Reportagen

35 Jahre Lauda Air Absturz: Die verschwundenen Akten der "Mozart" und die Verantwortung des Technikchefs

Die Unglücksmaschine - sechs Monate lang "doktorten" die Lauda Air Techniker an der Maschine herum, konnten bekannte Fehlermeldungen zur Schubumkehr nicht beheben. Die Warte verstießen dabei mehrfach gegen die Vorschriften des Herstellers Boeing. Dies alles geschah unter der Verantwortung des Wartungschefs W. (Name geändert) - Foto: Interessengemeinschaft Luftfahrt Fischamend / www.ilf.or.at

26 Seiten aus den technischen Unterlagen der am 26. Mai 1991 kurz nach dem Start in Bangkok abgestürzten Lauda Air Boeing "Mozart" fehlten nachweislich als die Staatsanwaltschaft Wien die technischen Unterlagen des Unglücksflugzeuges bei Lauda Air beschlagnahmte. Laut Insidern sei dies aber nur die Spitze des Eisberges. "Hunderte" Seiten Dokumente wurden vernichtet oder "verschwanden" einfach - so berichteten es in der Vergangenheit ehemalige Lauda Air Mitarbeiter immer wieder mir und anderen Journalisten in Österreich und Deutschland. Das alles geschah unter der Verantwortung von Herrn W. (NAME GEÄNDERT), seines Zeichens Wartungschef bei Lauda Air zum Zeitpunkt des Absturzes.

Das Management der Lauda Air übte seit jeher einen enormen Druck auf die Wartungsmannschaften aus, die zudem bei jedem Wetter im Freien arbeiten mussten - bei Schnee und Eiseskälte, bei Dunkelheit oder in brütender Hitze im Hochsommer. Wartungschef Ing. Hanns Pekarek, ein integrer hochqualifizierter Techniker, sah die Flugsicherheit deshalb schon lange vor dem Absturz der "Mozart" in Gefahr. Er warnte Niki Lauda daher mehrfach (aktenkundig bei der Staatsanwaltschaft Wien) doch dieser schlug alle Warnungen in den Wind. Pekarek, ein Mann mit Rückgrat und Anstand, zog für sich die Konsequenzen, verließ die Lauda Air im Jahr 1990 und erteilte aus Sorge vor einem Unglück seiner eigenen Familie Flugverbot mit Lauda Air.

Acht Monate nach diesem mutigen und verantwortungsbewussten Schritt von Ing. Hanns Pekarek verunglückte die "Mozart" als sich im Steigflug die Schubumkehr öffnete - zu diesem Zeitpunkt hätte die Maschine laut staatsanwaltschaftlichem Gutachten allerdings überhaupt nicht mehr fliegen dürfen, weil es den Technikern in den vergangenen sechs Monaten nicht gelungen war, Fehlermeldungen betreffend die Schubumkehr zu beheben. Das verantwortungsvolle Wirken und die berufliche Lebensgeschichte von Hanns Pekarek beleuchte ich auch ausführlich in meinem im Jänner 2026 erschienenen investigativen Sachbuch "Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der ,Mozart' - Österreichs größte Luftfahrtkatastrophe". Ich widmete ihm sogar ein eigenes Kapitel.

Die "Akte Mozart" wird in meinem Buch akribisch aufgearbeitet.

Pekareks Nachfolger als Wartungschef bei Lauda Air wurde ein Herr W. (Name geändert)., damals Anfang 30. W. wird von einstigen Untergebenen als ehrgeizig und opportunistisch beschrieben, als jemand, der alles daran setzte, das was Niki Lauda und das Management der Lauda Air von ihm erwarteten, auch möglich zu machen. Anders als Pekarek habe W. Niki Lauda niemals öffentlich widersprochen. So jedenfalls wurde es mir geschildert. W. soll - so ist es ebenfalls in den Akten der Staatsanwaltschaft Wien vermerkt - sogar einen seiner Untergebenen in mindestens einem Fall "unter Druck gesetzt" haben, einen großen Check eines Flugzeuges "zu unterschreiben", obwohl der Wart das noch gar nicht tun wollte. Überhaupt sei W. bei vielen seiner Mitarbeiter nicht sonderlich beliebt gewesen. Er habe oft "das Unmögliche gefordert, nur um selbst bei den Chefs gut dazustehen", so der Tenor der Kritik.

