Wer aus meiner Generation, ich wurde 1971 geboren, kann sich nicht an das tragische Flugzeugunglück im Mai 1991 erinnern bei dem 223 Menschen ihr Leben verloren. Als die Nachricht in Österreich ankam, dass eine BOEING 767-300ER der Lauda Air kurz nach dem Start in Thailand abgestürzt sei, wollte man es zunächst gar nicht wahrhaben, dass so etwas überhaupt passieren kann. Dass es sich dabei auch noch um ein Flugzeug der Lauda Air handelte, also eines von „unserem Niki Nationale“ gab dem ganzen Ereignis zumindest gefühlt eine noch größere Tragweite und Brisanz.
Recht bald grassierten Gerüchte über eine Auslösung der Schubumkehr im Flug aufgrund von technischen Problemen. Die meisten Berichte und Reportagen deuteten in die Richtung, dass ein Konstruktionsfehler ursächlich für das Unglück sei und die Verantwortung dafür beim Flugzeughersteller BOEING lag. Niki Lauda persönlich trat mehrfach im Fernsehen auf und vermittelte damals glaubhaft alles ihm Mögliche zur Aufklärung des Unglücks beizutragen und an der Ermittlung der Unfallursache aktiv mitzuwirken. Und somit blieb mir und wohl auch dem Großteil der Bevölkerung die Conclusio in Erinnerung, dass die Schuld für das technische Gebrechen, das zum Absturz geführt hat, allein am Flugzeughersteller BOEING lag, der die Hinterbliebenen dann auch mit einer nicht bekannten Geldsumme entschädigte.
Doch gibt es in der Rückschau wohl auch einige Fakten und fundierte Erkenntnisse, die ein anderes Bild auf die gesamte Causa werfen. Eben diesen Aspekten widmet sich Patrick Huber in seinem Buch: LAUDA AIR NG 004: Der letzte Flug der „Mozart“. Ich hatte das Privileg das Buch als einer der ersten schon vorab Korrekturlesen zu dürfen und es hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Ohne zu viel zu verraten, möchte ich einen kleinen Einblick darüber geben, was die Qualität und die Bedeutung dieses Buches für mich ausmacht.
Sofort nach dem Erscheinen habe ich mir das Buch als Hardcover bestellt und war schon beim Auspacken über den haptischen Eindruck begeistert. Das Buch hat ca. 450 Seiten und ist mit zahlreichen Fotos und Faksimiles illustriert. Es greift sich sehr wertig an und liegt mit dem Format A5 perfekt in der Hand.

Auf der Rückseite findet man eine sehr ausführliche Inhaltsangabe, die einen schon das erste Mal ungläubig staunen lässt. Hier spricht der Autor bereits von einem brisanten Gutachten eines höchst renommierten Sachverständigen. Dieses zeigte gravierende Wartungsmängel seitens der Lauda Air auf, die sich über einen Zeitraum schon lange vor dem Unglück erstreckten. Auf Grund dieser Mängel hätte die Mozart die letzte Rotation von Wien aus gar nicht mehr fliegen dürfen. Es wird von enormem Druck seitens des Managements und auch von Niki Lauda persönlich auf das Wartungspersonal gesprochen, was sich auch in der Tatsache begründet, dass der Lauda Air nur zwei Flugzeuge des Typs BOEING 767-300ER zur Verfügung standen. Jeder Ausfall der Maschinen hätte große finanzielle Einbußen bedeutet, da im Gegensatz zu größeren Airlines keine Ersatzmaschinen zur Verfügung standen. Eine daraus resultierende offenbar sehr nachlässige Sicherheitskultur hatte sogar die Folge, dass der Technische Direktor der Lauda Air aus eigenen Stücken das Unternehmen verließ und seiner Familie Flugverbot mit der Lauda Air erteilte. Ein halbes Jahr später stürzte die Mozart in den thailändischen Dschungel.
Auch was die Betreuung der Hinterbliebenen nach dem Unfall betrifft, hat sich die Airline nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Ein Teil der Leichen konnte 1991 nicht identifiziert werden, da die DNA-Analyse damals noch nicht in der entsprechenden Form zur Verfügung stand. Das persönliche Versprechen Niki Laudas dies bei Vorhandensein dieser Analysetechniken nachzuholen, wurde auch nie eingelöst was bei vielen Hinterbliebenen ebenfalls auf großes Unverständnis gestoßen ist.
Nachdem ich nunmehr einige brisante Aussagen aus dem Buch dargelegt habe, möchte ich zum entscheidenden Punkt kommen. Im Gegensatz zu zahlreichen reißerischen Büchern und Reportagen, die mit spektakulären Headlines großes Interesse erzeugen aber den Leser dann ohne belastbare Aussagen und Erkenntnisse zurücklassen, versteht es Patrick Huber wie kaum ein anderer seine Behauptungen derart ausführlich und fundiert mit Fakten zu belegen dass keine Frage offenbleibt. Sein Schreibstil wird sowohl dem versierten Insider als auch dem interessierten Leser ohne große Affinität zur Luftfahrzeugtechnik gerecht. Das Buch liest sich tatsächlich wie ein Krimi, bei welchem nach einem kurzen Abriss der Thematik im Prolog die Protagonisten detailliert und sehr anschaulich beschrieben werden. In diesem Fall sprechen wir hierbei zuerst von der Fluglinie Lauda Air, deren gesamte Geschichte mit allen Highlights und finanziellen Rückschlägen dargestellt wird. Es kommen dabei zahlreiche ehemalige Mitarbeiter zu Wort, welche einerseits den familiären Umgang innerhalb der relativ kleinen Airline als auch den besonderen Spirit sehr positiv nachzeichnen. Andererseits werden auch der große Druck und der lange Arm des Chefs, der sich überall einmischt, auch bei der Wartung, immer wieder betont.
