lediglich ein gemeinsames Type Rating. Doch Eastern Airlines, diese einst fixe Größe am amerikanischen Airline-Himmel, war Anfang 1989 in die Pleite geschlittert. Tausende Mitarbeiter standen plötzlich auf der Straße und mussten sich nach neuen Jobs umsehen. Welch heuerte gemeinsam mit einigen anderen amerikanischen Piloten bei Lauda Air in Österreich an. Die Männer teilten sich eine kleine Wohnung in Wien und pendelten zwischen den USA und Österreich, nutzen dafür oft die belgische Fluggesellschaft Sabena.
Tom Welch besaß eine von der FAA ausgestellte US-amerikanische Verkehrspilotenlizenz (ATPL, Nummer 1589103) und Typenberechtigungen für die Boeing 757, die Boeing 767 und die Boeing 727. Außerdem umfasste die Berechtigung einmotorige Landflugzeuge. Darüber hinaus war Welch noch Inhaber einer US-Berechtigung als Flugingenieur (Nr. 1825915). Die Republik Österreich hatte diese Lizenzen per Bescheid Nummer 5227 vom 19. Dezember 1990 befristet bis 31. Dezember 1991 anerkannt. Der mit einer Flugbegleiterin aus Boston verheiratete Amerikaner war Vater von zwei erwachsenen Kindern (19 beziehungsweise 23 Jahre alt) und verfügte mit Stichtag 25. April 1991 über eine Gesamtflugerfahrung von 11.750 Stunden. Seine Frau Mary bereitete sich schon auf die Übersiedlung von den USA nach Wien übersiedeln vor, wo das Paar künftig gemeinsam leben wollte.
Doch dazu kam es nicht mehr. Gegen 23 Uhr Ortszeit startete die "Mozart" in Bangkok und begann ihre Reise nach Wien. Doch wenige Minuten nach dem Start erhielten die Piloten eine Fehlermeldung für die Schubumkehr. Welch und sein Kollege Josef "Sepp" Thurner diskutierten darüber und konsultierten das "Qick Reference Handbook", in dem stand, dass "zusätzliche Systemfehler eine Schubumkehr-Aktivierung während des Fluges" auslösten könnten. Das Boeing-Handbuch enthielt allerdings keinen Gefahrenhinweis und erlaubte den Piloten, den Flug fortzusetzen - was sie taten. Was Welch und sein Erster Offizier dabei aber wohl nicht wussten war, dass die "Mozart" gar nicht mehr hätte fliegen dürfen. Denn erstmals war eine Fehlermeldung für die Schubumkehr des linken Triebwerks bereits am 28. Dezember 1990 aufgetreten. Wie der staatsanwaltschaftliche Gutachter, Prof. DDipl. Ing. Dr. techn. Ernst Zeibig, nach dem Absturz herausfand, hätte der Fehler binnen 500 Stunden behoben oder das Flugzeug - bei nicht erfolgter Fehlerbehebung - außer Betrieb genommen werden müssen. Die Lauda Air Warte konnten den Fehler allerdings nicht beheben, die 500-Stunden-Frist war Ende Jänner 1991 abgelaufen. Damit hätte die "Mozart" nicht mehr betrieben werden dürfen. Doch Lauda Air ignorierte das und flog die Boeing 767 weiter. Nicht nur ein Verstoß gegen die Vorschriften, sondern letzten Endes ein tödlicher Fehler. Das Unglück wäre "vermeidbar" gewesen, konstatierte sogar der zuständige Wiener Staatsanwalt später. Denn als die "Mozart" am 26. Mai 1991 abstürzte, war sie mehr als 2.000 Stunden mit einem bekannten Fehler geflogen, der nach spätestens 500 Stunden behoben sein hätte müssen.
Nur 15 Minuten nach dem Start in Bangkok am 26. Mai 1991 öffnete sich die Schubumkehr des linken Triebwerks der "Mozart" und riss die Maschine sowie alle 223 Menschen an Bord ins Verderben. 29 unendlich lange Sekunden kämpften Kapitän Welch und sein Co-Pilot darum, die Kontrolle über die Boeing 767 wiederzuerlangen. Auf den Aufnahmen des Stimmenrekorders war zu hören, wie sie aufgrund der enormen Kräfte, die auf sie einwirkten immer schwerer atmeten. Aber sie waren bei Bewusstsein und versuchten alles, um das Flugzeug und ihre Passagiere zu retten. In ihrer Verzweiflung unterbrachen die beiden Männer sogar noch manuell die Treibstoffzufuhr des linken Triebwerks. Doch es war zu spät. Durch das Öffnen der Schubumkehr war es nämlich zu einem schlagartigen Auftriebsverlust von mindestens 25 Prozent an der linken Tragfläche gekommen. Die Besatzung hatte keine Chance. Die "Mozart" zerbrach noch in der Luft aufgrund struktureller Überlastung der Zelle, austretender Treibstoff entzündete sich und die brennenden Trümmer stürzten in den thailändischen Dschungel.
Die Leiche von Kapitän Thomas Welch konnte geborgen und identifiziert werden.
Text: Patrick Huber