Mindestens ein Fall, in dem W. als Technikchef der Lauda Air einen Wart unter Druck gesetzt haben soll, ist in den Akten der Staatsanwaltschaft Wien dokumentiert. Mir gegenüber berichteten ehemalige Techniker, dass das kein Einzelfall gewesen sei. Allerdings ließ sich deren Behauptung nicht zweifelsfrei belegen, sodass für W. die Unschuldsvermutung gilt.

Zum Zeitpunkt des Absturzes der "Mozart" war also Herr W. als Leiter des Technikbetriebes für die Wartung und den Zustand aller Lauda Air Flugzeuge verantwortlich. Dass nachweislich 26 Seiten aus den technischen Unterlagen der "Mozart" fehlten als die Staatsanwaltschaft die Dokumente beschlagnahmte, oblag also seinem Verantwortungsbereich.

Mir liegen außerdem mehrere Zeugenaussagen von verschiedenen ehemaligen am Flughafen Wien beschäftigten Personen vor, die angaben, dass diese 26 Seiten nur die "Spitze des Eisberges" gewesen seien. Lauda Air habe nach dem Absturz mindestens "hunderte Seiten" aus den technischen Unterlagen der Unglücksmaschine "vernichtet" oder "verschwinden lassen". Mehrere Personen berichteten glaubhaft, selbst gesehen zu haben, wie Akten geschreddert wurden.

Freilich konnten (oder wollten) sie nicht sagen, wer den Auftrag zur Aktenvernichtung erteilt hatte und es wird an dieser Stelle ausdrücklich festgehalten, dass niemand Herrn W. unterstellt hat, der Auftraggeber gewesen zu sein - und auch ich beschuldige ihn nicht.

Wenn Juristen aber einen Sachverhalt oder eine Darstellung bewerten, unterscheiden sie nach "lebensnah" oder "lebensfremd". Jetzt muss man sich die Frage stellen wie "lebensnah" es ist, dass einfache Warte ohne Entscheidungsbefugnis nach dem größten österreichischen Flugzeugunglück plötzlich ganz alleine für sich entscheiden, hunderte Seiten Akten herauszusuchen und verschwinden zu lassen - womit sie sich auch noch hochgradig strafbar machen würden. Die Antwort ist einfach: Das ist völlig lebensfremd, total unrealistisch.

"Lebensnah" dagegen ist, dass die "Entsorgung" dieser Akten von einer höheren Stelle innerhalb des Unternehmens angeordnet wurde. Wer genau das war, wird so lange im Dunkel bleiben, bis jemand der damals Involvierten sein Gewissen erleichtert und sein Schweigen bricht.