Auch die Entwicklung der BOEING 767 wird sehr ausführlich und fachlich fundiert abgehandelt und gibt somit auch interessante Einblicke in die generelle Entwicklung der Langstrecken-Fliegerei von den legendären Vierstrahlern bis zu den heutigen modernen 2-strahligen Großraumjets. Auch hier kommen sowohl fachlich fundierte Leser (ETOPS, Nebenstromverhältnis, ...) als auch der „normale Leser“ voll auf ihre Kosten. Natürlich wird dann auch das konkrete Unglücksflugzeug „Mozart“ bis ins letzte Detail vorgestellt und auch in diesem Fall liefert Patrick Huber wieder äußerst detaillierte Fakten und unglaublich spannende Informationen.
Natürlich werden auch die verunglückten Personen eindringlich beleuchtet, besonders die Mitglieder der Crew aber auch die Hintergrundgeschichten vieler Passagiere werden sehr berührend und respektvoll dargestellt.
Nachdem nunmehr alle Protagonisten vorgestellt wurden, zeichnet der Autor die gesamte letzte Rotation der Mozart ab Wien minutiös nach, um dann den Unglücksflug bis ins kleinste Detail zu rekonstruieren. Wie eingangs schon bemerkt findet man sich spätestens hier in einem schaurigen Krimi wieder, der einen die Dramaturgie dieser furchtbaren Tragödie hautnah miterleben lässt. Sämtliche Funksprüche und Konversationen der Piloten sowie die auftretenden Fehlermeldungen im Cockpit werden rekonstruiert. Während man von vielen Büchern, leider auch im Bereich der Fachliteratur oft enttäuscht wird, legt dieses Buch jede noch so kleine Handlungssträhne in derartiger Lebendigkeit und schon fast unglaublicher Liebe zum Detail dar, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Das alles aber wohlgemerkt bei absoluter Faktentreue und höchster journalistischer Wertarbeit.
Nach dem Absturz beginnen die Untersuchung und Aufarbeitung des Unglücks und dabei lässt der Autor noch einige brisante Bomben platzen. Neben dem schon erwähnten Hinterfragen der Sicherheitskultur innerhalb der Airline und den offensichtlichen Wartungsmängeln dürfte auch im Bereich des fliegenden Personals nicht alles regelkonform abgelaufen sein und auch die Aufsichtsbehörden haben dabei offensichtlich nicht genau hingesehen. Ich möchte dahingehend jedoch nicht zu viel spoilern aber auch diese Aussagen des Autors werden mit zahlreichen Interviews, Faksimiles und Gutachten eindrucksvoll untermauert.

Das Buch behandelt auch die Tatsache, dass bis heute keine Gedenkstätte für die Opfer in Österreich errichtet wurde. In Thailand befinden sich 3 Gedenkstätten in Teils schlechtem Zustand. Über die Zuständigkeit für die Erhaltung derselben ist man sich hierzulande leider auch nicht einig.
Abschließend sind im Buch zahlreiche sehr berührende Interviews mit Hinterbliebenen und ehemaligen Mitarbeitern der Lauda Air abgedruckt. Diese runden das Buch sehr eindrucksvoll ab und geben den Verunglückten ein würdiges Andenken.
Da ich selbst ein Sachbuch aus dem Bereich Luftfahrt veröffentlicht habe (Saab Draken in Österreich - Eine besondere Geschichte), weiß ich, welcher Rechercheaufwand hierfür erforderlich ist. Während ich an meinem Buch ca. 2 Jahre gearbeitet habe, beschäftigte sich Patrick Huber, wenn auch nicht durchgängig aber dennoch über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren mit der Thematik. Darin begründet sich auch die von mir bereits angesprochene Qualität und schier endlose Zahl an Fakten, Interviews und Dokumenten, die das Buch so wertvoll und lesenswert machen. Aus meiner Sicht stellt das Buch mehr dar als nur die Abhandlung der größten Flugzeugkatastrophe Österreichs, es ist ein Stück Zeitgeschichte das nicht nur bei ausgewiesenen Luftfahrtfans im Regal stehen sollte.
Ich möchte hier noch einmal meinen tiefsten Respekt gegenüber dem Journalisten und Autor Patrick Huber ausdrücken. Gerade in der heutigen Zeit halte ich Qualitätsjournalismus, egal in welcher Sparte, für so wichtig wie nie zu vor. Der Autor scheut sich niemals vor dem Aussprechen der Wahrheit, auch wenn sie oft unangenehm ist und er auch mit Anfeindungen oder Klagen rechnen muss. Dennoch die Haltung zu zeigen und sich klar und deutlich zu positionieren, zeigt von besonderer Größe und kann auch nur bei professioneller journalistischer Ethik über einen so langen Zeitraum Bestand haben.
Davor ziehe ich mit größtem Respekt meinen Hut.
Text: Bernd Karner, www.drakenbuch.at
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