Die Fakten liegen aber auf der Hand: 26 Seiten der technischen Dokumente der "Mozart" fehlten nachweislich vollständig in den von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Unterlagen. Der Hund wird sie kaum gefressen haben. Die einzig logische Erklärung ist die vorsätzliche Vernichtung oder anderweitige Beseitigung dieser Unterlagen durch Mitarbeiter der Lauda Air - wie mir auch mehrfach bestätigt wurde. Es gibt außerdem aufgrund zahlreicher Zeugenaussagen in persönlichen Gesprächen mit Zeitzeugen den begründeten Verdacht, dass tatsächlich hunderte Seiten aus den technischen Unterlagen der "Mozart" verschwunden sind. Und Fakt ist ebenfalls, dass Herr W. als Leiter des Lauda Air Wartungsbetriebes gesamtverantwortlich war. Alles was dort geschah, unterlag seiner Verantwortung, egal ob er es persönlich angeordnet hat oder nicht. Egal ob er davon wusste oder nicht. Die Schlüsse, die sich daraus ergeben, sind logisch und zwingend. Wenn W. nichts davon wusste, wäre er als Chef der Wartungsabteilung absolut inkompetent gewesen. Wenn er etwas davon wusste und die Entsorgung der Akten nicht unterbunden hat, wäre das ebenso kriminell gewesen wie das Anordnen der Aktenvernichtung selbst (wer auch immer das getan hat). Was davon zutrifft, weiß wohl nur W. selbst. Jeder Leser kann sich jedoch unschwer sein eigenes Bild davon machen, welches Szenario als "lebensnah" und welches als "lebensfremd" anzusehen ist - insbesondere vor dem Hintergrund, dass in der Lauda Air Technik "jeder jeden kannte", weil es ein recht kleines Team war. Da wäre es in der Praxis wohl unmöglich gewesen unbemerkt große Mengen Unterlagen zu entsorgen oder zu vernichten, zumal der Absturz der "Mozart" auch monatelang "das" Gesprächsthema unter den Mitarbeitern der Lauda Air war.

Als Lauda Air die "Mozart" Ende Jänner 1991 auf eine 39-stündige Australien-Rotation schickte, hätte sie gar nicht mehr starten dürfen. Auch beim Unglücksflug am 26. Mai 1991 war sie "illegal" unterwegs. Das alles geschah unter der Verantwortung des Wartungschefs W. (Name geändert), welcher der Entscheidung des Managements, das Flugzeug trotzdem einzusetzen, offenbar nicht widersprach - Foto: Archiv Autor

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass W. in weiterer Folge eine ausgesprochen steile Karriere hinlegte und auch später bei einer weiteren Fluglinie von Niki Lauda in leitender Position tätig war. Strafrechtlich hat W. in keinem Fall etwas zu befürchten. Denn selbst wenn er (was ihm ausdrücklich nicht unterstellt wird) die Vernichtung der Akten tatsächlich selbst angeordnet HÄTTE, so wäre diese Straftat bereits längst verjährt.

Aus Anstand gegenüber den Hinterbliebenen sollte er aber sein Schweigen brechen, reinen Tisch machen und das, was er über die Vorgänge bei Lauda Air Technik zu seiner Zeit weiß, endlich offenlegen. Immer mehr ehemalige Lauda Air Mitarbeiter tun seit Erscheinen meines Buches nämlich genau das und erleichtern ihr Gewissen nach so langer Zeit. Erst diese Woche traf ich mich mit mehreren von ihnen und was sie über die Zustände in der Lauda Air Technik zu erzählen hatten, könnte fast schon ein weiteres Buch füllen.

Dass Lauda Air bei der Wartung der Unglücksmaschine "Mozart" massiv sowie wiederholt gegen Wartungsvorschriften verstoßen hat (unstrittig dokumentiert durch das staatsanwaltschaftliche Gutachten von Prof. DDipl. Ing. Dr. techn. Ernst Zeibig) und damit trotz des vorhandenen Konstruktionsfehlers eine de facto (aber nicht de jure!) Mitverantwortung am Absturz vom 26. Mai 1991 trägt, ist mittlerweile ohnedies öffentlich bekannt - in der Fachwelt war das schon seit Jahren allgemeiner Konsens. Es bringt also nichts mehr, zu schweigen. Die Hinterbliebenen der 223 Menschen, die an Bord der "Mozart" wegen eines Konstruktionsfehlers gepaart mit schlampiger Wartung durch Lauda Air aufgrund von Managemendruck sterben mussten, aber haben sich endlich Antworten auf all ihre quälenden Fragen verdient. Herr W. (Name geändert) als ehemaliger Wartungschef der Lauda Air könnte ihnen sicherlich etliche davon beantworten.

Text: Patrick Huber